Hymen-Rekonstruktion Die falsche Jungfrau

«Die Frau hat jungfräulich in die Ehe zu gehen»: Die Eltern der 23-jährigen Bahar bestehen darauf.

Eine Operation gibt einer jungen Luzernerin die Unschuld zurück: Sie lässt ihr Jungfernhäutchen wiederherstellen. Ein simpler Eingriff – der bei Ärzten zahlreiche ethische Fragen aufwirft.

Die Nacht, bevor Bahar* wieder Jungfrau werden soll, schläft sie unruhig. Sie träumt. Was genau, weiss sie am Morgen nicht mehr. Nach dem Frühstück klingelt Irem. Bahar hat sich bereits eine Notlüge ausgedacht, falls ihre Mutter wissen will, warum die Freundin sie an diesem Morgen abholt. Doch die Lüge ist gar nicht nötig. Die Mutter fragt nicht nach. Heute muss Bahar sich nicht rechtfertigen.

Als die Freundinnen an diesem Tag im Oktober in Zürich Richtung Operationszentrum fahren, steigen in Bahar mehr und mehr Zweifel auf. Sie schämt sich. Fragt sich, was der Arzt und die Praxisangestellten von ihr denken. Irem nimmt ihre Hand, sagt leise: «Ich bin ja bei dir», und zieht die Freundin in Richtung Praxis. Dann geht 
alles schnell. Bahar wird ins Vorbereitungszimmer gebracht. Eine Praxisassistentin erklärt sämtliche Details der Operation, doch Bahar mag nicht zuhören.

Gynäkologe Pierre Villars hat ihr schon mal alles genau erklärt. Sie will nur noch, dass alles möglichst schnell vorbei ist. Sie zieht sich aus, legt sich auf das Pa­tien­ten­bett. Gleich wird sie eine Kurz­narkose bekommen. Eine herkömmliche Vollnarkose will sie nicht. Es würde zu lange dauern, bis sie sich davon erholt hätte. Nach der Operation bleiben ihr nur vier Stunden, bis sie ihre Eltern um 18 Uhr zu Hause erwarten. Dann muss sie wieder die Alte sein.

Gynäkologe Pierre Villars betritt den Operationssaal. Es wird gerade mal 30 Minuten dauern, die 23-jährige Kurdin wieder zur Jungfrau zu machen.

Beim ersten Sex ist Bahars Jungfernhaut, die den Scheideneingang wie ein weicher Saum umgibt, an mehreren Stellen eingerissen. Mit dem Skalpell schneidet Villars die kleinen Narben weg, die sich gebildet haben. Mit zwei, drei Stichen vernäht er jeden V-förmigen Einriss. In drei Wochen werden die Wunden verheilt sein, die Fäden sich aufgelöst haben. Von der Rekonstruktion ist dann nichts mehr zu sehen. Das Infektionsrisiko ist minimal. Was bleibt, ist eine knapp fingerweite Öffnung.

In der Hochzeitsnacht im kommenden Frühling, wenn Bahar ihr zweites erstes Mal erlebt, wird die Jungfernhaut einreis­sen, die kleine Wunde bluten, das Blut auf dem Laken ihre Jungfräulichkeit beweisen. Wenn alles klappt. Denn nur gerade bei der Hälfte der Frauen kommt es zu einer Blutung. Gynäkologe Villars ist optimistisch: «Ich mache die Öffnung jeweils relativ eng. Das vergrössert die Chance, dass die Patientin bei der Penetration blutet.»

«Gott, ich danke diesem Arzt, dass er mich wieder ganz gemacht hat»: Bahar nach der Operation

Depression, Einsamkeit, Selbsttötung

Drei- bis viermal pro Jahr macht Villars diesen Eingriff. Insgesamt 60 Hymenrekonstruktionen werden in der Schweiz jährlich durchgeführt, besagt eine aktuelle Dissertation der Uni Basel. Studienautorin Denisa Dumont dos Santos glaubt jedoch nicht an diese tiefen Zahlen. Die Dunkelziffer dürfte nicht unwesentlich sein. Denn nicht nur Gynäkologen, sondern auch Schönheitschirurgen führen Hymenoplastik durch. Auf eine exakte Zahl will sich 
keiner behaften lassen, denn der Eingriff ist unter Medizinern sehr umstritten.

