«Diesem Kind geht es sehr schlecht», schrieb Sebastian D.* im letzten März an seine geschiedene Frau, Mutter der gemeinsamen zehnjährigen Tochter. «Es muss gehandelt werden, und zwar jetzt.»

Grund seiner Beunruhigung: Tochter Jana*, die seit der Scheidung vor fünf Jahren bei der Mutter lebt, deutete bei einem Besuch an, sie sei soeben beinahe von einem Auto angefahren worden: Sie sei absichtlich auf die Strasse gerannt. Schon in den Weihnachtsferien war dem Vater bei den regelmässigen Besuchswochenenden Janas Schweigsamkeit aufgefallen. Die Schwangerschaft ihrer Mutter und der anstehende Umzug mit dem Stiefvater in eine andere Gemeinde bedrückten das Mädchen.

«Ich hasse mich»

«Unser Kind ist ernsthaft krank», schlug der Vater Ende April erneut Alarm. Mittlerweile war Jana gänzlich verstummt. Auch in der Schule sprach sie nicht mehr. Ihrem Vater teilte sie auf einem Zettel mit: «Ich hasse mich. Wenn es so weitergeht, will ich lieber sterben als weiterleben.»

Nachdem die Mutter noch immer nichts unternommen hatte, brachte der Vater Jana während der gemeinsamen Frühlingsferien zum Hausarzt. Dieser überwies das Mädchen notfallmässig an den Kinderpsychiater. Eindringlich bat Sebastian D. seine Exfrau danach, die vorgesehenen therapeutischen Massnahmen mitzutragen.

Nur widerwillig ging Jana nach den Ferien zur Schule. In der Pause floh sie und suchte im Büro ihres Vaters Zuflucht. Das nächste vereinbarte Wochenende liess die Mutter platzen und beantwortete weder Mails noch Anrufe. In der folgenden Woche wollte D. seiner Tochter einen Znüni zur Schule bringen. Doch als Jana ihn sah, schloss sie sich in der Toilette ein und rannte dann mit hasserfülltem Blick davon.

Suizidversuch der Tochter

«An diesem Wochenende muss ihr Vaterbild zu Bruch gegangen sein», mutmasst der Vater. Er sei zu Hause wohl als Bösewicht hingestellt worden: «Uns verband bisher eine herzliche Beziehung.»

Seit diesem Tag sah er Jana nicht mehr. Sie ging nicht mehr zur Schule, sondern bekam Heimunterricht. Briefe und Mails vom Vater und der Schulfreundin blieben unbeantwortet, Ballett und Geigenunterricht wurden eingestellt. «Das Kind lebte in einer Art Isolationshaft», so Sebastian D.

Zwecks «besserer Integration in die neue Familie» setzte die Mutter die einstweilige Sistierung des väterlichen Besuchsrechts durch und holte zu einem Rundumschlag gegen den Vater aus. «Als Vater ohne Sorgerecht muss ich mir alle Informationen zu Jana erbetteln», empört sich D. In der Regel werde er erst einmal einfach abgewimmelt; erst nach dem Hinweis auf das Gesetz rückten die Verantwortlichen jeweils mit der Sprache heraus. So brachte er Ende August in Erfahrung, welchem Schulhaus und welchem Lehrer Jana zugeteilt war. Sie war allerdings gar nie in der Schule erschienen. Erst ein Rückruf des Lehrers brachte Klarheit: Das Mädchen sei Ende Juli notfallmässig hospitalisiert worden und befinde sich derzeit in einem kinderpsychiatrischen Heim. Zwei Tage nach der Sistierung des Besuchsrechts habe Jana Anstalten zu einem fatalen Suizidversuch getroffen.

Nur dank eigenen Recherchen weiss der Vater von diesem Drama. Und auch beim Chefarzt des Heims musste er sich sein Informationsrecht erkämpfen: Seine Frage, ob er Jana einen Brief schreiben dürfe, wollte der Mediziner ohne Rücksprache mit der Mutter nicht beantworten. Auch mochte er nicht garantieren, dem Mädchen wenigstens einen Gruss auszurichten.

Mittlerweile wurde eine Besuchsbeiständin ernannt. Allerdings hat der Vater nach mehr als einem Monat noch nichts von ihr gehört. «Auch ihr werde ich wieder hinterherrennen müssen», meint er resigniert. «Es ist diese Ohnmacht, die an mir zehrt.»

Quelle: Lukas Lehmann
Anzeige