Das Doggiloch am Talgrund in Klosters galt als sicher. Bis zum Unwetter Ende August 2005, als es stundenlang wie aus Kübeln schüttete und die Landquart zum reissenden Strom anschwoll. Das Altersheim und Dutzende Häuser in der Bündner Gemeinde mussten evakuiert werden, die Sportanlagen samt vorgelagertem Ausgleichsbecken füllten sich mit Schlamm, Kies und Schwemmholz. Fundamente in Flussnähe wurden unterspült - die braune Brühe ergoss sich in Wohnhäuser und Gewerbebetriebe. Schadenssumme: 36 Millionen Franken.

Nach einem durch den langen Winter bedingten Unterbruch fahren im Doggiloch dieser Tage wieder die Bagger auf: Arbeiter holen das restliche Geschiebe aus der Landquart - Klosters will für die Schneeschmelze gewappnet sein.

Die letztjährige Katastrophe traf eine Gemeinde, die vorbereitet war - wenigstens auf dem Papier. Die riskanten Zonen von Klosters waren eben neu definiert worden, der darauf basierende Richtplan hätte Ende 2005 den Einwohnern vorgestellt werden sollen. Doch nun muss die Gefahrenkarte neu gezeichnet werden: Die Flut vom August wälzte sich auch über Flächen hinweg, die auf der Karte als nicht oder kaum gefährdet markiert waren.

Was im letzten Sommer passiert ist, stimmt Gemeindepräsident Rudolf Hübscher nachdenklich: «Wir überprüfen derzeit unsere Gefahrenzonen» - für besonders gefährdete Gebiete wird gar ein Bauverbot in Erwägung gezogen. Doch die Stimmbürger werden frühestens Ende Jahr über den neuen Richtplan und die nötigen Verbauungen abstimmen können. «Eine Anpassung der Gefahrenzonen ist erst möglich, wenn Kanton und Gemeinde über flussbauliche Massnahmen entschieden haben», sagt Hübscher.

Gefahrenkarten sind Mangelware

Schäden in der Höhe von insgesamt 2,6 Milliarden Franken hat das August-Hochwasser in der Schweiz verursacht. Roberto Loat vom Bundesamt für Umwelt (Bafu) vergleicht momentan die Auswirkungen mit den Gefahrenkarten: Der Bund will wissen, ob die Risikogebiete richtig erfasst, raumplanerisch korrekt umgesetzt und die nötigen Massnahmen angeordnet wurden. Detaillierte Resultate werden 2007 vorliegen. Loat schätzt, dass in den von Unwettern besonders betroffenen Kantonen «die Gefährdung in 80 Prozent der bestehenden Karten korrekt wiedergegeben wird».

Das klingt nach viel, ist es aber nicht: Ende 2005 waren in der Schweiz 30 Prozent der Gefahrenkarten für Hochwasser erstellt - aber erst zur Hälfte von den Stimmbürgern abgesegnet. Aktuell verfügen also gerade mal 15 Prozent aller Gemeinden mit Hochwassergefährdung über entsprechende Nutzungspläne. Der Bund gibt den Kantonen bis 2011 Zeit, ihre Gefahrenkarten zu erstellen - alljährlich sollen die Fortschritte in den Gemeinden überprüft werden. Bafu-Vertreter Loat bleibt Realist: «Die Kantone geben zwar Gas, aber die konkrete Raumplanung ist eine langfristige Aufgabe und wird entsprechend Zeit brauchen.»

Wer haftet, wenn der Berg kommt?

Jürg Barandun, Mitglied der Bündner Gefahrenkommission, legt zwei Karten von Klosters nebeneinander. Die eine zeigt das im August überschwemmte Gebiet, die andere - die Gefahrenkarte - ausschliesslich Flächen für mittlere und geringe Gefährdung. Barandun: «Die Zonen decken sich weitgehend.» Rote Schraffierungen indes, die für erhebliche Gefährdungen stehen würden, fehlen gänzlich. Trotzdem hat sich die Gemeinde laut Barandun nichts vorzuwerfen. «Ein solches Extremereignis lässt sich gar nicht vorhersagen. Das Restrisiko wird immer bleiben.»

Dazu muss man wissen: Bei Gefahrenkarten geht es auch um eine Menge Geld, und rote Zonen sorgen in den Gemeinden oft für rote Köpfe. Liegenschaften in diesen Risikogebieten verlieren ihren Wert - die Banken können die Hypothek kündigen und die Gebäudeversicherung den Versicherungsschutz. Bis Schutzbauten die Gefährdung entsprechend reduzieren, gilt ein generelles Bauverbot.

