Zusammen mit dem Nachbarn vom zweiten Stock einen Steinpilzrisotto kochen? Mit anderen Leuten aus dem Haus vor dem Fernseher sitzen? Wer sich von solchen Szenarien nicht abschrecken lässt, besitzt eine Eigenschaft, die für das Funktionieren einer Wohngenossenschaft wichtig ist: Gemeinschaftssinn.

«Selbstverständlich haben bei uns alle ihre Intimsphäre», sagt der 48-jährige Goldschmied Kurt Züllig, der seit acht Jahren in der Genossenschaft Limmatau in Ennetbaden AG wohnt. Aber gemeinsames Kochen oder Fernsehen gehört für Genossenschafts-Mitbegründer Züllig dazu. Initiant der «Limmatau» war der Badener Immobilien- und Bauberater André Roth, der sich mit diversen weiteren Baugenossenschafts-Projekten zum Experten in diesem Bereich entwickelt hat. Er typologisiert den durchschnittlichen Genossenschaftsbewohner als «jüngeren, eher alternativen, kulturbeflissenen Menschen mit grosser Sozialkompetenz».

Neben dem Gefühl des Miteinanders geht es aber auch um handfeste Interessen. So macht das Genossenschaftsmodell Sinn, wenn sich die Mieter einer zum Verkauf stehenden Liegenschaft zusammentun, um diese selber zu erwerben – und sich so ihr altes Zuhause sichern. Oder wenn ein grösseres Projekt realisiert werden soll. Wie etwa bei der «Limmatau», wo ein altes Fabrikgebäude in 24 Lofts und Ateliers umgebaut wurde.

Der Vorteil in finanzieller Hinsicht liegt auf der Hand: Im Kollektiv bringt man genügend Eigenkapital zusammen, um auch Projekte in Millionenhöhe realisieren zu können. Das Risiko für den Einzelnen hält sich dabei in Grenzen, denn gehaftet wird nur mit dem selber eingebrachten Geld. Und weil Genossenschaften nicht gewinnorientiert sind, entsteht meist verhältnismässig günstiger Wohnraum.

Genossenschafter in mehreren Rollen


Als Genossenschafter ist man gleichzeitig Eigentümer, Vermieter und Mieter. «Und im Gegensatz zum Stockwerkeigentum ist man weniger an das Objekt gebunden», sagt Experte Roth.

Ein scheidender Genossenschafter muss sich meist nicht um Verkauf oder Vermietung der Wohnung kümmern: Er erhält sein eingebrachtes Kapital von der Genossenschaft zurück. Üblich ist zwar, dass diese sich vorbehält, die Rückzahlung innerhalb einer Frist von maximal drei Jahren vorzunehmen. Das Geld wird aber verzinst und – sofern sich die Genossenschaft nicht in einem finanziellen Engpass befindet – oft schon früher ausbezahlt.

«Anfangs hatten wir unheimlich viele Diskussionen», erinnert sich Genossenschafter Züllig an die Gründung der «Limmatau». Auch Experte Roth weist auf den grossen Zeitaufwand hin: Rund sechs bis zwölf Monate dauere es, bis alles unter Dach und Fach sei. Statuten müssen erstellt, die Genossenschaft gegründet und die Anforderungen an das Objekt geklärt werden (siehe Artikel zum Thema «Wohngenossenschaften: Regeln»). Auch die Hypothekensuche kann aufwändig werden. «Gerade für kleinere Wohngenossenschaften ist es auch heute noch nicht einfach, von den Banken eine Finanzierung zu erhalten», gibt André Roth zu bedenken.

Sind alle Hürden überwunden und die Wohnungen bezogen, hängt das weitere Gelingen von der Initiative der Genossenschafter ab. Denn der Enthusiasmus der Gründungszeit hält nicht ewig. «Mit der Zeit wird es schwieriger, Vorstandsmitglieder zu finden», sagt Berater Roth. Um internen Querelen vorzubeugen, rät er, administrative Aufgaben wie Kontrolle der Mietzinszahlungen oder Jahresabschluss an eine professionelle Liegenschaftsverwaltung auszulagern. André Roth selbst erledigt diesen Job für die «Limmatau».

Zwischenmenschliche Aspekte sind in sämtlichen Formen des genossenschaftlichen Wohnens nicht zu unterschätzen. Wer zusammen plant, organisiert, baut und realisiert, stellt auch nach dem Einzug höhere Ansprüche an die Mitbewohner als etwa an die Nachbarn im Einfamilienhausquartier. Wichtig: Die Wohnungsbesitzer sollten sich gegenseitig nicht überfordern. Dies kann vor allem nach der intensiven Anfangsphase der Fall sein. Bei allem Stolz über das gelungene Projekt gehts den Genossenschaftern oft wie Kindern, die sich eine Hütte bauen: Solange die Bauarbeiten dauern, sind alle zufrieden und beschäftigt. Doch sobald die Pläne realisiert sind, stellt sich die Frage, was als Nächstes passiert. Dazu kommt die Erkenntnis, wie sich die neuen Mitbewohner im Alltag gebärden. Die eingangs erwähnte Sozialkompetenz ist in dieser Phase besonders gefragt.

In der Ennetbadener Genossenschaft ist auch nach acht Jahren noch alles im Lot. «Bei uns herrscht ein super Klima», sagt Kurt Züllig. Darum gibts auch keine Hausordnung. Dafür ein Ökokonzept, das vorschreibt, welche Farben und Materialien in den Lofts verwendet werden dürfen.

Quelle: Gilbert Projer