Luca und Laura leben mit ihren beiden Kindern in einem Satelliten in einer urbanen Siedlung. Sie soll hier «Norddorf» heissen. Ein Satellit ist eine Wohnung in einer Wohnung. Seine 80 Quadratmeter sind in ein Elternschlafzimmer, zwei Kinderzimmer, ein WC mit Dusche und einen kleinen Wohnbereich mit Kochnische aufgeteilt. Zum erweiterten Wohnbereich gehören ein rund 50 Quadratmeter grosses Wohnzimmer, ein ebenso grosses Esszimmer mit Kochinsel und ein geräumiges Badezimmer mit Wanne. Diese Räume teilen sich die jungen Eltern mit zwei Familien. Ein Paradebeispiel für verdichtetes Wohnen.

«Damit das Zusammenleben funktioniert, braucht es einige Regeln», sagt Luca. In seiner Freiheit fühle er sich aber nicht eingeschränkt, denn das Wohnen im Satelliten biete ihm viel mehr Vor- als Nachteile: günstigen Wohnraum in der Stadt, ein Leben ohne Auto und gemeinsame Kinderbetreuung. «Abends mal spontan eine Runde im ‹Dorf› drehen ist kein Problem: Es ist immer jemand da, der ein schlecht schlafendes Kind tröstet.»

Die drei Familien sind als Verein organisiert und handeln dessen Regeln gemeinsam aus. So haben sie zum Beispiel beschlossen, dass sich Kinder unter zwölf Jahren nach 20 Uhr nicht mehr im Gemeinschaftsbereich aufhalten dürfen und dass sie abends ihre Spielsachen weg­räumen müssen. Damit das klappt, sind auch die Eltern gefordert.

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«Später, wenn die Kinder grösser sind, ist diese Wohnform vielleicht nicht mehr die richtige», sagt Laura. Dann könne sie sich vorstellen, in ein Appartement zu ziehen – zum Beispiel in die «Kulturfabrik». Dort gibt es einen Pool mit Sauna auf dem Dach und im Erdgeschoss einen Klub, zwei Kinosäle und eine Konzerthalle.

Solarpanels auf den Dächern

Egal, in welcher Lebenslage: Im «Norddorf» gibt es für alle die richtige Wohnform. Zwar sind die Flächen der Kinderzimmer für Jugendliche knapp bemessen, aber Pubertierende treiben sich sowieso lieber auf der Allmende rum – auf jenen Arealen der Siedlung, die allen zur Verfügung stehen. Die Genossenschaft stellt den Bewohnern auf Antrag auch kostenlos Räume zur ­Verfügung. So gibt es im «Dachgartenhaus» einen Jugendtreff, einen Übungskeller für Bands und einen Game-Raum, von den Teenagern mehr oder weniger in ­Eigenregie betrieben.

Dieses Angebot ist mit ein Grund, warum Theo sich immer aufs «Dorf» freut. Lauras 13-jähriger Sohn aus einer früheren Beziehung lebt eigentlich bei seinem Vater. «Megacool» findet er die «Patchwork-WG», in der er bei seinen Besuchen jeweils übernachtet.

Inzwischen ist sogar Lucas Vater in die Siedlung gezogen. Er wohnt in einem Studio im «Balkonhaus». Das Gebäude verfügt über einen grossen Gemeinschaftsbalkon. Dessen Schattenwurf wirkt sich zwar negativ auf die Energiebilanz des Minergiehauses aus, doch das Defizit wird durch die Solarpanels auf dem Dach wettgemacht.

Der Balkon ist aber nicht der Grund, warum der 72-Jährige gerade in dieses Haus wollte. Es ist vielmehr die familiäre Stimmung. Denn obwohl es im Gebäude mehr als 100 Mikrowohnungen gibt, kennt man sich. Im Foyer, im Waschsalon, an der Rezeption und in der Grossküche findet reger Austausch statt. Übrigens: Die Küche wird von einer professionellen Köchin geführt, und für einen kleinen Mietaufpreis kann man sich dort täglich verpflegen.

30 Quadratmeter pro Person

«Es lebt sich ein bisschen wie in einem Hotel», schwärmt der Rentner. Nur mit der erwünschten Mithilfe in der Grossküche konnte er sich nicht anfreunden. Darum bereitet er sich seine Mahlzeiten oft in seiner eigenen Kochnische zu. Aber mit der anstehenden Einführung des «Dorf-Chips» wird auch dieses Problem gelöst. Er soll wie eine Cashkarte funktionieren, enthält aber statt Franken die Dorfwährung PuGA – Punkte für gemeinnützige Arbeit. Diese können alle so verdienen, wie es ihnen am meisten entspricht – manche erledigen Handwerks­arbeiten oder pflegen betagte Nachbarn, andere helfen im Gemüsegarten oder in der Food-Kooperation mit.

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Ein Dutzend Wohnblocks mit 1000 Bewohnern auf einer Fläche von knapp vier Fussballfeldern, bloss 30 Quadratmeter Wohnraum pro Person: Fühlt man sich da nicht zusammengepfercht? «Kein bisschen. Dank den vielen, oft überhohen Gemeinschaftsräumen habe ich eigentlich mehr Raum als früher», so Laura. Aber ist das nicht mit Verzicht auf Privatsphäre verbunden? «In der Agglomeration habe ich auf viel mehr verzichtet – auf Lebenszeit beim Pendeln oder auf zu Fuss erreichbare Läden und Kulturangebote.» Habe sie keine Lust auf Gesellschaft, könne sie sich immer noch zurückziehen.

Inputs lieferten die Genossenschaften «Kalkbreite» und «Mehr als Wohnen». ­Bis 2014 wollen sie ihre Siedlungen in ­Zürich fertigstellen. Auch Ideen von «Neustart Schweiz» sind in den Text eingeflossen.