Walter Ammann, Leiter «Naturgefahren» beim Eidgenössischen Institut für Schnee- und Lawinenforschung in Davos, sieht denn auch Schwachstellen beim Erstellen von Gefahrenkarten. «Bei der Abgrenzung der einzelnen Zonen gibt es subjektiven Gestaltungsraum. Die Kriterien sind oft nicht eindeutig und können unter Umständen zu Fehlern führen.» Und bei der Umsetzung in die Raumplanung der Gemeinden fangen die Probleme erst an. «Dieser Prozess ist häufig politisch geprägt.» Mit anderen Worten: Gefahrenzonen werden nicht überall nach sachlichen Kriterien fixiert, und Grundstückbesitzer wiegen sich so in falscher Sicherheit.

Wie im luzernischen Sörenberg, wo ein Hang in Bewegung ist und mehrere hundert Häuser bedroht. Die Grundstücke liegen nun alle in der roten Zone. Noch ist ungewiss, ob der Kanton die geplante Verbauung für 14 Millionen Franken mitfinanziert. Wenn nicht, sind die Häuser wertlos. Experten möchten das betroffene Gebiet aus Sicherheitsgründen am liebsten räumen, doch davor scheuen die Behörden zurück. Nur: Wer übernimmt die Verantwortung, wenn der Berg tatsächlich kommt?

Wer nicht hören will, muss zahlen

Gemeinden mit Problemzonen können diese nicht einfach schubladisieren, betont die Nationale Plattform Planat (siehe Nebenartikel «Sicherheit: Schlechte Noten»). Diese vom Bund eingesetzte ausserparlamentarische Kommission soll landesweit koordinierte Strategien zum Schutz vor Naturgefahren entwickeln. Planat-Fachleute kommen zum Schluss: Gemeinden, die zwar über Gefahrenkarten verfügen, diese aber noch nicht in der Richtplanung umgesetzt haben, sind in der Pflicht. Sie müssen prüfen, ob ein neues Bauvorhaben in einem gefährdeten Gebiet liegt. Ignoriert eine Gemeinde die Gefahrenkarte, haftet sie, wenn etwas passiert.

Über die Bücher muss etwa Diemtigen BE. Sollte es hier wieder zu einer Katastrophe wie im vergangenen Sommer kommen, könnte es teuer werden. «Das Hochwasser sprengte alles bisher Dagewesene», sagt Gemeindepräsident Beat Klossner. Im ganzen Talboden standen mehr als 60 Liegenschaften meterhoch unter Wasser, 200 Personen mussten ausgeflogen werden. Zuhinterst im Tal wurden Liegenschaften weggeschwemmt, die gar nicht mehr aufgebaut werden. Bund, Kanton, Gebäudeversicherung und die so genannte Schwellenkorporation tragen den finanziellen Schaden der Liegenschaftsbesitzer.

Bisher habe die politische Maxime gegolten, rote Zonen möglichst klein zu halten - nun brauche es endlich ein Umdenken, sagt der Brienzer Gemeindepräsident Peter Flück. Die Berner Gemeinde wurde in der Vergangenheit schon mehrmals verwüstet. Das Dorf, auf den Schuttkegeln seiner Wildbäche errichtet, bezahlte für eine ökologische Fehleinschätzung: Mit Verbauungen im Einzugsgebiet der Bäche und Gehölzpflanzungen glaubten die Lokalpolitiker, die Naturgewalten gezähmt zu haben. Ein Irrtum, wie Flück nachdenklich konstatiert. «Wir wurden vom Ereignis überrollt.»

Die Angst vor dem Regen

Bei der Unwetterkatastrophe vom letzten August starben in Brienz zwei Menschen, rund 20 Liegenschaften wurden zerstört: Der Glyssibach, der sich hier sonst als kleines Rinnsal durch ein enges Betonbett in den Brienzersee zwängt, konnte die enormen Wassermengen nicht mehr schlucken. Jetzt erhält das Gewässer mehr Platz, und neun Häuser am Bach dürfen nicht mehr aufgebaut werden - darunter auch das Gemeindehaus. Die Stimmung im Dorf sei wieder zuversichtlich, sagt Flück. «Doch wenn es ein, zwei Tage regnet, werden die Leute kribbelig.»

Quelle: Andy Mettler
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