Der soziale Druck, jungfräulich in die Ehe zu gehen, kann ernste Folgen für die psychische Gesundheit der Betroffenen haben und so zu Depression, Einsamkeit, Identitätskonflikten und sogar zu Selbst­tötung führen. Das zeigt eine psychologische Studie der niederländischen Universität Tilburg. Die freie Entscheidung für die Operation ist nicht gewährleistet. Dadurch bricht die Hymenoplastik ein ­Tabu und kratzt wesentlich am Selbstverständnis der Medizin, die im Einvernehmen mit einem frei entscheidenden Menschen versuchen will, Krankheiten zu heilen und die Gesundheit zu fördern.

Die Schweizerische Gesellschaft für 
Gynäkologie und Geburtshilfe rät deshalb grundsätzlich von der Wiederherstellung der Jungfräulichkeit ab. Es bestehe das Risiko, damit frauenfeindliche Praktiken und Traditionen zu unterstützen. Da den Patientinnen, die gemäss dos Santos’ Studie mehrheitlich aus der Türkei und dem ­Kosovo stammen, im schlimmsten Fall gewalttätige Vergeltungsmassnahmen drohen, lässt die Gesellschaft es den Ärzten jedoch offen, den Eingriff in Notsituationen durchzuführen. Der letzte Entscheid bleibt somit weiterhin bei den Ärzten.

Auch Gynäkologe Pierre Villars, der das Empfehlungsschreiben mitunterzeichnet hat, fällt es schwer, sich festzulegen: «Vom westlichen Standpunkt aus betrachtet, ist ­diese Tradition kaum nachvollziehbar. Auch aus menschen- und frauenrechtlicher Sicht kann ich den Eingriff nicht gutheissen.» Dennoch sei den Betroffenen nicht gedient, wenn sie in ihrer misslichen Lage auch noch von ihrem Frauenarzt abgewiesen würden. «Es ist meine Aufgabe, Patienten zu helfen. Und ganz offensichtlich hilft dieser Eingriff diesen Frauen weiter.» Deshalb entscheide er sich – wenn auch mit Widerwillen – immer wieder dafür, den Eingriff durchzuführen.

Als Bahar nach der Operation die Augen aufschlägt, fühlt sich ihr Oberkörper leicht an. Als würde sie schweben. Alles ist unwirklich. Weisse Tücher. Gelbes Licht. Es riecht sauber, steril. Als Pierre Villars den Raum betritt, schiesst Bahar nur ein Gedanke durch den Kopf: «Gott, ich danke diesem Arzt, dass er mich wieder ganz 
gemacht hat.» Villars tritt ans Bett, nimmt behutsam ihre Hand und sagt: «Ich verspreche Ihnen, alles kommt gut.»

Bahar ist wieder Jungfrau. Niemand kann ihr etwas anderes beweisen. Nicht ihr Freund, nicht ihre Eltern. Es ist kurz vor fünf, als sie aufsteht. Ihre Beine fühlen sich an wie Betonpfeiler. Das Gehen fällt ihr noch schwer. Doch pünktlich um sechs ist sie zu Hause. Die Mutter steht in der Küche, kocht das Abendessen. Der Vater sieht im Wohnzimmer fern. Alles ist wie immer. Bahar verschwindet in ihr Zimmer, legt sich ins Bett und schläft sofort ein.

Drei Wochen sind seit der Operation vergangen. Bahar kommt direkt von der Arbeit. Sie strahlt, als sie Richtung Vierwaldstättersee spaziert. Die Narben seien inzwischen verheilt, sagt sie.

Mit dem Klischee der kopftuchtragenden Muslimin hat Bahar auf den ersten Blick nichts gemein. Die Kurdin trägt enge Röhrenjeans, eine dezent ausgeschnittene Bluse und Stiefeletten. Ihr langes schwarzes Haar trägt sie heute offen. Ein Lidstrich betont ihre mandelförmigen, dunklen Augen, etwas Lipgloss die vollen Lippen. Seit der Lehre arbeitet sie in einem Coiffeur­geschäft in der Innerschweiz.

