Tuttwil, ein Dorf in der Gemeinde Wängi, Bezirk Münchwilen, Kanton Thurgau. Rund 300 Menschen leben dort, fast ebenso viele Kühe und noch mehr Hühner. Beschaulich fliesst das Leben in der Regel dahin. Aber keine Regel ohne Ausnahme. Auf dem Holderberg gibts seit kurzem Stress. Dort liegt der Hof des 58-jährigen André Bourquin.

Doch den Holderberg, die Wohnadresse der Familie, seit sie 1921 aus dem Jura ins Hinterthurgauische zog, gibt es plötzlich nicht mehr. Im aktuellen Thurgauer Namensbuch, ja sogar auf der Landeskarte findet sich neu nur mehr ein Holderbärg. Den kennt sonst niemand. Nicht einmal die Internetsuchmaschine Google – auf Anfrage spuckt der Computer lediglich eine Gegenfrage aus: Meinten Sie Holderberg? Eben nicht.

«Holderb-ä-rg! So ein Seich», entrüstet sich André Bourquin. Einen Teufel werde er tun, seine Adresse zu ändern. Pöstler Rolf Thalmann versteht den Groll: «Bärg sagt bei uns kein Mensch.» Die kantonale Nomenklaturkommission, die die Schreibweisen von derlei Flurnamen bestimmt, sahs anders. Ihre Experten gingen über die Bücher und legten neu den Holderbärg als korrekte, dem örtlichen Dialekt abgeleitete Schreibweise fest.

Was den Landwirt ärgert und den Pöstler verdutzt, ist dem Bundesamt für Landestopografie, Swisstopo, ein echtes Anliegen. Es steht vor einem schier unlösbaren Projekt. Knapp formuliert: Wie schafft man Einheitlichkeit und behält gleichzeitig die föderale Vielfalt? Es ist so: Flurnamen, wie auch der Holderberg einer ist, bezeichnen meist Fluren und Wälder, Berge, Täler und Einzelhäuser. Sie stehen in Grundbüchern, Wanderführern, auf Strassenschildern und Landeskarten. Weil nun aber bislang jeder Kanton seine Flurnamen nach mehr oder minder eigenen Regeln schrieb, sieht es auf den Landeskarten der Nation orthografisch aus wie Kraut und Rüben. Chloosterfäld, Pfannenstiel, Hochbüel, Holenstein, Kirchfeld, mal mundartnah, mal weitgehend dem Schriftdeutschen angepasst. Nicht, dass das schlimm wäre, aber es stört. Besonders die Männer vom Bundesamt.

Das Übel aufgedeckt hat die moderne Technik. Denn seit auch kommunale und kantonale Vermessungsdaten in eine landesweit vernetzte digitale Datenbank fliessen, wird den Kartenexperten schwindelig ob deren Unterschiedlichkeit. «Es kann doch nicht sein, dass wir die Kantonsgrenzen an der Schreibweise ihrer Flurnamen ablesen», fasst Martin Gurtner, Leiter Topografische Grundlagen, den bundesamtlichen Bauchschmerz in Worte. Der Vizepräsident der Konferenz kantonaler Geodaten-Koordinationsstellen, Martin Schlatter, hingegen kann dieses Problembewusstsein nur schwerlich teilen: «Haben wir in Zeiten des Spardrucks eigentlich keine anderen Prioritäten?»

Hochdeutsch spricht keiner

Für Swisstopo ist das nicht die Frage. «Flurnamen leben in und aus dem Dialekt, darum müssen wir sie in der Mundart schreiben», beharrt Sprachwissenschaftler Erich Blatter. Sprichts und schickt sich an, mit neuen Richtlinien und einer Vernehmlassung der 60-jährigen Laissez-faire-Praxis Paroli zu bieten. Harmonisierung heisst das Zauberwort, und «Schreib, wie du hörst und sprichst» lautet das Motto.

