Die aktuelle Urban-Gardening-Bewegung nimmt meist Bezug auf Gemeinschaftsgärten in New York City, die in den 1970er-Jahren im Sog einer Wirtschaftskrise entstanden. Bild: Thinkstock Kollektion

Urban GardeningTeamwork für grüne Daumen

Wie gelingt ein Gemeinschaftsgarten? Von den Erfahrungen der hiesigen Pioniere können neue Projekte profitieren – und so Startschwierigkeiten vermeiden.

von Reto Westermann

Gemeinschaftsgärten in den Städten boomen: Der Stadiongarten auf der Brache des Hardturms in Zürich oder der Landhofgarten mitten in Kleinbasel sind nur zwei Beispiele. Im Gegensatz zu klassischen Schrebergärtnern setzen die Gemeinschaftsgärtner auf Eigenverantwortung und lockeres Miteinander. Gepflanzt wird meist in Kisten oder alten Badewannen. «Viele, die mitmachen, stammen aus der Umweltbewegung oder der Alternativwirtschaft und sind informelle Formen des Zusammenarbeitens gewohnt», sagt Isidor Wallimann, Präsident des Vereins Urban Agriculture Netz Basel. Der Verein betreut derzeit rund 40 Projekte in der Stadt.

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Wurzeln im New York der siebziger Jahre

Die Idee, Gemüse in der Stadt anzubauen, ist nicht neu: «Die Tradition reicht rund 150 Jahre zurück bis zur Gründung der ersten Schrebergärten, die aktuelle Bewegung nimmt aber meist Bezug auf Gemeinschaftsgärten in New York City, die in den 1970er-Jahren im Sog einer Wirtschaftskrise entstanden», sagt Martin Sondermann, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Umweltplanung an der Universität Hannover. Die Motivation, selber Gemüse anzubauen, sei bei den meisten Beteiligten die­selbe: «Spass am Gärtnern und eine kritische Sicht auf die industrielle Landwirtschaft.»

Auch wenn der Betrieb der Gärten in der Regel sehr informell erfolgt, steht oft ein Verein oder eine Genossenschaft dahinter. «Die Rechtsform erleichtert den Kontakt mit Grundstücksbesitzern oder potenziellen Geldgebern», sagt Dorothea Müller, Vorstandsmitglied des Vereins Stadiongarten. Eine Mitgliedschaft ist für die Gärtnerinnen und Gärtner dort aber nicht Pflicht, und die Beete werden am jährlichen Saisoneröffnungsfest vergeben. Danach ist jeder selber verantwortlich. Die Leute organisieren sich untereinander, der Verein stellt lediglich das Grundstück sowie Werkzeug zur Verfügung. Die Kosten der Gemeinschaft werden durch Spenden, Beiträge von Stiftungen oder Schenkungen gedeckt. Die Erfahrungen mit der ­lockeren Organisation sind nach zwei Jahren Betrieb gut: «Die Leute merken bald, dass ein Garten viel zu tun gibt. Daher engagieren sich nur diejenigen länger, die auch Lust und Zeit dafür haben», sagt Dorothea Müller.

Förderung der Identität

Trotzdem waren kleinere Korrekturen nötig: Während man zu Beginn vernachlässigte Beete noch eher ihrem Schicksal überliess, werden diese nun rasch weitervergeben. Zudem steht den Laien seit einiger Zeit ein Profi zur Seite: Ein Gärtner, dessen Lohn ebenfalls über den Verein läuft, hilft mit Rat und Tat und behält auf dem Gelände den Überblick. In Basel überlegt man sich ebenfalls den Beizug von Profis: «Wir ­planen, eine Wandergärtnerin anzustellen, die bei den Projekten vorbeischaut», sagt Isidor Wallimann. Er hat noch einen weiteren Tipp bereit: «Der Garten sollte möglichst in der Nähe des Wohnorts seiner Nutzer liegen – das vereinfacht die Pflege und fördert die Identität in der Gruppe und im Quartier.» Dass bald weitere Projekte hinzukommen, steht für ihn ausser Frage: «Der Umweltaspekt wird für viele Leute immer wichtiger, und Volksinitiativen wie die­jenige zur ­Lebensmittelsouveränität werden der Bewegung weiter Auftrieb geben.»

Buchtipps

Christa Müller (Hg.): «Urban Gardening – Über die Rückkehr der Gärten in die Stadt»; Oekom-Verlag, Fr. 29.90

Das ist Urban Gardening!, Karen Meyer-Rebentisch, Verlag blv, Fr. 29.90