Vor zwölf Jahren ist sie mit den Eltern, den zwei jüngeren Brüdern und der kleinen Schwester aus dem Irak in die Schweiz geflüchtet. Sie wurde in die fünfte Klasse eingestuft, fand schnell Anschluss und lernte in kürzester Zeit Deutsch. Die Integration funktionierte wie im Bilderbuch.

Doch eines Nachmittags, Bahar ist gerade 14, verbietet ihr die Mutter plötzlich, ihre Freundin zu besuchen. Es gebe keinen Grund für sie, nach draussen zu gehen. Eine Frau habe zu Hause zu bleiben. Eine Frau habe sich anständig zu benehmen. Eine Frau habe dem Mann zu gehorchen. Was die Mutter damit meint, habe sie damals nicht verstanden, sagt Bahar heute. Sie habe aber begriffen, dass sie Schande über ihre Familie bringen würde, sollte sie diese Regeln nicht einhalten.

«Meine Eltern finden sich hier in der Schweiz einfach nicht zurecht und haben deshalb noch viel mehr Angst um mich»: Bahar

«Einsperren solltet ihr sie!»

Fortan passen nicht mehr nur die Eltern auf, dass Bahar sich an die strengen Vorschriften hält. Als sie 16 ist, beginnt auch ihr zwei Jahre jüngerer Bruder, sie zu überwachen. Es ist ein Samstagabend. Wieder einmal will Bahar sich mit der Ausrede davonschleichen, sie lerne mit der Freundin für eine Prüfung. «Die geht bestimmt nicht lernen an einem Samstagabend!», schreit ihr Bruder. «Wollt ihr etwa, dass sie eine Schlampe wird? Ich sehe doch, wie die Frauen hier sind. Wollt ihr, dass sie so wird? Einsperren solltet ihr sie!»

Bahar erinnert sich nur noch, dass sie sich nicht wehren konnte, einfach regungslos dastand, nichts sagte. «Es wäre sinnlos gewesen, mich gegen Vater und Bruder aufzulehnen.» Zu oft habe sie versucht, ihnen zu erklären, dass doch nichts dabei sei, wenn sie an die frische Luft gehe, um sich von der Arbeit zu erholen. «Doch was ich will, spielt keine Rolle», sagt Bahar. Wichtiger sei, dass ihr Bruder nicht wolle, dass seine Freunde sie draussen sehen. Das wäre ihm peinlich. Eine gute Schwester sei eine, die zu Hause bleibt. «Trotzdem konnte ich meiner Familie nicht böse sein. Sie glauben, mich beschützen zu müssen. Vor allem meine Eltern kennen es nicht anders. Sie finden sich hier in der Schweiz einfach nicht zurecht und haben deshalb noch viel mehr Angst um mich», so Bahar.

Als sie eines Tages nach Hause kommt, steht der Vater im Wohnzimmer und hält eine kleine Schachtel in der Hand. «Wem gehört die?», fragt er wütend. Bahar erkennt die Zigaretten sofort. Ihr Bruder muss in ihren Sachen gewühlt und sie verraten haben. Was soll sie sagen? Welche Ausrede hätte sie… Ohrfeige links. «Wa­rum hast du das getan?», schreit der Vater. Ohrfeige rechts. «Wieso hältst du dich nicht an unsere Regeln?» Schlag auf den Kopf. «Ich fühlte mich wie ein Boxsack.»

Plötzlich stockt Bahar und hört auf zu erzählen. Ihre Lippen werden schmal, die Augen klein, in der Mitte der Stirn bildet sich eine tiefe Falte. «Warum bringen sie uns hierher, wenn wir doch so leben müssen wie im Irak?», zischt sie. Wild habe sie damals mit der Faust gegen die Wand geschlagen und die Eltern unter Tränen angefleht, sie lieber zu töten, als noch einen Tag in dieses Gefängnis zu sperren. Blut sei auf ihre Hand getropft. Sie hatte den Kopf kräftig gegen die Wand geschlagen. Die ­Eltern standen regungslos da. Schwiegen.

«Du bist Dreck, nicht mehr zu gebrauchen»

Zwei Jahre später sei alles besser geworden, als sie Arsim kennenlernte. Er ist ebenfalls Muslim, aus Albanien. Bahar war knapp 18. Doch mit der Freundschaft zu Arsim beginnen die Lügen. Hier Überstunden, dort Schularbeiten, da noch lernen mit der Freundin. «Doch ich war mir sicher, dass Arsim alle Mühen wert ist», sagt sie. Eines Abends – Arsim hatte sturmfrei und Bahar wieder mal gelogen – passierte es.

