Der Keller unter der Schreinerei am Flüsschen Engelbergeraa in Buochs beherbergt die Zentrale eines jahrzehntealten Kleinkraftwerks. Das so genannte Ambauenwehr ist ein Stück Industriegeschichte. Und es fliesst nicht nur Wasser, sondern auch viel Herzblut, wenn Besitzer Sämi Zgraggen erklärt, wie das umgeleitete Nass die Schaufeln der altehrwürdigen Francis-Turbine antreibt. «Hier habe ich oft meinem Grossvater geholfen und zugesehen, wenn die verschiedenen Transmissionsriemen die Tischfräsen, Hobel- und Bohrmaschinen in der Sägerei zum Laufen brachten.» Tempi passati!

Grossvater Alois Ambauen ist 2002 gestorben. Fünf Jahre vor seinem Tod hatte Enkel Sämi, ein gelernter Elektriker, die Anlage mit viel Liebe zum Detail für rund 60000 Franken auf Generatorbetrieb umgestellt und den Strom ins öffentliche Netz eingespeist. Allerdings nicht lange.

Naturschutz gegen Heimatschutz

Was war passiert? «Der gleiche Kanton, der das Hohelied der erneuerbaren Energie aus Wasserkraft singt, verbietet mir die Produktion von sauberem Strom», sagt Sämi Zgraggen. Im Vollbetrieb könnte das Kleinkraftwerk immerhin den Jahresbedarf von 24 Familien abdecken. Das sei zu wenig, erklärt der Regierungsrat des Kantons Nidwalden, nachzulesen im Protokoll vom 11. Januar 2005.

Der Kanton will Zgraggens Kraftwerk ein für alle Mal den Stecker rausziehen. Im Regierungsratsbeschluss wird das Aus für das Ambauenwehr sowohl ökonomisch als auch ökologisch begründet: Die Rentabilität des Kleinkraftwerks sei «unter realistischen Marktbedingungen nicht gegeben». Zudem verhindere das Wehr mit seiner Höhe von rund einem Meter die Wanderung der meisten Fische zur Laichablage flussaufwärts. Und daher seien die «ökologischen Interessen an dieser Schlüsselstelle höher einzuschätzen als die Interessen für die geringfügige Produktion von erneuerbarer Energie».

Der Streit mit dem Kanton ist alt

Was die Regierung «Schlüsselstelle» im Bereich der Mündung der Engelbergeraa in den Vierwaldstättersee nennt, ist ein enges Schussgerinne zwischen den Hochwasserdämmen und angrenzenden Siedlungen. Natürliche Gewässer sehen anders aus.

Dafür kann Zgraggen nichts, im Gegenteil. Er hat persönlich eine Machbarkeitsstudie für Fischaufstiegshilfen finanziert. Das vom Büro «Wasser Fisch Natur» erstellte Gutachten kam zum Schluss, dass eine Fischaufstiegshilfe zu durchaus vernünftigen Kosten finanzierbar sei.

Doch die Regierung weiss es besser: Es sei nicht vertretbar, «für diese Kleinanlage eine für alle Fischarten und bei fast allen Wasserständen durchgängige Einrichtung im Sinne eines Umgehungsgewässers zu schaffen». Zgraggens Wehr soll weg, diesmal endgültig.

Wegen des Kleinkraftwerks kam es schon früher zu Querelen mit dem Kanton. 1992 musste das Bundesgericht erstmals Zgraggens Wasserrecht schützen – gegen das Kantonale Elektrizitätswerk Nidwalden und den Regierungsrat. Geplant war damals der Ausbau eines Kleinkraftwerks oberhalb des Ambauenwehrs, das Zgraggen das Wasser abgegraben hätte.

Fünf Jahre später reichten Zgraggens mit Erfolg ein Gesuch zur erwähnten Umnutzung der Anlage mit Generator beim Nidwaldner Energiewirtschaftsdepartement ein. Sowohl die abgeleitete Wassermenge als auch die Turbine blieben unverändert, nur der Betrieb wurde von mechanisch auf elektrisch umgestellt. Das Eidgenössische Starkstrominspektorat erteilte die Bewilligung, nachdem auch der damalige Chef der Energiedirektion, Regierungsrat Hugo Waser, seinen Segen gegeben und «viel Erfolg bei der Realisierung» gewünscht hatte.

