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ZersiedelungDem «Landfrass» die Nahrung nehmen

Wie schützen wir die Landschaft vor der Zersiedelung? Beginnt jetzt das Zeitalter der Hochhäuser und Hightechstädte? Vier Experten geben Auskunft.


BeobachterNatur
: Frau Lezzi, wie sieht die Schweiz in 20 Jahren aus?
Maria Lezzi: Es gibt mehrere mögliche Szenarien. Zwei davon möchte ich skizzieren. Das erste ist eher düster. Wenn wir keine grundlegenden Änderungen in der Raumordnungspolitik zulassen, entwickeln sich das Schweizer Mittelland sowie die alpinen Täler und Tourismusgebiete zu einem unstrukturierten Siedlungsbrei. Die Folge wäre eine Landschaft ohne Charakter, aus der nur noch wenige Qualitätsinseln herausstächen, zum Beispiel historische Innenstädte oder regionale Naturparks.

In Szenario Nummer zwei schafft die Schweiz ein griffiges Raumplanungsgesetz, setzt es konsequent um und richtet ihre Wirtschafts- und Ressourcenpolitik auf Nachhaltigkeit aus. Damit liesse sich der negative Trend zwar nicht gänzlich stoppen, aber immerhin bremsen. Die ausgeprägte landschaftliche und ökologische Vielfalt der Schweiz bliebe erhalten. Und dank einem effizienten Umgang mit ihren Ressourcen könnte die Schweiz ihre Standortqualitäten sogar noch verbessern. So oder so − wir alle können die räumliche Zukunft der Schweiz mitbestimmen, unabhängig von äusseren Einflüssen.

BeobachterNatur: Welchen Stellenwert hat die Landschaft in der Raumplanung?
Lezzi: Unsere einzigartige Landschaft ist ein Kapital, zu dem wir Sorge tragen müssen. Das «Raumkonzept Schweiz» enthält denn auch die Forderung, die Landschaft bei der Planung stärker zu berücksichtigen. Naturräume müssen gezielt erhalten oder aufgewertet werden. Sie sind als Erholungsgebiete wichtig. Immerhin leben bereits drei von vier Einwohnern in Städten und Agglomerationen. Allerdings kommen komplexe Herausforderungen auf uns und unsere Landschaft zu – Stichwort Strukturwandel in der Landwirtschaft oder Klimawandel.

BeobachterNatur: Stadt und Land – wird es diese reizvollen Gegensätze in naher Zukunft noch geben? Oder ist das Mittelland bald eine einzige Agglomeration?
Lezzi: Das hängt stark davon ab, wie wir die Entwicklung steuern. Die Grenzen zwischen urbanem und ländlichem Raum sind heute schon verwischt. Die Landbevölkerung beispielsweise pendelt mit immer schnelleren Verbindungen des öffentlichen Verkehrs in die Kernstadt. Damit lockert sich die herkömmliche Trennung von Stadt und Land auf. Sichtbare Konturen bei Siedlungen und Kulturlandschaften sind aus raumplanerischer Sicht aber sinnvoll. Damit steigen die Chancen, intakte Landschaftsräume zu erhalten.

BeobachterNatur: Wie wollen Sie der Zersiedelung und dem Landfrass konkret entgegenwirken?
Lezzi: Mit der Teilrevision des Raumplanungsgesetzes wollen wir eine griffigere Regelung für die Siedlungsentwicklung schaffen. Die kantonalen Richtpläne sollen künftig präzisere Vorgaben enthalten, und für Neueinzonungen sollen strengere Anforderungen gelten. Das Ziel ist, dass Siedlungen nicht mehr ungebremst ins Grüne «ausfransen». Im Juli sind notabene neue Bestimmungen für den Zweitwohnungsbau in Kraft getreten, die ein gesundes Verhältnis zwischen Erst- und Zweitwohnungen sicherstellen sollen.

