Beobachter: Wird die Schweiz nach und nach zu einer einzigen grossen Stadt?

Yvette Jaggi: Das wäre übertrieben. Die Schweiz besteht aus sehr viel unbewohnbarem Gebiet. Der Wohnraum der Bevölkerung und die Infrastrukturen belegen nur gerade sechs Prozent der Fläche. Das hinterlässt bei den Leuten oft den Eindruck, die Schweiz sei doch eigentlich ein grünes Land. Gleichzeitig ist die Bevölkerungsdichte in den überbauten Gebieten eine der höchsten in Europa. Die Zahl der Quadratmeter Grünfläche pro Stadteinwohner wiederum ist in der Schweiz um ein Vielfaches grösser als anderswo. Darob vergessen viele, dass sie eigentlich in der Stadt leben.


Beobachter: Die Schweizer sind also Städter, ohne es zu wissen?

Jaggi: Das könnte man so sagen. Viele Menschen leben in Städten oder in städtischen Agglomerationen und verherrlichen das Dorf. Sie haben eine Art Ballenberg-Idylle im Kopf. Zudem denken viele Schweizer schlecht von der Stadt: Sie ist grau, verschmutzt und pervers. Alles, was zentralisiert und gross ist, ist den Schweizern suspekt. Das sieht man sogar bei der Wortwahl: Das Wort «Hauptstadt» zum Beispiel kommt in der Bundesverfassung gar nicht vor. Bern ist einfach der Sitz der Bundesbehörden. Das gibt es sonst wohl nirgends auf der Welt.


Beobachter: Wie kommt es, dass die Schweizer eine solche Sehnsucht nach der ländlichen Idylle haben?

Jaggi: Es ist ein Teil der Mythologisierung der Vergangenheit. Die Welt ist so klein geworden, und die Schweiz mitten in dieser Welt ist nur noch ein kleiner Fleck. Also konzentriert man sich auf das Kleinräumige. Die Schweizer bezogen ihr Selbstbewusstsein schon immer aus einer Art Alpenmythos.

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Beobachter: Träume hin oder her – die Verstädterung der Schweiz wird weitergehen.

Jaggi: Ja. Bereits heute leben gut zwei Drittel der Bevölkerung in einer Stadt oder einer städtischen Agglomeration. Und das wird noch zunehmen. Viele Junge ziehen zur Ausbildung in eine Stadt und bleiben dann dort oder in der Agglomeration hängen. Auch durch die Immigration von Ausländern wachsen die Städte weiter. Allerdings glaube ich nicht, dass es zu einer Ballung von Grosszentren kommt. Vielmehr wird sich eine Kette von kleinen und mittleren Städten bilden.


Beobachter: Werden die Anliegen der Städte in der Politik genügend vertreten?

Jaggi: Nein. Zwar sind die Landwirtschaftsvertreter im Bundesparlament nicht mehr so massiv übervertreten wie noch vor kurzer Zeit. Aber die Städter haben noch nicht an Einfluss gewonnen. Es hat zwar eine Gruppe von Gemeindepolitikern im Parlament, aber die Vertreter der Städte sind auf einem kleinen Posten. Doch das muss sich ändern. Denn die Städte müssen für die Leistungen, die sie für die Allgemeinheit erbringen, besser abgegolten werden. Viele Nicht-Städter profitieren von der Infrastruktur der Stadt, ohne dafür zu bezahlen. Man muss ein Modell finden für einen Finanzausgleich zwischen den Städten, der Agglomeration und dem Rest des Landes. Die Kantone müssen sich zusammenraufen.

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Beobachter: Birgt die Verstädterung auch Gefahren in sich?

Jaggi: Die grossen Pendlerströme belasten die Umwelt, und das ständige Pendeln ist sicher auch nicht gut für die Gesundheit der betroffenen Leute. Man muss versuchen, die Arbeitsplätze und das Bildungsangebot in den ländlichen Gebieten zu erhalten und zu verbessern. Die Verteilung der Menschen über ein Gebiet hängt letztlich von den vorhandenen Ressourcen ab. Viele Berggebiete haben nur noch den Tourismus. Das ist ein Problem, denn manch einer würde ganz gern auf dem Land leben, weil er dort seine Wurzeln hat. Aber dazu braucht es Arbeitsplätze und Perspektiven. Daran muss man arbeiten. Auch die Kleinstädte müssen dafür sorgen, dass sie als Wohn- und Arbeitsort attraktiv bleiben oder werden. Sonst verkommen sie zu grossen Museen mit einem alten Genossenschaftsladen und einer Postleitzahl.

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