Was die Wohnverhältnisse anbelangt, schätzt Vinzenz Küng eine gewisse Grosszügigkeit. Gegenwärtig belegt der 46-Jährige in St. Gallen eine frisch renovierte Wohnung in bester Altstadtlage mit fürstlichem Raumangebot: 210 Quadratmeter, verteilt auf sechs Zimmer. Monatliche Kosten: 3'690 Franken. Für Küng kein Problem – ausser der allerersten Miete hat Vermieter Patrick Rietmann noch keinen müden Rappen gesehen, seit Küng im Juli letzten Jahres die Räumlichkeiten in Beschlag genommen hat. Letzten September erhielt Küng deshalb die Kündigung, drei Monate später blitzte er mit seiner Kündigungsanfechtung beim Kreisgericht St. Gallen ab. Laut Urteil müsste Küng die Liegenschaft sofort verlassen, aber er hat noch einen Trumpf. «Ich befürchte, dass er das Urteil weiterzieht», sagt Rietmann. Der Weiterzug würde dem hartnäckigen Mieter weiteren Aufschub verschaffen.

Rietmanns Befürchtungen sind begründet, wie Louis Knupp weiss. Knupp vermietet in der St. Galler Innenstadt eine 160 Quadratmeter grosse Zwei-Zimmer-Atelierwohnung. Hier zog Küng im Herbst 2003 mit seiner Partnerin ein. Statt Miete zu bezahlen, prozessierte er gegen die fünf Monate nach dem Einzug ausgesprochene Kündigung – bis vor Bundesgericht. Obwohl die Richter die Beschwerde abwiesen, räumte Küng die Wohnung nicht freiwillig, sondern musste polizeilich ausgewiesen werden. Knupp beziffert den entstandenen Schaden auf rund 35'000 Franken: «Die Wohnung war in einem erbärmlichen Zustand», sagt er. Dabei hatte der Vermieter auf Küngs Wunsch vor dessen Einzug noch extra eine Badewanne für eine angeblich nötige «Wassertherapie» einbauen lassen.

Helene und Martin Schönenberger ihrerseits schätzen den Schaden auf rund 15'000 Franken – nicht bezahlte Miete und Renovationskosten. Drei Monate hatte Mietnomade Küng ihre Loft in Goldach SG belegt, ohne zu bezahlen. Und rund sechs Monate nahm Küng die Gastfreundschaft der Familie D’Amico aus St. Gallen wider deren Willen in Anspruch. «Er erzählte unserem Treuhänder, sein Haus sei abgebrannt, er müsse sofort einziehen», erinnert sich Heidi D’Amico-Zeller. Geld sah sie nie. Dass die deshalb ausgesprochene Kündigung rechtskonform war, musste zuerst das Kreisgericht bestätigen.

Warnung an die Vermieter

Patrick Zadrazil, Rechtskonsulent beim Schweizerischen Hauseigentümerverband (HEV), kennt das Phänomen des Mietnomadentums. Mietnomaden, so Zadrazil, würden meist nicht zahlen, räumten die Wohnung nur unter Polizeigewalt und hinterliessen oft Schäden, die hohe – und ungedeckte – Renovationskosten nach sich zögen. Eine so konsequente Schädigung von Vermietern wie bei Küng erstaunt aber selbst den Experten: «Ein ausserordentlicher Fall.» Er empfiehlt Vermietern, vor Abschluss eines Mietvertrags immer einen aktuellen Betreibungsregisterauszug und eine Kaution zu verlangen. Bleibt die Miete anschliessend trotzdem aus, soll der Vermieter sofort reagieren und sich für die Kündigung professionelle Hilfe holen, etwa beim HEV oder bei einem auf Mietrecht spezialisierten Anwalt. «Eine juristisch korrekte Kündigung auszusprechen überfordert viele Laien», so Zadrazil.

Küng nimmt zu den Vorwürfen nur schriftlich und summarisch Stellung: Er bestreitet sie alle. Und hat Wichtigeres zu tun: «Meine heutige Tätigkeit bezieht sich auf Kunstprojekte», schrieb er auf einer inzwischen vom Netz genommenen Website. Dort nannte er sich «Sponsoring-Fachmann». Wo er Recht hat, hat er Recht.

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