Während also Pisa-Analysten in Schweizer Schulen nach mehr Schriftdeutsch verlangen, kehren die geplanten Richtlinien für Flurnamen diesem erst recht den Rücken. Hochdeutsch? Spricht keiner. Also weg mit der Teufelsküche, her mit der Tüüfels-Chuchi. Dialektnah, wie es sich gehört. Kein Problem, was die Landeskarten betrifft: Sie werden alle sechs Jahre nachgeführt. «Und die Wanderwegweiser, Bergkarten, Tourismusführer und Interneteinträge», hakt Martin Schlatter abermals ein. «Bis die angepasst sind, dauert es Jahrzehnte und kostet Unsummen.»

Nicht nur dem Hochdeutschen geht es an den Kragen. Selbst an der regionalen Mundart wird gefeilt. In den Kantonen, in denen Volkes Mund Bärg sagt statt Berg, soll künftig der Bärg auch auf der Karte stehen. Bloss: Wie Volk selber hört, dass es spricht, die Experten ihrerseits aber meinen zu wissen, wie es korrekt sprechen und damit auch schreiben soll – das sind nicht selten zwei Paar Schuhe. Da grüsst André Bourquin vom Holderbärg.

Mehr Harmonie sollen die neuen Richtlinien doch schaffen. Wie bloss, wenn selbst aus dem gewohnten «Hochbüel» ein «Hoochbüül», das «Rifeld» zum «Riifäld» und die «Lehmgrueb» zur «Laagrueb» werden muss? Dann ist es mit der Einsicht der Ortsansässigen in Sachen Erhalt des Kulturguts schnell vorbei. Im Kanton Thurgau ist längst Praxis, was sich das Bundesamt so oder ähnlich für alle wünscht. Ergebnis: In Sirnach stieg kürzlich der Gemeinderat auf die Barrikaden, legte gar Rekurs ein beim Departement für Inneres und Volkswirtschaft.

Probleme für den Rettungsdienst

Weniger Unsicherheiten, das aber verspricht sich das Bundesamt allemal. Paul Märki, ehemals Professor für Raumplanung der Hochschule Rapperswil SG, kann über derlei Hoffnungen nur schmunzeln. Und spekuliert munter vor sich hin: Wandern im Naturschutzgebiet, gehört der Bloosebärg eigentlich dazu? Ein Blick ins Register der Schutzgebiete verrät: Ein Bloosebärg nicht, wohl aber ein Blosenberg. Dumm, wer jetzt desorientiert in die Welt hinausschaut?

Robert Frey ist bei all dem gar nicht zum Lachen. Der Projektkoordinator bei Schutz & Rettung Zürich sieht das neue Regelwerk skeptisch. Der Rettungsdienst stützt sich auf die Namensdatenbank von Swisstopo, die – regelmässig aktualisiert – den neuen Richtlinien folgen soll. «Für uns ist jede Minute kostbar», sagt Frey. «Müssen wir lange nach korrekten Ortsangaben recherchieren, kann das gefährlich sein.» Was aber, wenn sich der Verunfallte erinnert, dass auf dem Wegweiser «Beim Babental» stand, die Datenbank aber nur noch die Form «Boobedel» kennt?

Alles so belassen, wie es ist, fordern die Kritiker. Unbegründete Ängste, winkt das Bundesamt ab. Nur 1000 Flurnamen pro Jahr würden geändert, ein Klacks bei 154000 Einträgen in der Namensdatenbank. «Wir wollen keine Revolution, nur den Spielraum verkleinern», betont Martin Gurtner. Weshalb dann der Aufwand, fragt der Laie. «Wenn man nie anfängt, ändert sich nichts», schallt es aus dem Bundesamt.

Ob aber die Richtlinien überhaupt etwas bewirken, steht in den Sternen. Bindend wären sie für die Kantone jedenfalls nicht. Grosse Chancen daher für die geplante Einheit, geradewegs zur neuen Vielfalt zu werden. Und damit bliebe – unter dem Strich – viel Lärm um nichts und alles beim Alten.

Quelle: Ursula Meisser
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