«Eine Frau hat jungfräulich in die Ehe zu gehen. Bist du keine mehr, bist du Schande, Dreck, nicht mehr zu gebrauchen», erzählt Bahar. Ihre Mutter und Verwandte trichterten ihr das ein, ernst genommen hatte sie es nicht. Doch dann ­begannen die Fragen von Arsim. Er wollte wissen, warum sie nicht geblutet habe. 
Jedes Mal aufs Neue beteuerte Bahar, das habe sie doch, wenn auch nur wenig. Gesehen habe sie es allerdings erst später auf der Toilette, ein kleiner rötlicher Fleck in der Unterhose. Doch Arsim ignoriert die Erklärungsversuche. Er glaubt ihr nicht. «Mir war klar, dass unsere Beziehung keine Chance mehr hatte», erzählt sie. Nach drei Jahren blieben der jungen Frau ein gebrochenes Herz, ein kaputtes Jungfernhäutchen und die Angst, irgendjemand könnte ihr Geheimnis herausfinden.

Es war während einer Schulpause, als sie muslimische Schülerinnen über eine Operation tuscheln hörte, die einen wieder zur Jungfrau macht. «Natürlich wollte ich mich nicht unters Messer legen», sagt sie. «Doch kurdische Männer wollen eben 
keine Hure, sondern eine Jungfrau.» Etwas dazwischen existiere für sie nicht. Während Frauen sich in Enthaltsamkeit üben müssen, würden die Männer eine nach der anderen abschleppen und eine Heirat möglichst lange hinauszögern. Wenn die Männer dann vor den Altar treten, müsse es eine Jungfrau sein. «Sie wollen sicher sein, dass da noch nie einer drin war, dass sie die Ersten sind», sagt die 23-Jährige. «Kurdische Männer wollen einer Frau alles beibringen. Wehe, du sagst ihm, was du magst. Dann wirst du sofort beschuldigt, keine Jungfrau mehr gewesen zu sein. Wie könntest du sonst wissen, was dir gefällt?»

«‹Wieder eine verzweifelte junge Frau›, dachte ich mir, als Bahar damals bei mir in der Praxis sass», erinnert sich Gynäkologe Villars. Seit 25 Jahren operiert er zerrissene Hymen. Es schockiere ihn noch heute, wenn eine Frau mit diesem Anliegen zu ihm komme. Auch deshalb reserviere er sich jeweils eine ganze Stunde für diese Patientinnen. «Ohne ausführliches Gespräch würde ich die Operation nie durchführen.»

Doch der Arzt hat schnell bemerkt, dass es nicht leicht wird, Bahar die Operation auszureden. «Sie hat sich ausführlich mit dem Thema beschäftigt», erzählt er. Trotzdem versuchte Villars, sie von der Opera­tion abzubringen, und schlug Alternativen vor. Er habe ihr den Rat gegeben, sich zu verkrampfen, damit die Scheide nicht so weich ist und es dadurch zu bluten beginnt. Eine andere Variante: die Periode mit der Pille so terminieren, dass sie auf die Hochzeitsnacht fällt. Auch mit der Nadel in den Finger stechen, um einen Tropfen Blut zu erzeugen, sei eine Möglichkeit.

Bahar hatte bereits im Internet nach solchen Tipps gesucht. Dort wird Frauen geraten, vor dem Akt ein Stück Hühner­leber oder eine mit Tierblut gefüllte Fischblase in die Scheide einzulegen, um so beim ersten Stoss eine Blutung zu bewirken. Auch unzählige Angebote für künst­liche Hymen finden sich im Netz – hauchdünne Folien mit Kunstblutkapseln, die fingertief in die Scheide eingeführt werden, sich nach 20 Minuten auflösen und so die Jungfräulichkeit vortäuschen. «Mir war das alles zu riskant. Zu lange habe ich mich mit der Angst herumgeschlagen, die Eltern könnten mir anmerken, dass ich nicht mehr Jungfrau bin. Zu gross war die Furcht, dass ich nochmals wegen eines Stückchens Haut verlassen werden könnte. Ich wollte eine sichere Lösung», erklärt Bahar.