BeobachterNatur: Bisher ist die Raumentwicklung in der Schweiz nicht nachhaltig verlaufen. Was kann das neue Raumkonzept daran ändern?
Lezzi: Das «Raumkonzept Schweiz» ist für die föderalistische Schweiz eine Pioniertat. Es ist das Resultat der gemeinsamen Überlegungen von Bund, Kantonen und Gemeinden und sieht eine stärkere Zusammenarbeit vor − wie dies im kleineren Massstab bereits viele Gemeinden im Rahmen von Agglomerationsprogrammen tun. Sie steuern gemeinsam die Entwicklung von Verkehrsinfrastrukturen und Siedlungen, teilweise über die Kantonsgrenzen hinaus. Ein vorbildliches Agglomerationsprogramm verfolgen die Vorortsgemeinden von Lausanne West, die dafür den diesjährigen Wakkerpreis erhalten haben.

BeobachterNatur: Wie wollen Sie die im Konzept postulierte Förderung erneuerbarer Energien umsetzen, ohne das Landschaftsbild zu stören?
Lezzi: Die Anliegen von Umwelt-, Natur- und Landschaftsschutz sind uns wichtig. Die Raumplanung soll dafür sorgen, dass die Interessen aller Beteiligten zur Sprache kommen. Bei der Umsetzung fangen wir zum Glück nicht bei null an. Wir wissen etwa, dass kompakte Windparks sinnvoller sind als in der Landschaft verstreute Windanlagen.

BeobachterNatur: Und wie wollen Sie den zunehmenden Verkehr baulich in den Griff bekommen?
Lezzi: Dass man Verkehrsinfrastrukturen ausbaut, ohne an die Folgen zu denken, sollte definitiv der Vergangenheit angehören. Künftig wird man in Agglomerationen auf den Ausbau des öffentlichen Verkehrs und des Langsamverkehrs setzen, um Siedlungsgebiete besser zu verknüpfen, die sich bereits stark entwickelt haben oder das Potential dafür aufweisen.

BeobachterNatur: Städte betreiben eine gute Raumplanung, während ländliche Gemeinden oft konzeptlos drauflosbauen. Wie wollen Sie die autonomen Gemeinden vermehrt einbinden?
Lezzi: Erstens durch gesetzgeberische Massnahmen. Gemeinden sind schon heute dazu verpflichtet, die Vorgaben der kantonalen Richtpläne einzuhalten. Sie müssen zwingend kantonale Schutzgebiete, Siedlungstrenngürtel sowie Vorgaben zur Lage und Dimensionierung von Bauzonen beachten. Die Revision des Raumplanungsgesetzes sieht vor, die kantonalen Richtpläne zu stärken und höhere Anforderungen an Neueinzonungen zu stellen. Beispielsweise soll strenger darauf geachtet werden, dass Gemeinden ihre Baulandreserven und Möglichkeiten zur Verdichtung im Siedlungsgebiet nutzen, bevor neu eingezont wird. Zweitens geben wir Hilfestellung. Die Entwicklung lässt sich auf kommunaler Ebene nachhaltig beeinflussen – durch finanzielle Anreize, beispielsweise im Rahmen der Agglomerationsprogramme des Bundes. Aber auch durch Information und das Sichtbarmachen guter Beispiele.

BeobachterNatur: Die oberste Maxime der Raumplanung lautet «verdichtetes Bauen». Müsste man da nicht konsequenterweise den Bau frei stehender Einfamilienhäuser verbieten?
Lezzi: Ein Verbot lässt sich politisch nicht durchsetzen und wäre auch nicht sinnvoll. Aber es braucht ernsthafte Überlegungen dazu, wie das Einfamilienhaus künftig nachhaltiger gebaut werden kann. Einfamilienhäuser belasten die natürlichen Ressourcen stärker und benötigen mehr Energie. Sie mit Strassen, Leitungen und Kanälen zu erschliessen kostet in der Regel schon mehr, als Mehrfamilienhäuser zugänglich zu machen.

