Der Zug stoppt in Madulain nur kurz und tuckert dann weiter in Richtung St. Moritz. Häufig hält er hier, im kleinsten Dorf des Oberengadins, gar nicht. Halt gibt es nur auf Verlangen.

Wenige Meter neben dem Bahnhofsgebäude hindert ein Schlagbaum mit dem Schild «Zutritt nur für Gäste» am Weitergehen. Auf dem verschneiten Areal dahinter stehen Campingwagen und Wohnmobile. Schlafende Ungetüme in verschiedenen Grau-, Beige- und Weisstönen.

Nomaden auf höchstem Niveau



Schläfrig ist auch die Stimmung. Jetzt, kurz vor Mittag, ist nicht eine Menschenseele zu sehen, kaum ein Laut zu hören. Doch der Platz befindet sich keineswegs im Winterschlaf. Weisse Rauchschwaden aus kleinen Schornsteinen auf breiten Wagendächern verraten: Hier wird geheizt, hier wird gewohnt.

In der Schneise zwischen den Wagen taucht ein Mann auf. Bedächtig zieht er einen mit einer Butangasflasche beladenen Schlitten hinter sich her und steuert direkt auf eins der riesigen Gefährte zu. Tatsächlich: ein Wohnmobilist.

«Während der Feiertage waren wir wieder völlig ausgebucht. Über 60 Personen waren hier», erzählt Mary Garofani. Seit acht Jahren leitet sie gemeinsam mit ihrem Mann Gino den Madulainer Campingplatz, mit 40 Standplätzen einer der kleinsten der Schweiz. Wie weitere 145 der insgesamt über 350 Schweizer Campingsites ist ihr Platz auch im Winter geöffnet und, der Campinglaie mags kaum glauben, rege besucht.

Die meisten sind Stammgäste. Man duzt sich. Sie kommen wegen der Langlaufloipen, zum Skifahren, Schneewandern oder einfach, um wieder mal Campingluft zu schnuppern. Sie bezeichnen sich als «hotelmüde», das noble, nur 15 Kilometer entfernte St. Moritz kann sie nicht reizen. Und sie verstehen sich als Individualisten.

Es ist eine eingeschworene Gemeinschaft, die sich im Winter antut, was andere selbst im Sommer als Zumutung empfinden: auf beengtestem Raum leben, kochen, schlafen; Dusche und Toilette mit Dutzenden von fremden Leuten teilen; bei Minustemperaturen schmutziges Geschirr zum Waschhaus und sauberes wieder zurück tragen; und alle paar Tage Wasserkanister und Gasflaschen anschleppen.

Doch das grösste zu vermutende Hindernis, die Kälte, ist gar keins. Die meisten der mobilen Heimstätten haben ein ausgeklügeltes Warmluftsystem, manche sogar Bodenheizung. Innentemperaturen über 20 Grad sind keine Ausnahme. So mancher Campingfreund sitzt in Socken und Hemdsärmeln im Wagen.

Ungemütlich kalt wirds allenfalls, wenn nächtens die Blase ruft, das chemische Klo, mit dem Wohnwagen meist ausgestattet sind, gerade ausser Betrieb ist und deshalb der Gang über den Schnee in Richtung Gemeinschaftstoiletten nötig wird. Dann werden – je nach Naturell – Moonboots, Schal und Daunenjacke oder auch nur die Adiletten montiert.

«Wenn man frieren müsste, wären wir nicht hier», sagen Rino und Irma Küng stellvertretend für die meisten hier auf dem Platz. Der ehemalige Militärinstruktor und seine Frau leben seit Mitte letzten Jahres ausschliesslich in ihrem Wohnmobil. Herumreisen wollen sie die nächsten Jahre, ihre feste Bleibe in Sargans haben sie aufgegeben. Allerdings ist es ein Nomadisieren auf höchstem Niveau. Sogar einen Computer führen sie mit – für die Reiseberichte, die Irma Küng sporadisch für die Daheimgebliebenen verfasst.

Die harten Holländer



Nach fünf Monaten Griechenland – «als Sportbegeisterte mussten wir einfach an die Olympiade und die Paralympics» – sind sie dann eigens für die Festtage nach Madulain gekommen. Temperaturunterschied: mehr als 50 Grad.