«Ich möchte gern ein-, zweimal im Monat mit Freundinnen tanzen gehen»: Bahar hofft, nach der Heirat etwas freier zu sein.

Frauen und Männer tauschen Tricks aus

Gynäkologe Pierre Villars weiss von anderen Patientinnen, dass nicht nur musli­mische Frauen Tricks austauschen, um Jungfräulichkeit vorzutäuschen. Auch die Männer reden miteinander und geben Ratschläge weiter, wie sie Täuschungsversuche entlarven können. Immer wieder komme es vor, dass ein Bräutigam seine Ehefrau vor dem Akt mit dem Finger «untersuche», um sicherzustellen, dass die Scheide nicht schon vor dem Eindringen blute.

Nun stand Bahar nur noch der Preis 
im Weg. 2000 Franken waren mehr, als 
die Coiffeuse auf die Schnelle auftreiben konnte. Ihre Operationskosten lagen eher etwas über dem durchschnittlichen Preis, der sich in der Schweiz bei 1500 Franken bewegt. «Ganz bewusst», wie Gynäkologe Villars festhält. Er rechne gerade deshalb nicht nach dem tieferen Krankenkassen­tarif ab, um durch die finanzielle Hürde zu erreichen, dass sich Frauen intensiv mit der Operation auseinandersetzen. Habe er den Eindruck, dass sich eine Patientin der psychischen Folgen nicht bewusst sei, verweigere er auch einmal die Operation.

Nicht alle Ärzte haben solch hohe ethische Ansprüche. Im Irak und auch in anderen islamischen Ländern ist die Hymenoplastik seit Jahren ein blühender Zweig der Schönheitschirurgie. Seit der Eingriff in Europa bekannt wird, steigt auch hier 
die Zahl jener, die damit Geld verdienen wollen. «Ich bin Arzt, aber ich bin auch Geschäftsmann. Spricht sich meine Praxis in diesen Kreisen herum, kommen gleich mehrere Frauen. Lehne ich eine Patientin ab, ist das schlechte PR», erklärt ein deutscher Schönheitschirurg, der auch in der Schweiz praktiziert und nicht namentlich genannt werden will. Mediziner würden es nicht gern hören, wenn einer von ihnen öffentlich wirtschaftlich argumentiere, doch der Eingriff sei eben leichtes Geld. «Diese Frauen sind doch selber schuld, wenn sie so einen Blödsinn mit sich machen lassen», schiebt er nach.

«Die Haltung dieses Arztes ist keine Ausnahme», bestätigt Anu Sivaganesan, Mitbegründerin von Zwangsheirat.ch, einer Anlaufstelle für Frauen mit Migrationshintergrund. Eine Arztgemeinschaft hatte der Organisation vorgeschlagen, Frauen direkt an sie zu verweisen, falls diese eine Hymenrekonstruktion wünschen. «Selbstverständlich haben wir das abgelehnt. Dieses tragische Schicksal darf keine Markt­lücke sein. Wir sind ohnehin gegen diesen Eingriff», erklärt Sivaganesan (siehe Interview). Auch das Institut für Biomedizinische Ethik der Uni Zürich rät zur kritischen Diskussion über die Operation und deklariert eine Vermarktung der Hymenrekonstruktion klar als unethisch.

Damit es blutet, muss der Ehemann schnell eindringen: Bahar fürchtet, dass sich das erste Mal für sie wie eine Vergewaltigung anfühlen wird.

Für die Operation ein Jahr lang gespart

Nur in aussergewöhnlichen Fällen kommt die Krankenkasse für den Eingriff auf. Dann, wenn sich die Frau in einer ex­tre­men Notlage befindet. Die Beurteilung, ob dem so ist, überlassen die Krankenkassen den Ärzten. Doch Gynäkologe Villars ist überzeugt, dass es falsch ist, die Öffentlichkeit für solche Eingriffe zahlen zu lassen: «Es kann nicht angehen, dass die Kasse für kulturelle Probleme aufkommt.»

Also sparte Bahar. Ein Jahr lang. Bis sie diesen Herbst genug Geld beisammen­hatte, um wieder Jungfrau zu werden.

