Eigentlich finde ich Bologna eine gute Sache», sagt Jusstudent Philipp Dubach. Eigentlich. Und eigentlich hätte Bologna den Studierenden auch viel zu bieten: bessere Struktur, mehr Flexibilität, mehr Mobilität, mehr Vergleichbarkeit. An diesem Projekt beteiligen sich inzwischen 45 Länder – die Universitäten stehen hier vor der grössten Reform seit dem 19. Jahrhundert (siehe Nebenartikel «Bologna-Deklaration: Beim Studieren Punkte sammeln»). Vom «Europäischen Hochschulraum» ist die Rede, einem Miteinander aller beteiligten Universitäten.

Aber Philipp Dubach (siehe Nebenartikel «Hochschulreform: Bei der Umsetzung hapert es noch») hat am eigenen Leib erfahren, dass auch in der schönen neuen Bologna-Welt jede Uni vor allem für sich selbst schaut. So verläuft der Übergang vom Bachelor an der einen Universität zum Master an der anderen nicht immer reibungslos: Da verlangt etwa eine Hochschule für bestimmte Studiengänge mehr Kreditpunkte, als ein Student an der anderen sammeln kann. Für die Betroffenen kann das ein Zusatz-semester bedeuten. Mathias Stauffacher, der Generalsekretär der Rektorenkonferenz der Schweizer Universitäten (CRUS), relativiert aber: «Fehlende Punkte können während des Masterstudiums nachträglich erarbeitet werden.»

Bedacht auf ihre Autonomie, hat eine jede Universität ihre eigenen Studiengänge, Reglemente, Systeme und Module entwickelt. Wie soll da ein europäischer Hochschulraum entstehen, wenn man sich nicht einmal in der Schweiz auf eine einheitliche Umsetzung einigen kann?

«Es war nie vorgesehen, dass alle Universitäten innerhalb der gemeinsamen Richtlinien das Gleiche machen. Wir wollten keine Uniformität der Studiengänge und respektieren die Autonomie der Hochschulen», verteidigt Mathias Stauffacher das Vorgehen.

Hierzulande war die Universität St.Gallen im Jahr 2001 die erste Hochschule, die vollständig auf Bologna umstellte. Der Wechsel verlief – so äussern sich alle befragten Studentinnen und Studenten – praktisch reibungslos. Die Uni Zürich hingegen setzt die Reform in Raten um: «Wir bedauern, dass es trotz umfassenden Informationen und planmässigem Vorgehen zu Verunsicherungen gekommen ist», sagt Hanspeter Wehrli, Dekan der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät.

Im Dschungel der neuen Richtlinien verlieren sogar die Verantwortlichen hin und wieder die Übersicht über die Fortschritte der Reform. Dabei sollte Bologna einen ganz klaren Fahrplan ins Studium bringen: Nach drei Jahren erwerben die Studierenden den Bachelor, nach fünf Jahren den Master. In dieser Zeit können sie Kreditpunkte sammeln: So vergibt etwa die Universität Basel zwei Punkte für eine klassische Vorlesung und fünf für eine Seminararbeit.

Die Koordination hinkt bös hinterher

Doch in Bern, Freiburg, Genf oder Zürich kann das ganz anders aussehen. «Von Vergleichbarkeit ist da keine Rede», bemängelt Jurastudent Dubach. «Es ist nicht einfach, den Lehrveranstaltungen die angemessene Anzahl Kreditpunkte zuzuordnen», hält CRUS-Generalsekretär Stauffacher entgegen. «Gleichwohl sollten die Kriterien an allen Universitäten etwa gleich sein.»

Hatten sich die meisten Studentenorganisationen zu Beginn grundsätzlich gegen die Umstellung gewehrt, wird die Reform heute mehrheitlich positiv beurteilt. Philipp Dubach, der neben dem Studium Kopräsident der Freiburger Studierendenvereinigung AGEF ist: «Viele Studenten hatten Bedenken, dass ein Nebenjob nicht mehr möglich sei, weil Bologna derart viel Zeitaufwand verlangt.»

Die Befürchtungen haben sich nicht bewahrheitet: Ungefähr 70 Prozent der Schweizer Studenten arbeiten Teilzeit – oft, um ihr Studium überhaupt finanzieren zu können. Auch BWL-Student Ralf Banholzer (siehe Nebenartikel zur Hochschulreform: «Bei der Umsetzung hapert es noch») arbeitet nebenher: Zusammen mit einem Studienkollegen hat er eine kleine Firma für Autozubehör gegründet: «Bisher hatte ich immer genug Zeit für Studium und Arbeit.»

Durch das zweistufige System müssen sich Studierende künftig nach drei Jahren entscheiden: Einstieg in den Arbeitsmarkt oder weiterhin studieren? Bislang fehlen in der Schweiz allerdings noch die Erfahrungswerte, was ein Bachelor wirklich wert ist. «Die Firmen werden in Zukunft Positionen offen ausschreiben, also für Bachelor und Master», sagt Peter Hasler, der Direktor des Schweizerischen Arbeitgeberverbands.

Beliebt ist der Bachelorabschluss in St. Gallen: Rund die Hälfte der Studentinnen und Studenten unterbricht oder beendet hier nach drei Jahren das Studium – die meisten von ihnen, um als Trainee bei einem Grosskonzern einzusteigen. Ganz anders siehts in Basel aus: Knapp 90 Prozent der bisherigen Bachelorabsolventen in Psychologie beispielsweise traten direkt in den Masterlehrgang über.

Quelle: Marc Latzel
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