Im Sommer 1999 – das Kleinkraftwerk lief seit knapp eineinhalb Jahren mit Generator – baten zwei Regierungsräte Zgraggen zum Gespräch. Sie boten ihm mündlich 20000 Franken an, wenn er sein Wasserrecht dem Kanton abtrete. Die Nidwaldner Regierung wollte das Wehr im Rahmen einer millionenteuren Sanierung und Renaturierung der Engelbergeraa schleifen. Zgraggen regte an, eine Fischtreppe zu bauen, den Abriss des Wehrs lehnte er aber ab.

Die Regierung stand unter dem Druck des Seesportfischervereins Nidwalden und des Schweizerischen Fischereiverbands. Diese hatten eine Rechtsverzögerungsbeschwerde eingereicht. Wegen illegaler «Erstellung und Inbetriebnahme einer neuen Turbine».

Das war nachweislich falsch, weil Zgraggen keine neue Turbine eingebaut hatte. Die Regierung wollte das Problem aber geräuschlos aus der Welt schaffen und machte Zgraggen ein höheres Angebot für seinen Verzicht aufs Wasserrecht.

Der Kanton spielt die harte Tour

Als Zgraggen erneut ablehnte, zog der Kanton andere Saiten auf: Die Wassernutzung wurde vorerst auf Montag bis Samstag, 7 bis 18 Uhr, und auf den Zeitraum 1. März bis 31. Oktober beschränkt. Schliesslich wurde Zgraggen ausserdem dazu verdonnert, für seine bereits bewilligte Anlage nochmals eine Bewilligung einzuholen. Die eigenwillige Begründung für diese Forderung lautete, dass es sich bei der Zusage von Regierungsrat Waser «weder förmlich noch inhaltlich um eine entsprechende Verfügung» handle. «Wem soll man da noch trauen?», fragt sich Zgraggen, und er wundert sich noch heute.

Er weigerte sich durch alle Instanzen hindurch. Doch das Bundesgericht stellte sich hinter den Kanton. Daraufhin reichte Zgraggen im Sommer 2003 sein erneutes Gesuch ein. Dagegen erhob nun der Rheinaubund Einsprache und verlangte, dass «der Kanton das bestehende Wasserrecht erwirbt oder enteignet».

Ein von Zgraggen vorgeschlagener runder Tisch kam nicht zustande. Die Verhandlungen über eine Abgeltung wurden abgebrochen. Das letzte Angebot des Kantons – 200000 Franken per saldo aller Ansprüche – und Zgraggens Gegenvorschlag lagen gut 250000 Franken auseinander.

Sämi Zgraggen gibt nicht auf

Hat Zgraggen zu hoch gepokert? «Nein», sagt er, «meine Berechnungen stammen von einem anerkannten Wasserkraftexperten.» Und es sei ihm nie ums Geld gegangen. Schliesslich seien Zgraggens seit 169 Jahren im Besitz des Wehrs und der entsprechenden Rechte.

Das Nein des Kantons zu einer Fischtreppe lässt ihn an dessen Willen zu einer guten Lösung zweifeln: «Unser Gutachten sieht drei mögliche Varianten vor.» Der Gutachter ist unverdächtig, er wurde vom Vertreter des Rheinaubunds empfohlen.

Anfang Januar 2005 kams für Zgraggen dann knüppeldick: Der Regierungsrat lehnte die Nutzungsänderung ab. Zudem sei das Wasserrecht hinfällig. Als «Zustandsstörer im polizeirechtlichen Sinn» habe er den «ordnungsgemässen Zustand» wiederherzustellen. Sprich: das Ambauenwehr auf eigene Kosten abzubrechen.

Für den Kraftwerkseigner ein sündteurer Verstoss gegen Treu und Glauben: «Das würde mich gemäss kantonalen Berechnungen rund eine halbe Million Franken kosten. Ich müsste wohl Privatkonkurs anmelden.» So weit ist es nicht. Zgraggen, vom Naturell her ein beharrlicher Typ, will alle juristischen Mittel ausnützen, «notfalls noch einmal bis vor Bundesgericht».

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