Der aktuelle Generationen-Barometer zeigt, dass jüngere Generationen das Gefühl haben, ihre Lebensqualität sei tiefer als die ihrer Eltern. Warum sind Junge so unzufrieden?
Die Generation Z blickt deutlich pessimistischer in die Zukunft als die anderen Generationen. Das hat mit dem Klimawandel zu tun, der die Zukunftsaussichten negativ prägt. Dazu kam die Corona-Krise. Die Jungen haben besonders stark an den Einschränkungen während der Pandemie gelitten. Gleichzeitig werden Ältere immer zufriedener, es existiert ein Zufriedenheitsgap zwischen Älteren und Jüngeren.

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Woher kommt dieser Unterschied?
Für Jüngere machen die Erfahrungen der letzten Jahre einen grossen Teil des Lebens aus. Aktuelle Ereignisse wie die Pandemie 5 Jugendliche über die Pandemie «Wir Jungen scheinen irgendwie vergessen gegangen zu sein» prägen Zukunftsaussichten stärker als dies bei älteren Generationen der Fall ist, die schon auf ein langes Leben zurückblicken. Und negative Zukunftsaussichten wirken sich auch auf die aktuelle Lebensaussicht aus. Ältere nehmen Schwankungen weniger wahr.


Laut der Studie nehmen ältere Generationen nicht wahr, dass die jüngeren unzufriedener werden. Wie kommt das?
Lebensqualität wird in den Generationen unterschiedlich definiert. Ältere gehen viel mehr von materiellem Wohlstand aus, während für Junge andere Sachen wie die eigene Entfaltung oder gute Beziehungen wichtiger sind. Ältere Generationen haben selbst erlebt, dass ihre Lebensqualität im Vergleich zu ihren eigenen Eltern immer besser geworden ist und gehen deshalb davon aus, dass das auch bei den Jungen so ist und dass sie zufriedener sind, weil sie mehr Lebensqualität haben. Das führt dazu, dass sich die Jungen nicht verstanden und eher im Stich gelassen fühlen.


Aber es stimmt doch, dass Junge heute viel mehr materiellen Komfort haben als ältere Generationen. Ist das Wohlstandsverwahrlosung?
Mehr materieller Wohlstand geht nicht unbedingt mit mehr Zufriedenheit einher. Klar haben Junge heute beispielsweise eine riesige Auswahl an Produkten, dies kann aber auch überfordernd sein, denn sie müssen mehr Entscheidungen treffen. Zudem wollen sie mindestens so erfolgreich sein wie ihre Eltern. Das führt zu einem grossen Druck, der sich negativ auf die Lebenszufriedenheit auswirken kann.

Politikwissenschaftlerin Virginia Wenger
Quelle: Sotomo

Virginia Wenger ist Politikwissenschaftlerin und Projektleiterin des Generationen-Barometers 2023. Das Generationen-Barometer ist eine repräsentative Studie, welche vom Forschungsinstitut sotomo im Auftrag des Berner Generationenhaus durchgeführt wurde und für das 2787 Personen über 18 Jahren befragt wurden. 2023 erschien die Studie zum dritten Mal.

Wie könnte man diesem Missverständnis zwischen den Generationen entgegenwirken?
Mehr Kontaktpunkte und mehr Austausch würden helfen.


Was heisst das konkret?
Eine Idee, die in unseren Erhebungen über Generationen hinweg Anklang findet, ist die Erweiterung der Wehrpflicht zu einem obligatorischen Gesellschaftsdienst für alle jungen Männer und Frauen. Im Rahmen davon könnten ältere Personen von jüngeren gepflegt werden, was den vermehrten Austausch zwischen den Generationen möglich machen würde.


Die Erkenntnis, dass Junge immer pessimistischer denken, ist neu. Warum hat sich das verändert?
Das kann nicht abschliessend beantwortet werden. Es ist aber sicher so, dass die Pandemie dazu beigetragen hat, dass die Zukunft negativer bewertet wird. Der Pessimismus hat allgemein auch bei älteren Generationen zugenommen, und das aktuelle Weltgeschehen trübt die Zukunftsaussichten immer mehr. Jüngere sehen die Zukunft zwar negativ, wollen sie gleichzeitig aber aktiv angehen. Sie gehen am ehesten davon aus, dass sie Einfluss auf die Zukunft haben.

«Anfang dreissig steht man an einem ganz anderen Punkt im Leben als Anfang zwanzig. Veränderungen beeinflussen unsere Wahrnehmungen und Perspektive auf die Gesellschaft.»

Virginia Wenger, Politikwissenschaftlerin

Das klingt widersprüchlich. Denken die Jungen nicht auch deswegen pessimistisch, weil sie wenig Handlungsspielraum sehen?
Das geht nicht unbedingt Hand in Hand. Im besten Fall haben die Jungen noch ein langes Leben vor sich, und es sind auch noch viele Veränderungen möglich. Bewegungen wie die Klimajugend und deren Auswirkungen auf die öffentliche Debatte haben sicher auch dazu geführt, dass sich die Jungen nicht völlig handlungsunfähig fühlen, sondern, dass sie einen Beitrag leisten können.


Die 26- bis 35-Jährigen schauen am optimistischsten in die Zukunft. Wieso gibt es einen Unterschied zwischen sich eigentlich nahestehenden Generationen?
Das dürfte damit zusammenhängen, dass man in diesem Alter sehr viele Veränderungen durchmacht. Anfang dreissig steht man an einem ganz anderen Punkt im Leben als Anfang zwanzig. Veränderungen im Alltag und im Leben beeinflussen unsere Wahrnehmungen und Perspektive auf die Gesellschaft. Die Pandemie ist ein gutes Beispiel dafür. 18- bis 25-Jährige waren ganz anders betroffen als 26- bis 35-Jährige. 26- bis 35-Jährige hatten ihre Ausbildung meistens bereits hinter sich und waren schon in der Arbeitswelt, konnten schon in den Ausgang und ihren Hobbys nachgehen. 18- bis 25-Jährige, für die vieles neu war, wurden dagegen in dieser Entwicklung unterbrochen.


Lassen sich Generationen denn einfach so verallgemeinern?
Generationen sind natürlich Kategorien, die Vereinfachungen darstellen und die Realität nicht komplett wiedergeben. Es ist sicher so, dass es innerhalb einer Generation sehr grosse Unterschiede gibt. Aber das Zusammenfassen in diese Kategorien hilft, dass man Phänomene, die Generationen unterschiedlich betreffen, besser verstehen kann. Zum Beispiel die Pandemie und die Digitalisierung , die einen unterschiedlichen Einfluss auf verschiedene Generationen haben. Es hilft uns, vieles besser zu verstehen, ist aber nicht abschliessend.

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