Sparer: Voller Frust auf Risiko

Text:
  • Norbert Winistörfer
Ausgabe:
8/98

Die Kurse der Aktien steigen auf immerneue Rekordhöhen, die Sparzinsen dagegen sacken auf historische Tiefstwerte. Sparer fühlen sichgeprellt - und werden zusehends risikofreudiger.

Das Sparschwein ist schon lange zumBersten voll, der Hammer liegt bereit. Nur zuschlagen müssteman noch und den Inhalt gewinnbringend anlegen. Kein leichtesUnterfangen. Auf dem Sparbuch gibt's noch mickrige 1,5 ProzentZins. Ebensogut könnte man das Geld unter die Matratze

Der Zinszerfall begann Mitte 1992.Damals zahlten die Banken für kurzfristige Anlagen (Festgelder)noch gute 8,5 Prozent, eidgenössische Obligationen rentiertendurchschnittlich sieben Prozent. Seither bildeten sich die Zinsenzurück. Die Ursache liegt primär an der niedrigen Inflationsratevon praktisch null Prozent. Der Zins soll Investoren ja nichtnur dafür entschädigen, dass sie für eine bestimmteZeit auf ihr Geld verzichten. Der Zins soll auch den Wertverlustder Geldanlage durch die Inflation während der Anlagedauerkompensieren. Eine tiefe Inflationsrate bedeutet in der Regelalso niedrige Zinsen.

Der zweite wichtige Faktor fürdie tiefen Zinsen ist die Geldpolitik der Schweizerischen Nationalbank.Sie stellte der Wirtschaft in den letzten Jahren grosszügigbilliges Geld zur Verfügung. Da die Kapitalnachfrage derUnternehmen aufgrund der Rezession jedoch kleiner war als dasAngebot, sank logischerweise der Preis beziehungsweise der Zins.

Und so müssen Anleger mit zunehmenderEnttäuschung konstatieren, dass ihnen die Banken fürihr sauer Erspartes immer weniger Zins zahlen. Den gleichen Frusthaben Obligationenbesitzer. Die Obligationen des Bundes sind miteiner Durchschnittsrendite unter drei Prozent auf historischeTiefstwerte gefallen. Attraktive Neuemissionen sind keine in Sicht.Weniger als drei Prozent für eine elfjährige Laufzeit?Wen reizt das schon?

Selbst wer noch Obligationen mit hohenZinscoupons aus der Hochzinsphase besitzt, kann sich nicht mehrfreuen. Die Schuldner zahlen gemäss den Anleihensbedingungenihr aufgenommenes Kapital vorzeitig zurück, um billigeresGeld aufzunehmen. Allein letztes Jahr wurden für 23 MilliardenFranken schweizerische Anleihensobligationen an die Obligationärezurückbezahlt.

Wohin also mit dem Geld? «Parkieren»,empfehlen die ratlosen Anlageberater - und das schon seit Monaten.Und die Anleger befolgen den gutgemeinten Rat. Zurzeit liegengesamtschweizerisch Spareinlagen in der Höhe von über230 Milliarden Franken bei den Banken.

Ende 1990 waren es lediglich halb soviel.Das bedeutet aber nicht, dass die Schweizer immer mehr sparenkönnten. Ein guter Teil sind Gelder von abgelaufenen Festgeldern,zurückbezahlten Kassen- und Anleihensobligationen.

Die Sparquote in der Schweiz ist seit1992 rückläufig - eine Folge der stagnierenden Realeinkommenbei gleichzeitig erhöhten Lebenskosten. Für dieses Jahrrechnet die BAK Konjunkturforschung Basel noch mit einer Sparquotevon knapp acht Prozent. Im internationalen Vergleich liegt dieSchweiz damit zwar deutlich hinter den Deutschen und den Japanernmit Sparquoten von je zwölf Prozent, aber immer noch klarvor den Amerikanern mit vier Prozent.

