Die Rede von Bundesrat Moritz Leuenberger, vor 36 aufgereihten Särgen im Flughafenhangar, kann Maria Z. (Name der Redaktion bekannt) inzwischen auswendig. «Die ganze Schweiz ist betroffen. Wir werden alles tun, um Ihnen jetzt, aber auch später helfen zu können», sagte Leuenberger. Das war im November 1997, nach dem Attentat im ägyptischen Luxor, bei dem 62 Menschen ums Leben kamen. 36 der Opfer stammten aus der Schweiz, auch der Mann von Maria Z.

Die 32-jährige Mutter von zwei Kindern wollte damals für einmal nur mit ihrem Mann verreisen. Es sollten ihre zweiten Flitterwochen werden – eine Woche an der Wärme in Ägypten. Doch alles kam anders: Maria Z. kehrte schwer verletzt zurück, ihr Mann wurde von den Attentätern getötet. Als sie nach einem Monat aus dem Spital kam, wog sie noch 38 Kilogramm. «Ich hörte die tröstenden Worte von Bundesrat Leuenberger, da fühlte ich mich nicht ganz im Stich gelassen», sagt sie.

Zähes Ringen schon nach Luxor

Unter den Trauernden, zu denen Leuenberger sprach, sass auch René Schär. Er hatte beim Attentat seine älteste Tochter verloren. Nach den magistralen Worten hätte er sich nicht vorstellen können, was für ein zähes Ringen mit den Behörden vor ihm liegen würde. Erst nach Monaten harter Verhandlungen der Opferanwälte mit Reiseveranstaltern, Versicherungen und kantonalen Opferhilfestellen einigten sich die Beteiligten doch noch: Sie bezahlten gemeinsam Geld in einen Pool zugunsten der Opfer und Hinterbliebenen ein, und auch der Bund beteiligte sich. René Schärs Anwalt, Eric Blindenbacher, erinnert sich: «Eine solche Lösung liesse sich heute kaum mehr realisieren, denn unterdessen hat sich der Verteilkampf massiv verschärft.»

Doch das kümmert den Bundesrat wenig. Er will in Zukunft die Opfer von Straftaten ausserhalb der Schweiz finanziell ganz sich selbst überlassen: Vom Staat soll es schon bald überhaupt kein Geld mehr geben. «Man kann doch nicht die Kantone zur Kasse bitten, weil einer ihrer Bürger findet, er gehe in einen asiatischen Staat, und ihm dann dort etwas passiert», sagte Bundesrat Christoph Blocher an einer Medienkonferenz.

«Etwas passiert» ist auch der 20-jährigen Simone Keller (Name geändert). Allerdings nicht in Asien, sondern in einem von Schweizern gern bereisten Land am Mittelmeer. Dort vergewaltigte sie ein Einheimischer am Strand. Der Täter wurde mit zehn Jahren Gefängnis bestraft. Als Schmerzensgeld erhielt die junge Frau drei Jahre nach der Tat als Opferhilfe eine Genugtuung von 15'000 Franken. Damit kann sie ihrer Mutter endlich die Kosten für den Flug zur Gerichtsverhandlung im Ferienland zurückzahlen. Sie ginge nach Blochers Willen künftig leer aus. «Ohne dieses Geld würde ich mich doppelt gestraft fühlen: als Opfer des Vergewaltigers, aber auch im Stich gelassen und gedemütigt vom Staat», sagt Simone Keller.

Die Kantone wollen den Hahn zudrehen

Hinter dem Opferhilfegesetz steckt die Idee, dass der Staat für die Sicherheit seiner Bürger sorgen muss. Passiert trotzdem etwas, sollen die Betroffenen nicht allein gelassen werden, sondern von Opferhilfestellen beraten und für den erlittenen seelischen Schmerz mit einer so genannten Genugtuung entschädigt werden. Das Gesetz, das seit 1993 in Kraft ist, geht ursprünglich auf eine Initiative des Beobachters zurück. Zum Tragen kommt diese Opferhilfe erst, wenn weder beim Täter noch sonst wo Geld zu holen ist.