BeobachterNatur: Sie sagen, dass Städte nicht nur nachhaltig, sondern auch schön sein müssen. Warum?
Lezzi: An Raumplanung und Städtebau werden enorme Ansprüche gestellt. Städte müssen den Bevölkerungszuwachs bodensparend bewältigen, der Städtebau muss funktional, rentabel, sozial und energetisch optimiert sein. Aber − und dessen ist man sich noch zu wenig bewusst − Städte und Dörfer müssen nicht nur nachhaltig, sondern auch schön sein. Schönheit geht über blosse Gestaltung hinaus. Die Bewohner sollen sich mit ihrem Quartier und ihrer Stadt identifizieren, sich zu Hause fühlen. Das ist zentral für die Entwicklung unseres Landes.

Interview: Tatjana Stocker

Maria Lezzi: Die Geographin ist Direktorin des Bundesamts für Raumentwicklung (ARE)


BeobachterNatur
: Herr Sieverts, Sie sind ein bekennender Anhänger der Agglomeration. Wie kommt das?
Thomas Sieverts: Die Agglomeration ist ein sehr interessantes Studienobjekt. Dass es sie gibt, dafür gibt es gute Gründe. Darum müssen wir lernen, mit ihr umzugehen.

BeobachterNatur: Und warum gibt es die Agglomeration?
Sieverts: Die Agglomeration ist ein Produkt des ungeheuren Wohlstands, der in den letzten 50 Jahren entstanden ist. In dieser Zeit hat sich die Wohnfläche pro Person verdreifacht, mehr als 50 Prozent der Schweizer besitzen ein Auto, und die Menschen haben immer mehr Freizeit, die sie unter anderem in der Natur verbringen möchten.

BeobachterNatur: Die Agglomeration ist weder Stadt noch Land, sondern ein Zwischending mit eher zweifelhaftem Ruf.
Sieverts: Das schlechte Image kommt vor allem aus der Zunft der Architekten. Die Menschen, die in der Agglomeration wohnen, empfinden das nicht so. Sie geniessen die Annehmlichkeiten, die gleichzeitige Nähe zum Zentrum und zur Natur.

BeobachterNatur: Wenn alle möglichst nahe an der Natur leben wollen, gibt es bald keine Natur mehr.
Sieverts: Das ist die Hauptkritik, die an der Agglomeration zu Recht geübt wird. Die Natur wird immer weiter zurückgedrängt, weil die Agglomerationen sich immer weiter ausdehnen.

BeobachterNatur: Wie kann man diese Gefahr bannen?
Sieverts: Die Raumplanung müsste auf regionaler Ebene angesiedelt werden. Heute kann jede Gemeinde machen, was sie will. Dabei verhalten sich viele Gemeinden in den Agglomerationen so, als seien sie noch Dörfer. Jede Verdichtung ist des Teufels. Die Devise lautet: je lockerer, desto besser, weil umso ländlicher. Aber das stimmt nicht.

BeobachterNatur: Wie macht man die Agglomeration nachhaltiger?
Sieverts: Man muss sie verdichten und ihre Ränder eisern schützen. Ist der Siedlungsraum zu weitläufig, wird der öffentliche Verkehr zu teuer und die Infrastruktur zu dünn. Dann braucht man für alles ein Auto – um die Kinder zur Schule zu bringen, um einkaufen zu gehen oder um sich die Haare schneiden zu lassen. Heute können wir uns das noch leisten, doch die Energiepreise werden steigen – und dann haben wir ein Problem.

BeobachterNatur: Wie muss man verdichten, damit die Leute nicht das Gefühl haben, Sie würden zusammengepfercht?
Sieverts: Bis die Menschen sich in der Agglomeration zusammengepfercht fühlen, ist es noch ein weiter, weiter Weg. Und wer die Ränder durch Verdichtung und durch Stadtgrenzen schützt, bewahrt die Freiflächen zwischen den Siedlungsräumen – Agglomerationsoasen, in denen Natur gedeiht und die Menschen sich erholen können.