Ein Grund für den helvetischenSpareifer liege «im wahnsinnigen Sicherheitsbedürfnisder Schweizer», weiss Petra Huth, Politologin beim GfS-Forschungsinstitutin Bern. Repräsentative Befragungen haben laut Huth gezeigt:«Schweizer wollen ihre finanzielle Eigenständigkeitunbedingt erhalten.» Doch diese sehen sie gemäss demregelmässig erhobenen GfS-Sorgenbarometer in Gefahr. Herrund Frau Schweizer sorgen sich heute insbesondere um die wirtschaftlichenProbleme und ihre soziale Sicherheit.

Die Angst vor einer unsicheren Zukunftist für die Versicherungen zum lukrativen Milliardenmarktgeworden. Immerhin konnte letztes Jahr jeder erwerbstätigeSchweizer im Durchschnitt pro Monat rund 440 Franken auf die hoheKante legen. Umfragen zeigen, dass sogar über ein Drittelder Zwanzig- bis Dreissigjährigen monatlich mehr als 500Franken sparen. Und die meisten wissen aufgrund der tiefen Zinsennicht wohin damit.

Die Branche wirbt denn auch kräftigfürs freiwillige Vorsorgesparen. Mit Erfolg: Jeder dritteSchweizer nutzt bereits das steuerbegünstigte Sparen im Rahmender Säule 3a. Und ganzseitige Zeitungsinserate locken frustrierteSparheftbesitzer mit fettgedruckten 4,2 Prozent Rendite bei Einmaleinlagen.

In diesem Bereich herrscht ein regelrechterBoom. «Diese Versicherungen sind vor allem im Mittelstandverbreitet», freut sich Markus Weisskopf, Mitglied der Konzernleitungder Rentenanstalt/Swiss Life. «Sie dienen speziell der Vorsorgedes kleinen Mannes.» Die Renditeversprechen entpuppen sichauf den zweiten Blick jedoch als Trugschluss, da auch die nichtgarantierten Uberschüsse miteingerechnet sind. Die garantiertenRenditen betragen zurzeit lediglich 2 bis 2,9 Prozent.

Der «kleine Mann» mit demSparheft kann aber wieder hoffen. «Die langfristigen Zinsenkönnten in einem halben bis einem Jahr wieder bei 3,5 Prozentliegen», glaubt Alex Hinder, Chef der Abteilung Makro-Researchbei der Zürcher Privatbank Vontobel. An steigende Zinsenglaubt auch Klaus Wellershoff, Leiter der Research-Abteilung vonSBC-Warburg. «Zehnjährige Obligationen dürftenin fünf Jahren wieder bei 4,5 Prozent liegen. Für Anlegerschaut real dennoch kaum mehr heraus.»

Was die meisten Anleger heute ignorieren:Dank praktisch null Prozent Inflation ist die Realrendite - dieDifferenz zwischen Zinssatz und Inflationsrate - mit 2,8 Prozentso hoch wie schon lange nicht mehr. 1991 etwa lag die Inflationim Jahresdurchschnitt bei hohen 5,9 Prozent, die Obligationender Eidgenossenschaft rentierten damals 6,2 Prozent. Eine Anlagevon 100 Franken brachte Anlegern also effektiv mickrige 0,3 ProzentRealzins ein.

Ebenfalls nicht zu vergessen sind diegegenwärtig tiefen Schuldzinsen. Wer als Haus- und Wohnungsbesitzerüber niedrige Zinsen auf dem Sparkonto jammert, vergisstdie extrem niedrige Hypothekarzinsbelastung.

Wie schnell die von den Fachleutenerwartete Zinserhöhung eintritt, hängt vom Wirtschaftswachstumin der Schweiz beziehungsweise der Nachfrage nach Kapital ab.Entscheidend ist zudem der Einfluss des Euro. Wird der Euro einestarke Währung, dürften Anleger aufgrund der höherenZinsen ihr Geld in EU-Staaten anlegen. Die Kapitalflucht liessedann auch die Zinsen in der Schweiz steigen, glauben die Experten.Mit einem schwachen Euro käme dagegen mehr ausländischesKapital in die Schweiz. Das würde den Franken aufwerten unddie Zinsen tief halten.

