Unten im Toggenburger Tal liegt Nesslau-Krummenau, darüber die Fraktion Laad – «de Fläcke», wie die Bauernsame die Siedlung mit 217 Einwohnern nennt. Die Gegend wird überragt von Speer und Churfirsten: eine Landschaft von herber Schönheit, prädestiniert als Kulisse für einen Heimatfilm.

Der «Fläcke» verfügt über einen Schiessstand: vier Scheiben, ein Schützenhaus, ein Verein mit rund 30 aktiven Mitgliedern. Im ganzen Land sind ähnliche Einrichtungen zu finden. Am Wochenende vom 27. bis 29. Mai sind viele der Anlagen Austragungsort für das «grösste Schützenfest der Welt», das jährliche Feldschiessen. In der Laad wird es diesmal zwar nicht knallen. Doch vor drei Jahren organisierte der Militärschützenverein Speer-Laad (MSV Speer) das örtliche Feldschiessen mit Festwirtschaft. Drei Töchter von Werner und Marianne Scherrer gehörten damals dem Verein an und halfen tatkräftig mit, einen happigen Gewinn einzufahren. Der sarkastische Kommentar von Vater Scherrer: «Dieser Gewinn erlaubt es dem Schützenverein heute, den Anwalt im Streit gegen mich zu bezahlen.»

Scherrer steht seit Jahren wortwörtlich in der Schusslinie des MSV Speer: Sein Bauerngut liegt zwischen Schützenstand und Scheiben. Der Schiesslärm ist ein Problem. Doch mehr Sorgen bereitet der Familie mit sechs Kindern die Sicherheit. Die Scherrers sehen von ihrer Stube direkt in die Mündungen der Sturmgewehre. Nur 50 Meter liegen zwischen Haus und Schusslinie. Ihre Befürchtung: Zielt ein Schütze daneben, könnte die Kugel im Haus einschlagen. Ein Schuss in den Boden könne einen Querschläger verursachen, denn unter der Grasdecke habe es Nagelfluh, sagt Werner Scherrer. Beim Abbruch des alten Stalls habe er denn auch Projektile in den Balken gefunden.

Doch die Schützen haben ein verbrieftes Recht, Scherrers Land zu überschiessen – seit sein Vater 1951 die Bewilligung dafür gab. 2001 schöpfte der Bauer Hoffnung, als publik wurde, dass der Schützenstand den Lärmschutzvorschriften nicht mehr genüge. Ein Jahr später beschloss die Gemeinde, eine Schallschutzdämmung in den Stand einzubauen. Als Werner Scherrer seine Sicherheitsbedenken anmeldete, ergänzte die Gemeinde das Projekt mit Seiten-Nahblenden, die den direkten Beschuss verunmöglichen sollten.

Verstümmelte Kuh, sabotierter Traktor

Der eidgenössische Schiessoffizier bescheinigte zwar, dass damit der Sicherheit Genüge getan sei. Scherrer aber glaubte nach Einsicht der Projektpläne nicht daran. Er erhob Einspruch und verlangte die Schliessung des Standes. Die Gemeinde lehnte das Begehren ab, worauf der Familienvater mit einem Rekurs an das kantonale Baudepartement gelangte.

Mit Erfolg. Das Departement belehrte den Gemeinderat, dass die Blenden einer Baubewilligung bedürften und dass er abklären müsse, ob eine Verlegung des Schiessbetriebs auf eine andere Anlage in Frage komme. Dies lehnt der MSV Speer ab. Eine eigenartige Haltung, verfügt doch die Gemeinde Nesslau-Krummenau mit rund 3500 Einwohnern über vier weitere Schiessstände mit insgesamt mehr als 15 Scheiben. Für ähnlich grosse Gemeinden im Mittelland reichen acht Scheiben. Diesen Vergleich lässt Vereinspräsident Ruedi Rust nicht gelten: «Im Toggenburg ist die Begeisterung fürs Schiessen grösser als im Mittelland.» Doch mit der Armeereform ist auch im Toggenburg die Zahl der «Obligatorisch-Schützen» stark zurückgegangen. Letztlich befürchten die Vereinsmitglieder, ohne eigenen Stand würde der MSV Speer das Zeitliche segnen.

Der Konflikt wirft auch Schatten aufs Alltagsleben in der Laad. Im Männerchor hat Werner Scherrer seine prominente Stellung als Solojodler verloren. Er spricht unumwunden von einem Rauswurf. Dirigent Peter Scherrer kontert: «Er hat mir telefonisch mitgeteilt, dass er vorläufig nicht mehr an den Proben teilnehme. Er wurde später von Chormitgliedern persönlich eingeladen, wieder mitzumachen.» Mit den «Nochpuure» hätten sie es zwar gut, sagt Marianne Scherrer, doch einige Personen spielten ihnen übel mit. Werner Scherrer zeigt das Foto des verstümmelten Euters seiner Kuh Clara: «Da hat einer mit dem Messer hineingeschnitten, das sagt auch der Tierarzt.» Zweimal habe jemand das Rad seines Traktors gelöst. Er habe dies knapp vor der Katastrophe bemerkt. Diese Vorfälle stellt Scherrer in Zusammenhang mit dem Streit um die Schiessanlage. Beweise fehlen ihm.

Maja Kuratli, Lehrerin und Einwohnerin der Laad, ist der Meinung, man bringe der Familie zu wenig Verständnis entgegen. Und beide Parteien litten unter dem allgemeinen Egoismus, der im «Fläcke» um sich greife. Die Bauern kämpften ums Überleben. «Jeder schaut nur noch für sich, dabei wäre es gerade jetzt wichtig, man würde sich zusammenraufen», sagt sie.

Der Direktor teilt beim Schiessen

Wie die meisten kleinen Siedlungen verliert auch die Laad ihre Eigenständigkeit. Der Dorfladen hat schon vor 30 Jahren dichtgemacht, die Schule wird nur noch bis zu den Sommerferien weitergeführt. Ob das einzige Wirtshaus überlebt, steht in den Sternen. Der Starrsinn des MSV Speer erscheint in diesem Licht auch als ein Festhalten am Rest des Dorflebens. Zumindest halbwegs ist dieser Kampf aber ohnehin verloren, wohnen doch etliche Schützen nicht mehr im Dorf. Der gesamte Vorstand ist nicht einmal mehr in Nesslau-Krummenau ansässig.

Das Aus des eigenen Schützenhauses muss im Übrigen nicht das Ende eines Vereins bedeuten. Urs Weibel, Direktor des Schweizer Schiesssportverbands, zum Beobachter: «Der Verein, in dem ich schiesse, teilt den Stand mit einem zweiten Verein. Das gibt keinerlei Probleme.»

Quelle: Andreas Eggenberger
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