Kurz nach der Operation hat sich Bahar verlobt. Der Auserwählte ist 27, Iraker, war bereits einmal verheiratet. Dass sie schon eine Beziehung hatte, macht ihm nichts aus. Beziehung ja, aber kein Sex. Deshalb behält sie ihr Geheimnis für sich. Trotz allem bezeichnet sie ihren Verlobten als sehr liberal und offen: «Er weiss, dass Frauen in der Schweiz anders leben als im Irak.»

Bald werden sie zusammenziehen. Bahar hofft, dann endlich etwas freier zu sein. Sich Freiheit vorzustellen fällt ihr allerdings schwer. «Wenn ich frei wäre, tun könnte, was ich will…» Sie stockt, setzt nochmals an. «Eigentlich wollte ich immer ganz viele Freundinnen haben. Ich bin ein geselliger Mensch. Ich würde mit ihnen ein-, zweimal im Monat tanzen gehen. Ich liebe Tanzen», sagt sie und kichert, als ­wäre es verwegen, sich so etwas zu wünschen.

Doch vor der Freiheit kommt die Hochzeitsnacht. Damit es blutet, muss ihr Ehemann schnell eindringen. Kein langsames Herantasten, kein sanftes Probieren. Das Jungfernhäutchen könnte sich sonst dehnen, der ganze Aufwand wäre umsonst gewesen. Bahar fürchtet, dass sich das erste Mal für sie wie eine Vergewaltigung anfühlen wird – ob sie ihren Mann danach noch lieben kann, weiss sie nicht. «Ich habe geglaubt, dass ich nach der Operation glücklich bin und nie mehr an das Thema denken muss. Aber ich denke jeden Tag daran.»

Die Angst ist verschwunden. Die Verzweiflung nicht.

*Die Namen Betroffener und einige Details wurden 
aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes geändert.

Jungfrau per Operation

Es gibt in der Schweiz fast keine Daten zur Rekonstruktion von Jungfernhäutchen. Die Gynäkologin Denisa Dumont dos Santos hat für ihre Doktorarbeit 68 gynäkologisch-geburtshilfliche Kliniken dazu befragt. «Mit zunehmender Anpassung an die Lebensweise der Gastländer nimmt auch die Zahl junger Frauen zu, die trotz Verbot der Eltern sexuelle Beziehungen vor der Ehe eingehen», schreibt sie. «Wenn später eine traditionelle Hochzeit mit einem Partner islamischen Glaubens erfolgen soll, können sie unter enormen emotionalen und gesellschaftlichen Druck geraten, da diese die Jungfräulichkeit nach wie vor strikte voraussetzt.»

Woher kommen die Patientinnen?

39 Schweizer Kliniken machten Angaben zur Zahl der Patientinnen, die eine Rekonstruktion des Jungfernhäutchens wünschten.

Wer zahlt?

Eine Rekonstruktion des Jungfernhäutchens kostet zwischen 500 und 2500 Franken. 38 Schweizer Kliniken gaben Auskunft, wer dafür zahlt – in 40 Prozent der Fälle ist es die Krankenkasse, da eine «extreme Notlage» besteht.

Wie häufig wird operiert?

42 Schweizer Spitäler gaben an, wie oft bei ihnen Jungfernhäutchen rekonstruiert werden.

Eine kleine Geschichte der Jungfräulichkeit

Die Jungfräulichkeit ist ein zentrales Thema in der religiösen Tradition des Christentums. Dem Bild der «reinen Jungfrau» in der Religion steht allerdings schon bald einmal die welt­liche Vorstellung von der «verbitterten, hysterischen Jungfer» entgegen.

Im Paradies
Am Anfang war die Jungfräulichkeit. Adam und Eva sind jungfräulich. Erst ­Versuchung und Sünde ­führen zur Sexualität und haben damit Scham, die ­Vertreibung aus dem ­Paradies und so die ­Sterblichkeit zur Folge. Jungfräulichkeit ist zutiefst mit den Ursprüngen und ­Mythen westlicher Kulturen verbunden.

11. Jahrhundert
Priester, Mönche und Nonnen werden immer wieder ermahnt, zölibatär zu leben – am besten jungfräulich. Diese Lebensform soll den Anspruch des Klerus auf moralische und geistige Überlegenheit untermauern.