Risikofreudige suchen ihr Glückim Aktienmarkt. Dieser legte in der Schweiz seit Jahresbeginnentgegen allen Prognosen erneut um 21 Prozent zu. «Bei solchenZahlen komme ich mir mit meinem Sparkonto irgendwie verarschtvor», meint ein Beobachter-Leser. Damit hat er nicht unrecht.In der Vergangenheit liessen sich mit Aktien im Langzeitvergleichdeutlich bessere Renditen erzielen. Damit argumentiert auch MartinEbner, Chef der BZ-Bank und erfolgreicher Geldvermehrer. Dassseine Worte weitherum auf fruchtbaren Boden fielen, zeigen dieinzwischen rund 13000 eröffneten Konti mit einem Anlagevolumenin Aktien der BZ-Beteiligungsgesellschaften von gut einer halbenMilliarde Franken.

Es sollen bald mehr werden. «Wirplanen weitere Anlässe», sagt BZ-Mann Kurt Schildknecht.«Das ist vor allem bei fallenden Kursen wichtig.» Nurso dürfte die BZ-Bank verunsicherte Anleger bei der Stangehalten. Dass es der BZ-Bank nicht primär ums Heranbildenkritischer Anleger geht, zeigt sich in der Absicht, an Schulenüber Aktiensparen zu referieren. «Die Jungen sind füruns geschäftlich interessant.» Die Rechnung dürfteaufgehen, denn die Jungen haben noch keinen Crash erlebt.

Den Trend zum Aktiensparen spürenauch die Raiffeisenbanken. «Wir fördern ihn sogar inunserer Beratung», bestätigt Peter Signer, Leiter derFinanzberatung in der Zentralverwaltung in St. Gallen. «Mitden gleichen Argumenten wie Ebner, nur etwas diskreter. Es fehlteinfach an echten Anlagealternativen.»

Pensionskassen, Versicherungen undFondsmanager sprechen sogar von einem Anlagenotstand. Sie investierenim Rahmen der gesetzlichen Vorschriften in Aktien, um ja keineKurssteigerungen zu verpassen. Und das, obwohl selbst Optimistendie Börsenhausse kaum mehr erklären können - vorallem nicht ihr rasantes Tempo.

Getreu dem Motto «Was alle machen,kann nicht falsch sein», werden vor allem Laien immer unvorsichtiger.Verstärkt wird ihre Börseneuphorie, wenn Bekannte laufendvon ihren Börsengewinnen erzählen. Dass Sparer vermehrtin risikoreiche Anlageformen wie Aktien, Optionen und Derivateinvestieren, zeigt eine kürzlich veröffentlichte Univox-Umfrage.«Auch wir stellen eindeutig eine grössere Risikobereitschaftfest», sagt Peter Signer von der Raiffeisenbank. «Vielewollen kopflos auf den Aktienzug aufspringen. Dabei haben vieleKunden keine Ahnung, wie die Börse funktioniert», sagtAndreas Schnetzer, Niederlassungsleiter der St. Galler Kantonalbankin Rapperswil. «Die meisten sehen einfach die Risiken nicht.»

Ignoriert wird, dass höhere Erträgeauch mit einem höheren Risiko verbunden sind. So haben Anlageberatergelegentlich grösste Mühe, Kunden die Währungs-und Bonitätsrisiken bei Obligationenschuldnern mit schlechtemRating klarzumachen. Sie lassen sich von zweistelligen Renditenblenden - wie etwa zehn Prozent für die Republik Brasilien.Dabei wäre bei allen Börsengeschäften höchsteVorsicht angebracht. «Es gibt tausend Ursachen für eineKorrektur», muss selbst BZ-Banker Schildknecht einräumen.