BeobachterNatur: Was geschieht mit den Bausünden?
Sieverts: Manche Häuser und Siedlungen wird man abreissen müssen, andere lassen sich verändern. Etwa indem man Platz für Gewerbe und Kultur schafft. Das bringt Leben in einstige Schlafstädte. In der Vergangenheit hat man es oft falsch gemacht.

BeobachterNatur: Wer in der Agglomeration wohnt, sucht die Nähe zur Natur. Politisch verhalten sich die Städter aber oft viel naturverbundener. Wie kommt es zu diesem Widerspruch?
Sieverts: Es sind die Städter, die unter Lärm und Verkehr leiden. Darum haben sie die grüne Politik viel dringlicher nötig. Die Agglomerationsbewohner hingegen sind von Natur umgeben – zumal der Artenreichtum in den Vorstädten sogar grösser ist als in der industrialisierten Landwirtschaft, die sie umgibt.

BeobachterNatur: Beim Abstimmungsverhalten zeigt sich auch ein Stadt-Land-Gefälle in Bezug auf Ausländerfragen. Wie kommt es zu diesem Phänomen?
Sieverts: Der Landbevölkerung wird ein Gespenst vorgeführt. Sie fürchtet sich vor ihm, weil sie es nicht kennt. In urbanen Gebieten hingegen ist die ausländische Bevölkerung ein Teil der Gesellschaft. Man ist ständig in Kontakt mit ihr. So entsteht ein natürlicheres Verhältnis.

Interview: Andrea Freiermuth

Thomas Sieverts: Der Agglomerationsforscher ist emeritierter Professor der Technischen Universität Darmstadt


BeobachterNatur: Städte verschlingen 75 Prozent der globalen Ressourcen. Warum entdeckt man sie nun als grüne Alternative?
Saskia Sassen: Städte sind die bessere Lösung als die wuchernde Ausdehnung in Vorstädte, sprich: die Suburbanisierung, wie sie in den USA geschehen ist. Dichte kann für die Umwelt gut oder schlecht sein. Aber Dichte allein bringt uns noch nicht weiter.

BeobachterNatur: Was muss geschehen, damit Städte nicht nur dichter, sondern auch grüner werden?
Sassen: In den Städten liegt die Ursache der Umweltkrise, aber auch deren Lösung. Wir müssen lernen, die Dinge an die Biosphäre zurückzudelegieren. Damit meine ich aber nicht die «Rückkehr zur Natur». Das ist keine Alternative. Dabei helfen können uns technische Innovationen. Es gibt zum Beispiel Bakterien, die aus organischem Abfall qualitativ hochstehenden Plastik produzieren, der – anders als herkömmlicher Plastik – abbaubar ist und keine Belastung für die Umwelt darstellt. Müll wird künftig also nicht mehr wertlos sein, sondern eine wichtige Ressource.

BeobachterNatur: Sind demzufolge Hightechstädte wie die Wüstenstadt Masdar die Lösung?
Sassen: Masdar ist ein wunderbares, aber teures Experiment, das nicht im grossen Stil wiederholbar sein wird. Immerhin zeigt es uns, was technisch möglich ist. Ein anderes Beispiel für eine neue «intelligente» Stadt ist Songdo in Südkorea, wo vor allem gut ausgebildete Menschen leben, sprich: eine äusserst mobile Elite. Es muss uns aber gelingen, auch bestehende Städte smarter und grüner zu machen. Und dies ohne grosse Geldmittel, denn die meisten Städte sind arm.

BeobachterNatur: Wie soll das konkret gehen?
Sassen: Wir müssen die Besonderheiten der einzelnen Städte miteinbeziehen, mit lokalen Experten zusammenarbeiten. Es genügt nicht, ein vorgefertigtes System zu übernehmen, wie es bei neu designten Städten gemacht wird.

