Einfach den Kränen nach. Neu-Oerlikon, Zürichs jüngster Stadtteil, ist noch immer im Aufbau. Junge Eschen und Platanen strecken ihre Kronen über die Halteverbotstafeln, schnurgerade gesetzt an Strassen, die so lang sind wie ihre Namen: Margrit-Rainer-Strasse. Heinrich-Gretler-Weg. Ricarda-Huch-Strasse. Hans-Behn-Eschenburg-Weg.

Unterbrochen wird die strenge Parade der Bäume und Verbotstafeln durch Zwischenrufe. «Bravo!», ermuntert ein gelber Kasten: Hundebesitzer mögen doch bitte eines der Plastiksäckchen aus dem Schlitz ziehen. «Musterwohnung» liest man: ein Schild vor riesigen Bauten, deren Fenster düster zur Strasse hin gähnen.

Ein Schwarzer taucht zwischen den Bäumen auf, stämmig wie ein Basketballspieler. «Ja, mein Herz!», sagt er. «Nein, mein Herz!», spricht er fröhlich in sein Handy. «Hab ich, mein Herz, ich bin gleich zu Hause.» Das Dunkel eines Hauseingangs verschluckt ihn. Wieder Ruhe. 5000 Menschen sollen in Neu-Oerlikon wohnen, wenn einmal die letzten Kräne fortgezogen sind. Gegenwärtig wandern diese wie Zugvögel, und mit ihnen wandern die Schilder: «Wohnungen und Büros zu vermieten.» Manche seit Jahren.

Es ist leicht, sich zwischen den Häusern zu verirren. Architekten haben sich hier verwirklicht, Gartenplaner, Strassenbauer, Politiker. Auf dem Gelände erinnert nichts mehr daran, dass hier einst Tausende von Arbeitern Kanonen gossen und schliffen. Als letzter Orientierungspunkt fiel ein kleines Glashochhaus. «Wir versuchen jetzt zu retten, was noch zu retten ist», sagte die Zürcher Stadträtin Kathrin Martelli in einem Interview mit der Zeitschrift «Hochparterre». Dann fügte sie selbstkritisch hinzu: «Hätten wir das früher angepackt, würde der neue Stadtteil jetzt über eine stärkere Identität verfügen.»

Aber weg ist weg. Also bleibt es nun Sache der neuen Bewohnerinnen und Bewohner, für Identität zu sorgen. Für ihre eigene Identität im Innern der Häuser. Der Beobachter hat drei dieser Neu-Oerliker besucht. Alle wohnen im selben Haus. Alle haben sich in einer identischen Wohnung mit rund 110 Quadratmetern Fläche auf zwei Etagen eingerichtet. Ihr Haus war als Erstes fertig. Das war im Oktober 2000. Wie leben sie?

Man hört hier die Vögel pfeifen

«Branko hatte schon hier gewohnt», erzählt Petra Walter, «und mir wurde es in der alten Wohnung zu eng. Als sein Mitbewohner wegging, zogen wir zusammen.» «Not macht erfinderisch», sagt Branko B. Gabriel. Beide sind 31. Sie arbeitet als stellvertretende Betriebsverantwortliche bei der SV-Gastrogruppe, er bei einer Telekommunikationsfirma, als Türsteher in der «Dachkantine» sowie im «Kaufleuten» in Zürich und schreibt Kolumnen für ein Lifestylemagazin.

Der Fernseher stand schon in der Ecke, also blieb er dort. «Mein Hauptkriterium war das Sofa: Ich mag es nicht, mit dem Rücken gegen das Fenster zu sitzen», sagt Petra Walter. «Der Glastisch ist von der Gotte. Sie wechselte die Wohnung und hatte keinen Platz mehr für ihn. Jetzt ist er bei uns gelandet.» Petra Walter sammelte früher Pinguine. Einer steht in der Wohnzimmerecke. «Ich mag Pinguine. Sie sind fröhlich, mögen Gesellschaft und watscheln so hübsch umher.»

«Ich finde dieses Quartier ziemlich sexy», sagt Branko B. Gabriel, «ich bin in zwölf Minuten am Limmatplatz bei der Arbeit. Und danach bin ich froh, wenn es keinen Tingeltangel auf der Strasse hat und ich keine Leute sehen muss. Hier sieht man das Grün, man hört die Vögel pfeifen und ist in wenigen Minuten an einem Teich. Und so weit weg vom Zentrum ist man nicht: Das Taxi vom Central zu uns kostet 25 Franken.»