Vorsichtigere setzen deshalb auf Anlagefonds.Hier wird das Risiko auf mehrere Titel verteilt. Happige Verlustesind aber auch bei Fonds nicht auszuschliessen. Das musste einBeobachter-Leser mit seinem «Julius Bear Multistock - KoreanStock Fund» erleben: Nach vier Jahren hatte er 85 Prozentseines Kapitals verloren.

Der Trend bei den Fonds geht eindeutigRichtung Strategie- beziehungsweise Portfoliofonds. Das sind standardisierteVermögensverwaltungsfonds, bei denen der Anleger je nachAnlageziel und Risikobereitschaft zwischen verschiedenen Strategienwählen kann.

Starken Zuwachs verzeichnen auch Fondssparpläne.Dabei zahlt der Anleger monatlich einen bestimmten Betrag in dengewünschten Fonds ein, zum Beispiel 400 Franken. Dadurcherwirbt er auf die gesamte Anlagedauer hinaus die Fondsanteilezu einem Durchschnittskurs. Bei hohen Kursen reichen die 400 Frankenvielleicht nur für einen einzigen Fondsanteil, bei tiefenKursen allenfalls für eineinviertel. Bei den meisten Fondssparplänenlassen sich Fondsbruchteile kaufen.

Diese Art von Sparen dürfte mitder Zeit das traditionelle Sparbuch oder Sparkonto ablösen,glauben die Experten - auch wenn gegenwärtig immer noch fastvier Fünftel der Bevölkerung ein Sparkonto besitzen.Keine grosse Uberlebenschance dürften auch Kassenobligationenhaben. Die Nachfrage ging in den letzten Jahren aufgrund der tiefenZinsen markant zurück.

Bei den Anlegern ebenfalls im Trendsind kapitalgeschützte Finanzprodukte und Fondsanlagen. Dabeiist das investierte Kapital bis zu einem bestimmten Prozentsatzgesichert. Der Nachteil: Den Kapitalschutz muss der Anleger miteiner tieferen Rendite erkaufen.

Wie offen heute Durchschnittsanlegerfür neue Anlageprodukte sind, zeigten kürzlich die vonden Raiffeisenbanken erstmalig offerierten Units (Geldmarktanlagenmit Option) auf dem Swiss Market Index. Mit diesem kapitalgeschütztenProdukt könne man «ins lukrative Optionsgeschäfteinsteigen, ohne mit schlaflosen Nächten rechnen zu müssen»,hiess es im Werbeprospekt. Die Anleger fingen Feuer und zeichnetenUnits im Betrag von 50 Millionen Franken. Vor allem für dieBank «ein riesiger Erfolg»: Steigt der Index in einemJahr um 20 Prozent, erzielen die Anleger eine nicht gerade überwältigendeRendite von 3,7 Prozent.

In Zeiten magerer Zinsen haben auchdubiose Finanzhaie Hochsaison. Mit ihrer Schuldzuweisung an die«gierigen Banken mit ihren Rekordgewinnen, die den Kleinanlegerimmer mehr melken», finden sie bei Laien offene Ohren. Undso wird auch der heisse Tip vom netten Herrn der unbekannten Brokerfirmaaus Hamburg für bare Münze genommen: «Wenn el Niñokommt und die Ernten ertränkt, dann steigen weltweit dieWeizenpreise.» Das war auch für eine InnerschweizerBergbauernfamilie mit vier Kindern nachvollziehbar. Das Erspartewar schnell abgehoben und in Weizen investiert. Doch der prognostizierteRegen blieb aus. «Wir wollten doch nur unser Geld besseranlegen», klagen sie heute - nach einem Verlust von rund100000 Franken.

© Beobachter Ausgabe 8 vom 02. Apr 1998 - Alle Rechte vorbehalten

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