12. Jahrhundert
In Klöstern beginnt die Marien­verehrung. Im religiösen Schrifttum wird die Jung­frau Maria als Ideal dargestellt, an dem Frauen ihr Leben aus­richten sollen.

Gleichzeitig wächst sowohl bei Ärzten als auch bei Naturphilosophen die Überzeugung, dass Sexualität gesundheitsfördernd ist. Unverheiratete laufen als «verstopfte Jungfrauen» gemäss dieser Logik Gefahr, aggressiv oder depressiv zu werden.

13. Jahrhundert
Als Zeichen der Keuschheit gelten etwa nach unten weisende Brüste, Scham, Furcht und ein fehlerloser Gang. Auch ein heller, klarer Urin weist auf Jungfräulichkeit hin. Es wird allerdings vor der Gerissenheit mancher Frauen gewarnt, die eine Überprüfung ihrer Unschuld verhindern könnten. Gegen Ende des 13. Jahrhunderts kursieren Geschichten von der «giftigen Jungfrau», deren angesammeltes Gift den ersten Mann töte, der mit ihr schlafe. Aufgrund der Vorstellung des giftigen Jungfrauenbluts müssen Frauen die Defloration selbst vornehmen; oder sie werden stellvertretend für den Bräutigam von ­einem sozial höherstehenden Mann entjungfert.

14. Jahrhundert
In religiösen Texten finden sich lediglich drei zulässige weibliche Lebensformen, die einen Lohn im Jenseits garantieren: Jungfräulichkeit, Witwenschaft und Ehestand – wobei die Jungfräulichkeit die höchste Form der drei ist.

15. Jahrhundert
Der italienische Arzt Michele Savonarola beschreibt die Jungfräulichkeit folgendermassen: «Die Cervix (Gebärmutter) wird von einem zarten Häutchen namens Hymen bedeckt, das bei der Entjungferung zerstört wird, so dass das Blut fliesst.»

17. Jahrhundert
Der französische Mediziner Nicolas Venette bezweifelt, dass die Zeichen für Jungfräulichkeit zutreffend sind. Die einzige Möglichkeit, Jungfräulichkeit zu gewährleisten, wäre demnach, gleich nach der Geburt die «Geburtsglieder» zusammenzunähen. Mediziner sind überzeugt, dass die Fortpflanzungsfähigkeit das Wesen der Frau ausmacht. Frauen, die nicht «ihrer Natur gemäss» lebten oder sie verleugneten, indem sie Jungfrau blieben, müssten verschiedenste Krankheiten wie Hysterie oder Bleichsucht gewärtigen.

19. Jahrhundert
Viele Gelehrte sind zu dieser Zeit überzeugt, dass beim Verlust der Jungfräulichkeit der Hals anschwillt, sich Ringe unter den Augen bilden und sich die Farbe der Haut sowie des Urins verändert.

1918
Im Buch «Das Tabu der Virginität» unterstellt Sigmund Freud allen Frauen, beim ersten vaginalen Geschlechtsverkehr Penisneid zu empfinden – «die feindselige Erbitterung des Weibes gegen den Mann».

1993
Der US-Pfarrer Jimmy Hester startet Anfang der neunziger Jahre die Kampagne «True Love Waits» (Wahre Liebe wartet) und wirbt damit für Enthaltsamkeit vor der Ehe. Innert eines Jahrs unterschreiben 100'000 Jugendliche eine Erklärung, dass sie mit dem Sex bis zur Ehe warten würden. Heute soll es bereits eine halbe Million sein.

1998
Erst 1998 wird in Deutschland ein Gesetz abgeschafft, das den Mann verpflichtete, seiner Verlobten ein Kranzgeld zu zahlen, falls er mit ihr geschlafen hatte und sie verliess – sozusagen als Entschädigung für ihren gesunkenen Marktwert. Die ­Sitzengelassene musste bei einer Hochzeit mit einem Strohkranz vorliebnehmen, während jungfräuliche Bräute einen Myrtenkranz tragen durften.

Autor:
  • Nicole Krättli
Bild:
  • Richard Wilkinson
08. Dezember 2011, Beobachter 25/2011