«Es wird wirklich eine beträchtliche Regenmenge fallen, und es kann lokal zu Überschwemmungen kommen», sagt Moderatorin Sandra Boner am Sonntag, 21. August, kurz vor acht in der Sendung «Meteo» auf SF DRS. Am Ende der Sendung freut sie sich auf einen «sonnigen September». Stunden später sterben in Entlebuch in einer Schlammlawine zwei Feuerwehrleute. Vier weitere Menschen lassen in einer der schlimmsten Hochwasserkatastrophen der Schweiz ihr Leben.

«Die journalistische Umsetzung der meteorologischen Erkenntnisse in der TV-Sendung ‹Meteo› war ungenügend», gibt Thomas Bucheli, Chef der Sendung, zu. Der Meteorologe, der Sandra Boner betreute, hätte ihre Moderation korrigieren müssen. Das war nicht die einzige Panne – auch die Behörden warnten zu spät.

Die Chronologie einer Panne

  • Samstagmorgen, 20. August: Hydrologe Alessandro Grasso gibt im Bundesamt für Wasser und Geologie (BWG) die neusten Prognosen in eine Computersimulation für Hochwasser ein und erschrickt: «Ich sah, dass etwas sehr Schlimmes kam.» Die Zahlen zur Regenmenge stammen vom Bundesamt für Meteorologie und Klimatologie (Meteo Schweiz) – nicht zu verwechseln mit der TV-Sendung «Meteo».

  • 13 Uhr: Das BWG verschickt eine Hochwasserwarnung. Doch der amtliche Wetterdienst Meteo Schweiz reagiert nicht: Er gibt keine Unwetterwarnung heraus.

  • 19.50 Uhr: Sandra Boner erwähnt am TV mögliche lokale Überschwemmungen.

  • 22.50 Uhr: Der Schweizer Wettermann Jörg Kachelmann warnt im Ersten Deutschen Fernsehen bereits vor einer «Hochwassergefahr» in Teilen Süddeutschlands.

  • Sonntagmorgen, 21. August: Hydrologe Grasso füttert den Computer mit neusten Vorhersagen. Das Resultat ist dramatisch: In Rheinfelden wird der Rhein in der Nacht auf Montag innert 15 Stunden um zwei Meter ansteigen. Grasso informiert seinen Chef. Bei Meteo Schweiz fragt er nach, ob die Zahlen der neusten Entwicklung entsprächen. Der Prognostiker beruhigt: Das Modell sei eines von vielen. Man rechne selbst nicht damit, dass genau dieses Modell eintreffen werde – das Amt relativiert also seine eigenen Zahlen.

  • 10.48 Uhr: Grasso gibt trotzdem die zweite Hochwasserwarnung heraus – mit dem Kommentar: «Laut Meteo Schweiz sind die Niederschlagsmengen im Modell überschätzt.» Ein einmaliges Vorgehen.

  • 11.28 Uhr: Der nationale Wetterdienst gibt die erste Unwetterwarnung heraus, erste von drei Gefahrenstufen. «Wir lösen nur Unwetterwarnung aus, wenn die Eintreffenswahrscheinlichkeit ausreichend gross ist. Die Prognostiker stützen sich dabei auf mehrere Vorhersagemodelle», sagt Gerhard Müller, stellvertretender Direktor von Meteo Schweiz. Oberstes Ziel ist es, alle Ereignisse zu erfassen und zu warnen, Fehlalarme aber möglichst zu vermeiden.

  • 16.30 Uhr: Die Warnung von Meteo Schweiz wird ab sofort in den Wetterberichten von Radio DRS als ein «Warnhinweis» verlesen: «Bis morgen Nacht fällt in den Voralpen ergiebig Niederschlag.»

  • 19.50 Uhr: In der meistgesehenen TV-Sendung «Meteo» wieder nur: Es könne lokal zu Überschwemmungen kommen.


Jörg Kachelmann kritisiert das System: «Bei dieser Wetterlage hätte niemand überrascht sein dürfen. In der Schweiz sterben bei Unwettern überproportional viele Leute oder verlieren Hab und Gut.» Auch Peter Wick von Meteo News, der Radios und Lokalfernsehen beliefert, findet, «Meteo» hätte warnen müssen.

Trotz der Katastrophe stufen die Meteorologen das Unwetter im Rückblick nicht in der höchsten Gefahrenstufe ein. Sie prognostizierten nur die Menge des Niederschlags. Dass dieser auf einen mit Wasser gesättigten Boden fiel, was zu den Überschwemmungen und Erdrutschen führte, das ist Sache der Hydrologen. Für Paolo Burlando, Professor am Institut für Hydromechanik und Wasserwirtschaft der ETH Zürich, ein unglücklicher Zustand: Er hofft, dass Hydrologen und Meteorologen in Zukunft ihre Modelle zusammenbringen, um die Bevölkerung rechtzeitig warnen zu können.

Quelle: Archiv
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