Auslöser für die aktuelle Totalrevision des Gesetzes sind in erster Linie die Kantone, die befürchten, die stets steigenden Kosten liefen aus dem Ruder. Tatsächlich sind die Ausgaben angewachsen, seit das Gesetz in Kraft ist. Doch in den letzten Jahren haben sich die Beträge stabilisiert.

Am teuersten ist die Beratungsarbeit der Opferhilfestellen mit etwas mehr als 20 Millionen Franken pro Jahr. Genugtuungen machen jährlich rund sieben Millionen Franken aus. Im Vergleich dazu kosten allein die über zwei Millionen Aufenthaltstage von Tätern in Strafanstalten vorsichtig geschätzt über 400 Millionen Franken pro Jahr.

Nicht nur bei den Opfern im Ausland will der Bundesrat sparen, auch für Angehörige und Opfer im Inland soll die Hilfe beschränkt werden. Nach dem Amoklauf von Friedrich Leibacher im Zuger Kantonsparlament 2001, bei dem der Täter 14 Menschen umbrachte, erliess die Zuger Sicherheitsdirektion eine Richtlinie zur Genugtuung für Angehörige von Verstorbenen: 60'000 Franken erhielten Ehegatten, die ihren Partner verloren hatten. Zu viel, findet jetzt der Bundesrat: Er will den Angehörigen von Opfern nicht mehr als 35'000 Franken Genugtuung zugestehen. Überlebende Opfer selbst sollen höchstens 70'000 Franken erhalten.

Dabei war das Attentat von Zug die grosse Ausnahme. Denn in den meisten Fällen werden schon heute viel tiefere Summen gesprochen: So bekam im Jahr 2004 die Hälfte der rund 700 Opfer von Straftaten eine Genugtuungssumme von je unter 5'000 Franken. Knapp darüber lag die Genugtuung für die Wirtin Dolores M. (Name der Redaktion bekannt), die in ihrer Wirtschaft von einem Stammkunden brutal vergewaltigt wurde. Der Täter wurde zu zweieinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt, sie bekam 8'000 Franken Genugtuung.

Schon der Aufwand, im Alltag wieder Tritt zu fassen, kostete allerdings ein Mehrfaches: Nach einem Zusammenbruch begab sich Dolores M. längere Zeit in therapeutische Behandlung, sie musste ihren Beruf aufgeben und den Wohnort wechseln. «Für den Täter wird gesorgt, er hatte einen Betreuer, doch ich als Opfer kam unter die Räder und musste selbst sehen, wo ich bleibe», kritisiert Dolores M.

Anwälte befürchten, dass in ähnlichen Fällen der Staat in Zukunft noch weniger bezahlen wird. Denn die Opferhilfestellen werden ihren Massstab zwangsläufig nach der neuen maximalen Limite ausrichten und die Ansätze nach unten korrigieren müssen.

«Opfer haben keine Lobby»

Laut dem Zürcher Rechtsanwalt Peter Fertig, der häufig Geschädigte vertritt, kann eine angemessene Genugtuung den Opfern helfen, ihre traumatischen Erlebnisse zu verarbeiten. Opfer bräuchten ein Zeichen, dass sie ernst genommen würden. Eine sehr geringe, symbolische Genugtuung aber sei für sie wie eine Ohrfeige, die bei der Verarbeitung mehr schade als nütze. «Gewaltopfer leiden häufig unter Wut und Verzweiflung, die in Hass umschlagen können, wenn noch das Gefühl dazukommt, vom Staat im Stich gelassen zu werden.»

Der Vorschlag des Bundesrats kommt nächstens ins Parlament, doch die Chancen auf eine Kurskorrektur stehen schlecht. Die Vernehmlassung hat bereits gezeigt, dass eine Mehrheit der Kantone die Sparvorlage begrüsst, einzelne Kantone wie Graubünden oder Thurgau wollen die Genugtuung am liebsten ganz abschaffen. «Opfer haben keine Lobby», klagt Anwalt Eric Blindenbacher.

Und sein Klient René Schär sagt: «Jeder Betroffene würde doch liebend gern auf Schmerzensgeld verzichten, wenn er die Tat ungeschehen machen könnte.» Käme dieser Vorschlag des Bundesrats durchs Parlament, wäre das für ein Land wie die Schweiz «himmeltraurig», denn treffen könne es jeden.

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