Den antiken Vogel, den Globus und den Servierboy hat er in einem Antiquitätengeschäft gekauft. «Der Globus ist etwa 100 Jahre alt. Da sind Nationen drauf, die gibt es längst nicht mehr.» Und das Mühlespiel aus Marmor? Das hat ihm sein Bruder geschenkt, als er 15 war.

Prächtige Aussicht vom Dachgarten

Esther-Mirjam de Boer ist selbstständige Designmanagerin. Nach Neu-Oerlikon zog sie mit ihrem Partner «wegen dieser Wohnung. Und wegen des Dachgartens.» Die Aussicht ist prächtig, in einer Viertelstunde sitzen sie am Ufer des Katzensees oder besuchen einen Biobauern, um Mostbröckli, Beeren oder Gemüse zu kaufen. «Teilweise lebt man hier wie auf dem Land», sagt de Boer, «und gleichzeitig städtisch.»

Mit jedem Möbelstück, mit jeder Pflanze verbinden die beiden einen Teil ihres Lebens. Der Diwan hat eine lange Reise hinter sich. Die 37-jährige de Boer arbeitete für Swissair und Sabena. Der Diwan zog mit – über Brüssel bis nach Neu-Oerlikon. Auf dem Diwan eine hellgraue Wolldecke, ein Geschenk von Tyler Brûlé aus jener Zeit. Die kleine Pflanze ist ein Neuzugang. Freunde, die nach Mittelamerika auswanderten, schenkten ihnen zum Abschied einen Ableger. Wenn sie wiederkommen, wird die Pflanze so weit gediehen sein, dass ihre Freunde mit einem Ableger in der Schweiz neu anfangen können – «hoffentlich», sagt Esther-Mirjam de Boer und lacht. Sie besieht sich die drei Orchideen auf dem Sideboard von Designer Kurt Thut: «Ich glaube, eine treibt wieder Blüten.»

Das schwarze Ledersofa, ein Designstück von Wilkhahn, hat sie zwei Jahre lang im Showroom angeguckt. Seit einem Ausverkauf steht es bei ihr. Davor zwei Prototypen. Möbel aus Schaumstoff und Ulmenholz, die man als Hocker oder Beistelltischchen nutzen kann. «Die sind von Beat Karrer», sagt sie, «wir haben sie im Jahr 2003 an der Kölner Möbelmesse vorgestellt.»

Grüsse von Tequila und Buddha

Begrüsst wird man von Tequila, einem Westhighlandterrier, dem man seine elf Jahre nicht ansieht, und von einem schwarzen Buddha. «Ich mag ihn», sagt Martina Flisch, 47, – «er lächelt mich immer so freundlich an.» Sie lebt mit ihrer 12-jährigen Tochter Tosca und der Terrierdame Tequila seit fünf Jahren in Neu-Oerlikon. Im selben Haus wohnt Toscas Vater. «Das ist praktisch», sagt die Mutter. «Wenn Tosca mein Essen nicht passt, dann geht sie zum Papi und schaut, ob es etwas anderes gibt.»

Das Sofa ist eine Eigenkreation. Zusammengestellt im Internet – und nach Martinas Wunsch gestaltet und hergestellt. Der Sitzsack? «Den bekam ich geschenkt, ich weiss aber nicht mehr, von wem.» Die Leuchten sind von Elastic, einem Laden an der Badenerstrasse in Zürich. Und das Fell ist von einer afrikanischen Kuh, gekauft in der Möbelhalle bei der Roten Fabrik.

Seit sie eingezogen ist, organisiert Martina Flisch zweimal im Jahr ein Hausfest. «Auf den Dächern, auf der Wiese oder bei schlechtem Wetter im Korridor.» Als Fernseher kam nur ein Flachbildschirm in Frage, «etwas anderes wäre zu dominant. Und ich brauche ja einen Fernseher, schon wegen meines Berufs.» Sie arbeitet als Stylistin beim Schweizer Fernsehen DRS. Dass ihr Wohnzimmer in Schwarz, Weiss und Rot gehalten ist, «hat sich so ergeben. Ich wollte eigentlich eine weisse Wohnung gestalten.»

Es klingelt. Esther-Mirjam de Boer kommt zu Besuch. «Stör ich?», fragt sie. «Ach was», sagt Martina Flisch. «Sitz ab und trink ein Glas Roten mit uns.»

Quelle: Gerry Nitsch
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