«Geschafft!» Anna atmet auf. Die letzte Trommel Wäsche läuft. Die Mutter zweier Kinder will gerade die Waschküche verlassen, als sie die im Türrahmen stehende Nachbarin vom zweiten Stock bemerkt. «In diesem Haus wird nur bis 19 Uhr gewaschen», herrscht sie Anna an. Und: «Es ist nun bereits das zweite Mal, dass Sie mir den Schlüssel nicht pünktlich übergeben.»

Seit diesem Zusammentreffen ist das Verhältnis zwischen der neu eingezogenen und der alteingesessenen Mieterin getrübt. «Ich konnte der Nachbarin nie verständlich machen, dass ich von dieser Regelung keine Ahnung hatte.» Niemand hatte Anna beim Einzug darauf hingewiesen, dass diese Nachbarin für die Waschküchenbenützung verantwortlich ist.

Wer in ein Mehrfamilienhaus einzieht, geht eine Zweckgemeinschaft mit Fremden ein. Die meisten können sich ihre Nachbarschaft nicht aussuchen. In vielen Schweizer Wohnhäusern gilt deshalb die Devise: «Arrangieren Sie sich selbst.»

Doch es geht auch anders: In der Siedlung Sonnenberg in Uster überlässt man die Entwicklung nachbarschaftlicher Beziehungen nicht dem Zufall. «Die Basis für ein gutes Mietverhältnis legen wir bereits beim Aussuchen der neuen Mieterschaft», sagt Katja Lippuner, die mit ihrem Mann die Hauswartung für die 145 Wohnungen besorgt. «Jedes unserer Häuser hat einen eigenen Puls: Das eine ist ruhig, im anderen haben Kinder Priorität. Wir suchen uns Leute aus, die ins jeweilige Haus passen.» Nach dem Einzug führt Lippuner die «Neuen» in das Angebot der Siedlung ein – und sie bleibt die erste Ansprechperson, «wenn sich Probleme anbahnen».

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Weniger Mieterwechsel

Ebenfalls auf Information und kompetente Kontaktpersonen setzt die Allgemeine Baugenossenschaft Zürich (ABZ) – mit 57 Siedlungen in Stadt und Region Zürich die grösste Baugenossenschaft der Schweiz. «Die Beziehungsnetze der Menschen sind grossräumiger geworden. Als Folge davon wird das Wohnumfeld nicht mehr bewusst gepflegt. Hier müssen wir als Vermieter einen Effort leisten», begründet Kommunikationsleiterin Martina Ulmann das Engagement der ABZ. Die Investition ins soziale Management zahlt sich aus. Ulmann: «Die Wohnqualität steigt, die Menschen sind zufriedener – und dadurch gibts auch weniger Umtriebe.»

Béatrice Breitschmid, Mitarbeiterin der Präventions- und Konfliktberatung Domicil-Wohnkultur, führt weitere positive Effekte einer engagierten Vermietungspolitik an: «Menschen, die sich wohl fühlen, ziehen nicht gleich wieder aus. Sie schauen zu Haus und Wohnung und melden, wenn zum Beispiel eine Leitung rinnt. Vorteile, die sich für Eigentümer auch finanziell positiv auswirken.»

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Auch Mieter können das ihre zu einer gut funktionierenden Nachbarschaft beitragen. Hauswartin Katja Lippuner gibt Neueingezogenen jeweils folgende Tipps: «Stellen Sie sich nach dem Zügeln den anderen Mietern vor – mit einem kleinen Apéro oder in Form eines Besuchs. Holen Sie bei Abwesenheit eines Ihrer Nachbarn die Vorstellungsrunde nach. Und grüssen Sie Ihre Nachbarn immer.»

Weitere Infos

Stiftung Domicil-Wohnkultur

Kanzleistrasse 80

8004 Zürich;

Helpline für Mieter: 01 245 90 30

Beratung und Konzepte für Verwaltungen:

Telefon 01 245 90 35