Trotz ausgefeilten Heizsystemen, Isolationsmaterialien aus der Weltraumforschung und doppelt verglasten Scheiben ist die Kälte ein Thema, das für gruselige Schauer aus sicherer Entfernung und für Heldentum «en miniature» sorgt. Den Temperatursturz in der Nacht auf den 27. Dezember des vergangenen Jahres – das Thermometer zeigte frostige 27 Grad unter null – erwähnt fast jeder der Anwesenden. Auch die Geschichte vom holländischen Pärchen, das hier einst mitten im Winter zeltete, wird immer noch gern erzählt.

Gleich vier Jahre hintereinander verbrachten Klaus und Vera aus Wenden bei Köln ihre Winterferien in einem der beiden ausrangierten und zu Übernachtungsmöglichkeiten ausgebauten Weinfässer – einer Spezialität des Madulainer Campingplatzes. Elektrisches Licht, Gasherd und natürlich eine Heizung gehören zur Ausstattung. Inzwischen nennen die beiden einen Wohnwagen ihr Eigen.

«Eigentlich waren mir Wohnwagen immer eher suspekt», erzählt die Lehrerin aus dem Rheinland, die die abendliche Ruhe im Wohnwagen zum Korrigieren von Schülerheften nutzt. «Früher waren wir meist mit Fahrrad und Zelt unterwegs. Klaus kann aber wegen seines Rückens nicht mehr auf dem Boden schlafen, da ist das Doppelbett hier schon viel bequemer.»

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Wohnmobil mit Festbeleuchtung



Grundsätzlich gibt es zwei Kategorien von Campingfahrzeugen: Wohnwagen, die an einen PW angehängt werden, und Wohnmobile mit integriertem Auto. Letztere kosten je nach Ausbaustandard schnell einmal 100000 Franken.

So auch das mobile Zweitheim von Hans und Ursula Böhlen. «Die Extras haben wir uns schon was kosten lassen», sagt der Bioenergietherapeut, während er stolz die verschiedenen Stellungen des Oberlichts, den 110-Liter-Kühlschrank, den (noch nie benutzten) Spindelgrill und sämtliche Halogenspots im Essbereich vorführt. «Wir können volle Festbeleuchtung machen», freut sich seine Frau.

Die Solarzellen auf dem Dach des sieben Meter langen Monsters liefern zusätzliche Energie. Etwa für den Heisswasserboiler, der zwölf Liter fasst, wie Hans Böhlen strahlend erzählt. «Wir können zumindest eine Zeit lang autark sein, wenn es nötig ist», betont Böhlen. Die Hauptenergie fürs Heizen und Kochen kommt aber aus der Gasflasche.

Platzwart Gino muss einen anderen Wagen vom Stromsystem des Campingplatzes abhängen, denn das deutsche Paar will abreisen. Ein Mann fragt nach einem Strick, so drei, vier Meter lang. Irgendeiner will immer was. Und Fleckli, das höhenerprobte Hausmeerschweinchen – Madulain liegt immerhin auf 1700 Meter über Meer –, fiept in seinem Freigehege, weil es eine Karotte will.

Im Haus der Campingwarte befinden sich nicht nur die Sanitäranlagen (mit Bodenheizung), sondern auch das Herz des Campingplatzes: ein Zwischending aus Laden, Café-Bar und Empfang. Kaffee gibt es hier, Flaschenbier, Nudeln, Ersatzteile für die Butangasanlagen der Wohnwagen, Bündner Weine, selbstklebende Geschirrtüchli-Aufhänger, Glühbirnen, Plastikgeschirr, Campinglampen, Eiscreme, Kägi-fretli. Eben alles, was man so braucht.

Glace erfreut sich trotz Minusgraden grosser Beliebtheit. «Ich brauche noch ein Dessert, Mary. Setz es doch bitte auf die Liste.» Nachtisch nach dem Gegrillten, das einige Männer für ihre Liebsten am Gemeinschaftsgrill gebraten haben. Wie frühzeitliche Jäger tragen sie ihre Beute nach vollendeter Garung zurück in ihre Höhlen – ein Hauch von Abenteuer.

