PRO – von Ursula Trümpy

Es soll ja Stadtkids geben, die den kausalen Zusammenhang zwischen einer Tetrapackung Milch und einem Kuheuter nicht herzustellen vermögen; die mehr Pokémon-Figuren aufzählen können als heimische Nutztiere...

Entfremdung – der ich als Pendelnde zwischen Zürcher Wohnung und Thurgauer Bauernhaus teilweise selbst unterliege. Denn im Grunde bin ich ein urbanisiertes Landei; unter der hippen Schale ein Naturkind, das oft in der Erde wühlte. Ich wünsche jedem Kind, was ich erleben durfte: ausgedehnte Streifzüge und Schnitzeljagden durch Feld und Wald, Erkundungstouren in Nachbars Scheune. Und diese Gerüche erst! Frisch geschnittenes Gras, gärendes Fallobst – die Luft war permanent duftgeschwängert. All dies als niederschwelliges sensorisches Angebot, draussen vor der Tür. Das Landleben bietet Kindern einen (Frei-)Raum, der dem getakteten Stadtgetriebe seine organische Eigenschwingung entgegensetzt.

Es geht nicht darum, ein realitätsfernes Astrid-Lindgren-Idyll zu propagieren. Es geht um eine existenzielle Erfahrung, um Naturbildung, die sich Stadtkindern nur fragmentarisch erschliesst. Kein Schrebergarten, kein auf Urban Gardening getrimmter Balkon, kein Stadtpark kann diesen Horizont vermitteln: einen Naturbezug, der grössere Zusammenhänge und Kausalitäten erkennen lässt - nicht bloss die zwischen Milchtüte und Kuheuter.

KONTRA – von Helmut Stalder

Ich kann sie nicht mehr hören, die Hymne aufs Landleben, das so gut sei für Kinder. Luft, Freiraum, Acker und Scholle und ab und zu die Hose voll Kuhfladen, das sei unverzichtbar für eine glückliche Kindheit und die Charakterbildung, heisst es. Es stimmt schon, dass Kinder erfahren sollen, woher die Milch kommt, dass sie Natur erleben und ihre Nachbarn grüssen. Aber die Idee, dass nur in einem ländlichen Idyll gesunde Menschen heranwachsen, halte ich für eine Verklärung, ein spätes Echo aufs 18. Jahrhundert und auf Jean-Jacques Rousseaus «Retour à la nature»-Ideologie.

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Frage ich meine Kinder, warum sie gern in Winterthur leben, wird die Liste lang: Es gebe alles, und alles liege nahe, Schule, Sportplatz, Badi, Kino, all die Läden und Essbuden, Pärke und Wald, viele Freunde – und ja, auch Museen und der Zahni und was so sein muss. In der Stadt sei es spannender als irgendwo im Kakao.

Urbanistiker sagen das Gleiche, nur umständlicher: Städte sind multifunktional, multioptional, multikulturell und erbringen viele Zentrumsleistungen. Kinder schätzen dies wie ihre Eltern und 74 Prozent der Schweizer Bevölkerung, die städtisch wohnen. Es tut Kindern gut, in diesem Umfeld aufzuwachsen, sich zu orientieren, sich zu behaupten. Sie werden lebenstüchtig, vielseitig, weltoffen, tolerant. Die Stadt ist die bessere Lebensschule als ... – nein, die Pointe mit dem Kuhfladen lasse ich weg.

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