Sonntagmorgen. In der Küche kalter Rauch, auf dem Esstisch leere Bierflaschen und übervolle Aschenbecher. Das Spülbecken ist mit verkrusteten Pfannen und dreckigem Geschirr verstellt. Keine Frage: Der Wohnungspartner hat letzte Nacht wieder einmal gefeiert und nicht aufgeräumt. Er wird wie gewohnt bis um zwölf im Bett liegen, mit einem Brummschädel aufstehen und seine üble Laune an den unschuldigen Mitbewohnern auslassen. Da gibt es nur einen Ausweg: auswärts frühstücken und erst am Abend wieder auftauchen.


Ähnliche Szenen dürften sich jedes Wochenende in vielen Wohngemeinschaften abspielen. «Die Konflikte drehen sich meistens um Geld, Ordnung, Sauberkeit, Lärm und das Rauchen», weiss Jörg Weisshaupt, Ombudsmann des Vereins für Jugendwohnhilfe in Zürich. «Dafür bieten Wohngemeinschaften jungen Menschen die Chance, soziale Kompetenz zu üben.» Der Zürcher Verein verwaltet 380 Wohnungen mit 960 Mieterinnen und Mietern.


Damit das Zusammenleben nicht in endlosen Diskussionen um Putzpläne, geplünderte Kühlschränke oder unbezahlte Telefonrechnungen endet, sind vor dem Einzug in eine WG einige Punkte zu beachten. Entscheidend für ein lustvolles Zusammenleben ist die Auswahl der Mitbewohner und Mitbewohnerinnen. Dafür sollte man sich genügend Zeit nehmen.

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Passen wir zusammen?

Am besten werden potenzielle Wohnpartner zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Dabei sollten alle Klartext reden und zu ihren Charakterzügen, Lebensgewohnheiten und Ticks stehen. Passen diese überhaupt nicht zusammen, sind Konflikte vorprogrammiert. Denn alle Wohnungspartner nehmen gezwungenermassen am Leben der anderen teil. Lust und Frust der Zimmernachbarn dringen durch die dünnen Wände.


So ist es ungünstig, wenn ein Frühaufsteher mit einem Musiker zusammenzieht, der nachts auf seinem Klavier übt. Auch das Sauberkeitsempfinden der Wohnpartner sollte übereinstimmen. Der beste Putzplan nützt nämlich nichts, wenn jemand den Dreck am Boden und die Kalkschicht in der Badewanne gar nicht erst sieht.


Ein möglicher Konfliktherd sind auch die Essgewohnheiten. Die meisten Mitbewohnerinnen nerven sich bald, wenn sie ein unselbstständiges Muttersöhnchen durchfüttern müssen oder wenn die Freundin des Mitbewohners dauernd in der Bude rumhängt.

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«Ich schaue beim Vorstellungsgespräch vor allem, ob mir eine Kandidatin sympathisch ist. Dann achte ich darauf, wie sie kommuniziert», sagt beispielsweise Lukas Kistler. Er führte schon mehrere Bewerbungsgespräche und lebt heute mit drei Frauen in einer WG.


Wichtig ist, die Ansprüche an das gemeinsame Wohnen zu thematisieren. Ist es nur eine Zweckgemeinschaft, um Geld zu sparen, oder verspricht man sich durch die WG mehr Sozialkontakte? Soll jeden Abend gemeinsam gegessen werden, oder gehen sich die Wohnungspartner aus dem Weg? «Niemand sollte allein aus Spargründen in eine WG ziehen», findet Jörg Weisshaupt.


Es gibt kein allgemein gültiges Rezept, das ein glückliches Leben in der Wohngemeinschaft garantiert. Wo Menschen auf engem Raum zusammenleben, sind Konflikte unvermeidlich. In solchen Situationen hilft eine gute Gesprächs- und Streitkultur weiter. «Jeder muss ein Minimum an Gemeinschaftssinn und Gesprächsbereitschaft mitbringen», sagt WG-Berater Jörg Weisshaupt.

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Rauchen sorgt für heisse Köpfe

Auch Lukas Kistler stellt diese Ansprüche an sich und seine Mitbewohnerinnen und Mitbewohner. Bisher hatte er kaum Probleme. Nur einmal wurde das Zusammenleben schwierig – unter anderem wegen des Qualms: «Einer paffte so stark in seinem Zimmer, dass der Rauch durch die Ritzen in die ganze Wohnung drang.»


Wichtig ist auch die ausreichende Grösse der Wohnung: Bei mieser Laune können sich die Mitbewohner so aus dem Weg gehen. Ein abschliessbares Zimmer ist das Minimum an Privatsphäre, das jeder Bewohnerin zusteht. Idealerweise hat man einen Ort, an dem sich alle treffen können, etwa eine geräumige Küche oder ein Wohnzimmer. Wichtig: Innerhalb der WG sollte strikte Gütertrennung herrschen.


Solange die Stimmung gut ist, funktioniert das Zusammenleben ohne Regeln. Irgendwann kommen aber die kleinen Reibereien. Hier helfen klare Abmachungen, die schon beim Einzug in die WG gemacht worden sind. In welchen Räumen darf geraucht werden? Wer putzt wann was? Wer kauft ein? Getrennte oder gemeinsame Kasse?

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Ein zentraler Punkt ist die Festsetzung der Beteiligung an den Wohnkosten. Dazu zählen die Miete sowie Nebenkosten wie Elektrizität, Telefon- und TV-Anschluss oder Zeitungsabonnemente. Zudem gibt es Ausgaben für Putzmittel oder Abfallsäcke, die keinem der Bewohner eindeutig zugeordnet werden können und gemeinsam bezahlt werden müssen. Am besten übernimmt jemand die Finanzen, rechnet monatlich ab und treibt ausstehende Beträge ein. Ubrigens: Ein Telefon-Gebührenzähler oder gar ein ISDN-Anschluss mit verschiedenen Nummern für die Bewohner gehört in jede WG.


Rappenspalter machen sich das Leben in einer WG schwer. Es lohnt sich, dann und wann ein Auge zuzudrücken. «Doch wer sich ständig benachteiligt oder ausgenützt fühlt, soll ruhig einmal auf den Putz hauen und einen Krach provozieren», rät WG-Ombudsmann Jörg Weisshaupt. «Ein solches Gewitter hat oft reinigende Wirkung.»

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Wenn alle Gespräche nichts nützen und ein Mieter auszieht, ist eine ordentliche Zimmerabgabe nötig. Der Ausziehende behebt Mieterschäden und nimmt sein ganzes Hab und Gut mit. Sonst erben die verbleibenden Mieter den ausgedienten Computer und die alte Matratze auf dem Estrich. Sie werden diesen Plunder entsorgen müssen. Das kostet Geld und Nerven.

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