BeobachterNatur: Welche Rolle spielt dabei die Politik?
Sassen: Es besteht die Gefahr, dass die im nachhaltigen Städtebau tätigen Grossunternehmen Politiker für sich und ihre Systeme einzunehmen versuchen. Doch diese Lösungen sind oft nicht besonders brauchbar – und vor allem sind sie teuer.

BeobachterNatur: Was, wenn die Bevölkerung nicht mitmacht?
Sassen: Es ist wichtig, dass man die Bevölkerung miteinbezieht, auf Interaktivität und eine offene Stadtkultur mit freiem Informationszugang («open source urbanism») setzt. Dank smarten neuen Technologien ist dieser direkte Austausch möglich. Die intelligente Stadt gibt Feedback – sie sagt, was funktioniert und was nicht.

BeobachterNatur: Was funktioniert in einer smarten Stadt nicht mehr?
Sassen: Autos, die für hohe Geschwindigkeiten, lange Distanzen oder fürs Gelände gebaut wurden, kommen praktisch zum Stillstand. Das heisst, die Stadt zwingt das Auto in einen Modus, für den es nicht gebaut wurde. Hersteller haben das gehört – und bauen nun kleinere Wagen, für die man auch leichter eine Parklücke findet.

BeobachterNatur: Sie haben den Begriff der «Global City» geprägt. Was versteht man darunter?
Sassen: «Global Cities», etwa London, Tokio oder New York, sind die wirtschaftlichen Zentren der Welt, die wie das Silicon Valley die technische und wirtschaftliche Entwicklung vorantreiben. Diese Megastädte können auch politisch viel bewegen. Sie sind, ähnlich wie die global tätigen Unternehmen, zwar nur informelle Akteure auf dem politischen Parkett, also ohne institutionelle Macht. Das hindert sie aber nicht daran, Weltgeschichte zu schreiben. Denken Sie nur an die Occupy-Wall-Street-Bewegung oder an den Ägyptischen Frühling, der auf dem Tahrir-Platz in Kairo seinen Anfang nahm.

Interview: Tatjana Stocker

Saskia Sassen: Die Soziologin lehrt und forscht an der New Yorker Columbia University


BeobachterNatur
: Herr Degelo, Sie haben zusammen mit Meinrad Morger und Daniele Marques in Basel den 105 Meter hohen Messeturm entworfen, das zweithöchste Gebäude in der Schweiz, nach dem Prime Tower in Zürich. Was treibt Sie in die Höhe?
Heinrich Degelo: Der Bau entstand aus einem Wettbewerb, bei dem eine Landmarke gesucht war. Es ging darum, einen städtebaulichen Akzent zu setzen, als Verortung der Messe und Orientierungspunkt in Kleinbasel.

BeobachterNatur: Gefallen Ihnen Hochhäuser?
Degelo: Ja, denn das Hochhaus bietet dem Nutzer die Möglichkeit, sich aus der Fläche der Stadt zu lösen und die Weite der Landschaft zu erfahren.

BeobachterNatur: Ihr Hochhaus war für zwei, drei Jahre das höchste Schweizer Gebäude, dann wurden Sie vom Zürcher Architekturbüro Gigon & Guyer mit dem Prime Tower übertrumpft. Fühlen Sie sich gekränkt?
Degelo:Nein, damit habe ich überhaupt keine Probleme. Es geht ja nicht um einen Wettbewerb, der darüber entscheiden soll, wer höher bauen kann.

