Beim Klabautermann! Echte Seebären können über die neusten Ideen, die sich die Berner Landratten ausgedacht haben, nur den Kopf schütteln. Erich Hefti, Oberkapitän bei der Schweizerischen Bodensee-Schifffahrtsgesellschaft, hält sie für «übertrieben und unverhältnismässig». Ebenso ärgert sich Hans Dietrich, Leiter der Zürichsee-Schifffahrtsgesellschaft (ZSG): «Ich werde den Verdacht nicht los, dass bei diesen Vorschlägen einige Theoretiker am Werk waren.»

Der Bundesrat will, dass künftig jedes Passagierschiff auf einem grösseren Schweizer See so viele Schwimmwesten an Bord hat, wie es maximal Passagiere aufnehmen darf. Ein ausgebuchtes Schiff muss heute nur für jeden zweiten potenziellen Schiffbrüchigen eine Weste stellen.

Deutsche und österreichische Schiffe sind schon heute diesen strengen Regeln unterworfen. Doch damit ist es laut Bundesrat längst nicht getan. Im Winter sollen die Schweizer Dampfer, Wein- und Fondueschiffe künftig zusätzlich aufblasbare Rettungsinseln mitführen – für jeden Passagier einen Platz. Damit soll verhindert werden, dass Schiffbrüchige ins kalte Wasser springen müssen. Dort droht bekanntlich bereits nach wenigen Minuten der Tod durch Unterkühlung. Wer den Film «Titanic» gesehen hat, weiss, wovor sich das zuständige Bundesamt fürchtet.

Kosten in Millionenhöhe

Weil die Bundesverwaltung den Winter von Anfang November bis Ende April definiert, müssten bei der Zürichseeflotte alle Schiffe nachgerüstet werden. Denn die Saison beginnt an Ostern. Die Nachrüstung würde eine halbe Million Franken kosten, alle Schweizer Schiffsbetriebe zusammen müssten laut Litra, dem Informationsdienst des öffentlichen Verkehrs, mit 4,6 Millionen Franken rechnen. Was aber wirklich ins gute Tuch geht: die Wartung der Aufblasinseln. Sie würde die ZSG laut Dietrich jährlich zusätzlich eine halbe Million Franken kosten. Um das wettzumachen, müsste die ZSG die Ticketpreise um fünf Prozent erhöhen. Oder die Saison künftig erst im Mai eröffnen. Andere Schiffsgesellschaften denken laut über Personalabbau und Ausmusterung von Schiffen nach.

Der Bundesrat hingegen hält seine Argumentation für wasserdicht: Das Sicherheitsniveau der Schweizer Seeschifffahrt drohe sonst «im internationalen Vergleich ins Hintertreffen zu geraten».

Eine Nachfrage bei der Bodenseeflotte ergibt ein anderes Bild. «Früher hatten wir freiwillig solche Rettungsinseln, doch deren Wartung war zu teuer. Mittlerweile sind wir davon abgekommen», sagt Helmut Rothengass von den Bodensee-Schiffsbetrieben in Konstanz. «Aufblasbare Rettungsinseln sind nicht vorgeschrieben.» Genauso wenig in Österreich: «In der Regel befinden sich auf unseren grossen Schiffen ein Rettungsboot, bis zu sechs Rettungsflosse, Rettungsringe, und der Rest (zirka 90 Prozent) wird durch Rettungswesten abgedeckt», sagt Siegfried Lisch von der ÖBB-Bodenseeschifffahrt Bregenz. Und die eisigen Gefahren in der kalten Jahreszeit? «Uns ist nicht bekannt, dass die herkömmlichen Rettungsmittel im Winter nicht genügen sollten.»

So richtig in Rage geraten die Kapitäne auf den Schweizer Seen, weil sie den wahren Grund für die geplante Sicherheitsaufrüstung kennen: vorauseilender Gehorsam. Und zwar weit voreiliger als nötig. Die Bundesverwaltung rechnete damit, dass die EU solche Rettungsinseln bald vorschreibt. Also wollte man ohnehin kommendes Recht angleichen. Ende November hat nun aber die zuständige Zentralkommission für die Rheinschifffahrt, ein Verbund der Rhein-Anliegerstaaten, «überraschend» diese Rettungsmittel doch nicht für obligatorisch erklärt, teilt Gregor Saladin vom Bundesamt für Verkehr mit.

Die Vernehmlassung dauert noch bis Ende März. Dann wird der Bundesrat entscheiden, ob wir reif für die Inseln sind oder nicht.

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