So viele Schmerzpillen wie in den letzten zwölf Monaten habe ich noch nie gebraucht», sagt Ursula Kuhn. Seit dem Umzug in die neue Eigentumswohnung leidet die Familie immer wieder unter Kopfweh, Schwindel, Herzrasen, Müdigkeit und trockenen Schleimhäuten. Über ähnliche Symptome klagen auch die Nachbarn im Gebäude L des Wohnparks Balance im zürcherischen Wallisellen.

Dabei hatte alles so gut angefangen: «Als uns das Projekt erstmals gezeigt wurde, hätten wir den Kaufvertrag am liebsten gleich sofort unterschrieben», sagt Ursula Kuhn. «Die Wohnungen waren genau das, was wir für unsern Haushalt mit drei Generationen gesucht hatten.»

Drei Punkte unterscheiden den Wohnpark von andern Siedlungen: Die 61 Wohnungen in 13 Häusern sind 200 Quadratmeter gross und können von den Käufern frei unterteilt werden. Vom Loft bis zur 6-Zimmer-Familienwohnung sind zig Varianten möglich. Auch der Kaufpreis kann sich sehen lassen: Eine Wohnung kostet nur rund 700000 Franken. Tiefer als üblich ist auch der Energieverbrauch: Dank dick isolierten Fassaden und einer Lüftungsanlage, die die Wärme in den Wohnungen behält, sollen die strengen Energiestandards eingehalten werden.

Störende Kochdüfte vom Nachbarn

Doch genau die Lüftungs- und Heiztechnik dürfte der Grund für die Probleme der Bewohner im Haus L sein. Bereits einen Monat nach dem Einzug im letzten Mai fiel den Familien Niederer und Kuhn erstmals auf, dass etwas nicht stimmte: Essensdüfte und Zigarettenrauch aus der einen Wohnung waren auch in der andern Wohnung zu riechen. Generell war die Luft stickig und schlecht. «Bei geschlossenem Fenster war es drinnen fast nicht auszuhalten», sagt Maya Niederer. Eigentlich paradox. Denn die Lüftungsanlage soll das Öffnen der Fenster zum Lüften unnötig machen.

Die Bewohner im Haus L rügten den Mangel beim Generalunternehmer und bei der Lüftungsfirma. Mit wenig Erfolg. Ursula Kuhn: «Da und dort wurde etwas an der Anlage geflickt, doch an der Luftqualität änderte sich nichts.» Weitere eingeschriebene Briefe folgten – sie füllen unterdessen einen Ordner. «Doch Antwort erhielten wir nie», sagt Ursula Kuhn.

War es draussen kalt, kam ein weiteres Problem dazu: Die Bewohner hatten zwar einen warmen Kopf, aber kalte Füsse. Die Temperaturen in Bodenhöhe erreichten oft nur 16 bis 18 Grad. Auch der zu Hilfe gerufene Anwalt des Hauseigentümerverbands habe bis jetzt nichts erreicht, sagt Maya Niederer. «Ich fühle mich vom Generalunternehmer nicht ernst genommen, als Simulantin abgestempelt und frage mich langsam, was es noch alles braucht, bis etwas passiert.» Schliesslich gehe es nicht um eine krumme Wand, sondern um die Gesundheit der Bewohner.

«Wir sind uns bewusst, dass ein Nachholbedarf bei den Lüftungen besteht», sagt Generalunternehmer Andreas Streich. «Ich habe alles in meiner Macht Stehende getan, um die Mängel zu beheben – denn das Balance-Projekt liegt mir am Herzen.» Die Versuche, die ersten zehn der 61 Anlagen zum Laufen zu bringen, hätten aber gezeigt, dass der Fehler nicht so leicht zu finden sei. Die Arbeiten seien deshalb zeitweise eingestellt und das weitere Vorgehen kommuniziert worden. «Die Haustechnik ist so diffizil wie ein Formel-1-Auto», sagt Andreas Streich. «Wir haben das wohl unterschätzt.»

Jetzt will der Generalunternehmer das technische Problem endlich in den Griff bekommen. Experten sollen in diesen Tagen einen Sanierungsvorschlag für das Heiz- und Lüftungssystem vorlegen. «Sobald die Strategie klar ist, legen wir los.» Dazu ist er nach Norm 118 des Schweizer Ingenieur- und Architektenvereins auch verpflichtet. Diese verlangt von der ausführenden Firma – im Fall des Wohnparks Balance ist das der Generalunternehmer –, gerügte Mängel innert nützlicher Frist zu beheben.

ETH-Physiker bestätigt Mängel
Inzwischen haben auch die Bewohner die Initiative ergriffen und einen Bauphysiker der ETH in Zürich mit einer Untersuchung beauftragt. «Wir haben bewusst jemanden gewählt, der neutral und nicht von irgendeinem Hersteller abhängig ist», sagt Ursula Kuhn. Das Ergebnis der Messungen in ihrer Wohnung bestätigt, was die Bewohner schon lang selber bemerkt haben und auch vom Generalunternehmer nicht abgestritten wird: Die in Wallisellen eingebaute Lüftungsanlage hat Mängel. Unter anderem, so ist im Untersuchungsbericht zu lesen, müsse die Luftzufuhr möglichst bald verbessert werden.
Ursula Kuhn hofft, dass die Sanierungsarbeiten nun rasch an die Hand genommen werden und der Wohnpark Balance endlich das wird, was er eigentlich sein will: eine Siedlung mit Vorbildcharakter.

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