BeobachterNatur: Ist es Zufall, dass die Fassaden dieser beiden Gebäude fast identisch aussehen?
Degelo:Wir haben uns vor dem Bau des Messeturms intensiv mit Hochhäusern befasst und bestehende Bauten in Chicago und Frankfurt angeschaut. Eine Frage lautete: Was macht eigentlich den spezifischen Wert, das Gefühl in einem Hochhaus aus? Der Hochhauseffekt kommt zustande, wenn es keine Brüstung gibt − wenn man also bis an den Fensterrand treten kann und die Stadt einem zu Füssen liegt. Das begründet die Wahl der Fassade in Basel, und ich nehme an, das war auch in Zürich der Fall. Dass sie fast die gleiche Farbe haben, ist Zufall.

BeobachterNatur: Bisher hat man in der Schweiz kaum in die Höhe gebaut. Warum der Gesinnungswandel?
Degelo:Diese Aussage stimmt nicht ganz. Bis in die siebziger Jahre hat man auch in der Schweiz Hochhäuser gebaut; das 95 Meter hohe Sulzer-Hochhaus in Winterthur wurde in den späten Sechzigern erstellt. Dann setzte ein Umdenken ein: Hochhäuser wurden verteufelt. Es hiess, sie seien dem Wohlbefinden der Bewohner abträglich.

Diese ablehnende Haltung hängt zusammen mit den Verhältnissen in den sechziger Jahren. Energie war billig, die Mobilität der Menschen nahm zu, man zog aufs Land ins Einfamilienhaus und bewegte sich mit dem Auto. Die Städte wuchsen nur noch an ihren Rändern, die Zentren galten als unattraktiv.

In den letzten Jahren haben die Stadtzentren an Attraktivität gewonnen; man hat festgestellt, dass Hochhäuser durchaus sinnvoll sein können. Nicht immer und überall, aber in manchen Fällen ist dies eine attraktive Bauform.

BeobachterNatur: Wieso sind Hochhäuser wieder beliebt?
Degelo:Die Menschen sehen unterdessen die Probleme der grenzenlosen Mobilität. Und sie anerkennen die Attraktivität der Städte. Das soziale und kulturelle Leben spielt sich in der Stadt ab. Darum ist Wohnraum in der Stadt gefragt. Hochhäuser bilden das städtische Leben ab, sie geben ein metropolitanes Lebensgefühl und nutzen den Platz effizient. Sie sind eine Antwort auf den steigenden Flächenbedarf in der Stadt.

BeobachterNatur: Wie hoch soll man bauen? Gibt es eine Grenze?
Degelo:Was die Höhe betrifft, gibt es ästhetische, technische und ökonomische Grenzen. Gute Architektur muss sich immer nach den spezifischen Gegebenheiten richten. Es wäre sicherlich falsch, in einer Altstadt ein Hochhaus zu bauen. Ökonomisch betrachtet gibt es eine Grenze von 250 Metern − bis zu dieser Höhe stimmt das Kosten-Nutzen-Verhältnis. Höhere Gebäude rechnen sich über ihren Prestigeeffekt, zum Beispiel als Firmensitz.

BeobachterNatur: Was sagen Sie zur Kritik, Hochhäuser seien kein positiver Beitrag zur Stadtentwicklung, sondern Mittel der Selbstdarstellung des Architekten?
Degelo:Das kann ich nicht nachvollziehen. Man kann einem Architekten immer unterstellen, dass er Selbstdarstellung betreibe. Es geht nicht darum, dem Architekten ein Denkmal zu setzen. Seine Arbeit muss sich meiner Überzeugung nach immer dem Ort unterordnen. Das Ziel muss sein, mit einem Bau die vorgefundene Situation zu verbessern.

BeobachterNatur: Ein oft gehörter Einwand lautet, dass Hochhäuser nicht zu den historischen Innenstädten der Schweiz passten. Was sagen Sie dazu?
Degelo:In den Städten wurde schon immer in die Höhe gebaut. Denken wir an die Kirchtürme, die mehr als 70 Meter Höhe erreichen. Solche Türme markieren wichtige Punkte einer Stadt und geben eine Struktur vor. Die Kirchen und Kathedralen waren im Vergleich zu den Wohnhäusern viel dominanter und grösser als die heutigen Hochhäuser. Die Türme waren Ausdruck der Macht und des Einflusses der Kirchen.