«Handörgeli-Albert», wie der pensionierte Albert Dietsche aus Langnau am Albis wegen seines Schwyzerörgelis hier auf dem Platz genannt wird, sitzt vor seiner mobilen Ferienwohnung in der Sonne und liest Zeitung. Das Prädikat «mobil» verdient sein Wohnwagen nur bedingt. Der 2,5 Meter breite Koloss ist zu ausladend für die Strasse und steht das ganze Jahr über bei Garofanis.

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Barfuss durch den Schnee



«Es ist schon ein Paradies hier oben», sagt Dietsches Frau Ruth. «Aber die Ferienwohnungen sind im Engadin so teuer, dass wir uns für einen Wohnwagen entschieden haben.» Rund 100 Tage im Jahr verbringen sie in ihrem beräderten Feriendomizil. Kostenpunkt: um die 4500 Franken jährlich, Nebenkosten nicht mit eingerechnet.

Auch Dietsches kennen keine Kälte, zumindest nicht drinnen. 23 Grad zeigt das Thermometer, das Ruth Dietsche zum Beweis hervorholt. Und auch sonst mangelts den beiden an nichts. «Wir haben sogar Einzelbetten», sagt sie und deutet nicht ohne Stolz in den hinteren Teil des Wagens, wo zwei perfekt gemachte Betten auf engstem Raum Hotelatmosphäre verbreiten.

Auf der Suche nach weiteren Dauergästen stösst man unweigerlich auf Nikolaus Oberle. Der ehemalige Buschauffeur aus Aschaffenburg bequemt sich die 50 Meter zum Hauptgebäude gern auch mal barfuss durch den Schnee, trägt selten mehr als ein Hemd und eine leichte Jacke und nennt ein graues Ungetüm der Nobelmarke RMB sein Eigen. Rund 180000 Franken hat das Gefährt samt spezialangefertigtem Innenausbau gekostet. Massgeschneidert nicht aus Snobismus, sondern aus barer Notwendigkeit: Renate Oberle ist an multipler Sklerose erkrankt und weitgehend an den Rollstuhl gebunden.

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Bastler und Bähnler



«Ich laufe gern, seien es die 43 Kilometer rauf aufs Matterhorn oder 100 Kilometer am Nordkap», erzählt der 65-Jährige. «Und meine Frau kommt immer mit. 250 Tage im Jahr sind wir auf Achse.» Damit er Frau Renate auch im Winter und auf schneebedeckten Strassen rumkutschieren kann, hat er eine Konstruktion aus Langlaufskiern gebastelt, auf denen er den Rollstuhl befestigt. Wie beim Hundeschlittenrennen steht Oberle hinten auf den Skienden. «Die Bremse fehlt noch. Ohne bekommen wir bergabwärts zu viel Tempo», grinst der Extremsportler.

Basteln und Erfinden scheint ein Sekundärmerkmal des Campers zu sein. Eine Wohnmobilistin aus dem Raum Winterthur will das ultimative Brunchmesser erfunden haben. Die viereckigen Butter- und Frischkäseverpackungen liessen sich damit restlos sauber ausputzen, schwärmt sie. Und bei Honiggläsern komme man damit bis unter den Rand. Die Dame ist so überzeugt von ihrem Universalhegel, dass sie das Messer auf eigene Kosten hat herstellen lassen.

Ebenfalls eine Begleiterscheinung des Homo campus kann die Liebe zu Schienenfahrzeugen sein. Madulain bietet sich solchen Zeitgenossen besonders an, schliesslich ist der Platz direkt an der Bahnlinie und neben dem Bahnhof gelegen. «Wir haben Gäste, die kommen auf unseren Platz, weil sich hier die Rhätische Bahn so gut beobachten lässt», erzählt Mary Garofani. «Die bitten sogar darum, einen Standplatz direkt an den Gleisen zugewiesen zu bekommen.» Viermal die Stunde kommen die Bahnverrückten in den visuellen und akustischen Genuss der RhB.

In der kalten Jahreszeit schluckt der Schnee einen Grossteil der Bahngeräusche. Wintercamping hat eben auch Vorteile.

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