Ich würde in einer Altstadt gewiss kein Hochhaus bauen. Aber das ist ja auch nicht üblich. Nehmen Sie den Messeturm oder den Prime Tower: Beide Bauten stehen zusammen mit anderen voluminösen Gebäuden auf grossräumigen Flächen.

BeobachterNatur: Sind Hochhäuser die Kathedralen von heute?
Degelo:Das kann man so sehen. Oft sind es ja Firmen, die ihren Einfluss und ihre Dominanz mit einem Hochhaus demonstrieren wollen. Wenn ein Bauherr ein 100 bis 200 Meter hohes Gebäude in einem Quartier bauen will, in dem fünfstöckige Gebäude vorherrschen, dann ist dies mit dem Bau einer Kathedrale vergleichbar.

BeobachterNatur: Lösen Hochhäuser die Platznot in den Städten?
Degelo:Sie helfen mit, den Platzbedarf in den Städten zu decken. Es ist sinnvoll, innerhalb der Städte zu verdichten und nicht ausserhalb. Je dichter eine Stadt gebaut ist, desto ökologischer ist sie. Es gibt eine Graphik zur Gegenüberstellung von Einwohnerzahl pro Hektar und Benzinverbrauch: Auf der unökologischen Seite befindet sich Los Angeles, in der Mitte bewegen sich die europäischen Städte, und auf der grünen Seite findet man grosse asiatische Städte wie Hongkong oder Singapur.

BeobachterNatur: Nur wenige Schweizer wären bereit, in derart dichten Wohnblöcken zu leben.
Degelo:Man kann sich natürlich fragen: Würde ich lieber in Los Angeles oder in Hongkong wohnen? Aber darum geht es nicht, sondern um den Hinweis, dass dicht gebaute Städte ökologisch sinnvoll sind. Wir sind in der Schweiz von beiden Städten noch weit entfernt, aber wir nähern uns den Verhältnissen von Los Angeles an. Diese Metropole bedeckt bei geringer Dichte ein Siedlungsgebiet von der Grösse der Schweiz.

BeobachterNatur: Hochhäuser in Städten haben auch Nachteile: Sie werfen Schatten und bieten den Bewohnern kaum Grünflächen. Sind dicht gebaute Häuserzeilen, die ein Geviert umgeben und einen grünen Innenhof erlauben, nicht sinnvoller?
Degelo:Blockrandbebauung ist sicher ein Bautypus, der heute wenig angewendet wird. Das ist schade, weil er viele Vorteile aufweist, gerade im städtischen Umfeld. Man kann dicht bauen und hat einen ruhigen Innenhof auf der einen und eine belebte Strasse auf der anderen Seite. Aber ich würde ihn nicht gegen das Hochhaus ausspielen. Gewöhnlich sind nicht beide Bauformen am selben Ort möglich.

BeobachterNatur: In der Schweiz wird viel gebaut. Sollte die Zersiedelung und Ausuferung des Mittellandes gestoppt werden?
Degelo:Auf jeden Fall. Die Zersiedelung wird auf uns zurückfallen. Denn die damit verbundene Mobilität mit all ihren negativen Begleiterscheinungen und dem hohen Energieverbrauch lässt sich auf Dauer nicht aufrechterhalten. Irgendwann wird das Erdöl knapp, die Energie teurer und die Mobilität unbezahlbar. Dann stehen wir mit geringer Dichte und unattraktivem Einheitsbrei da. Die Stärkung von Stadt und Land, von dicht besiedeltem Gebiet und unbebauter Landschaft, ist dringend nötig.

Interview: Stefan Stöcklin

Heinrich Degelo: Der Architekt ist Inhaber eines Büros in Basel
Veröffentlicht am 28. November 2011