«Ich kann mich nicht an die Zeit erinnern, in der mein leiblicher Vater und meine Mutter noch glücklich zusammen waren.» 

Ein Satz, als würde man in eine Zitrone beissen – und das gleich auf der ersten Seite. Darunter: Sprechblasen voller Schimpfwörter und Ausrufezeichen. «Porca miseria» links, «Bestia! Bruttarello! Puttaniere!» rechts. Ein Vogel und ein hundeartiges Wesen bekriegen sich, dazwischen kauert ein ovales Geschöpf. «Nicht streiten», ruft das Ei. «Wir streiten doch nicht», sagen die Tiere, seine Eltern.

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Nando von Arbs Geschichte beginnt da, wo die Beziehung seiner Eltern endet. Der Vater geht, die Mutter bleibt – als Vogel, der niemals fliegen wird. Der tagsüber arbeitet, abends Honigbrötli schmiert und die eigenen Tränen mit dem Staubsauger einsaugt. «Meiner Mutter ging es mega scheisse. Ich glaube, uns Kindern nicht», sagt das Ei. Aber keine Sorge, es geht bergauf. Mit Kiko, dem quirligen Vater der Halbschwester. Mit dem leiblichen Vater, der irgendwann zurückkehrt. Mit Zelo, dem neuen Freund der Mutter. 

Aus dem Ei ist inzwischen ein Künstler geschlüpft. Nando von Arb, 29, lebt in Zürich und arbeitet als Illustrator und Comicautor. In «Drei Väter» erzählt er von seiner Kindheit in einer Patchworkfamilie. In einfachen Sätzen, mit reduzierten Strichen und knalligen Farben. 

«Ich habe viel über meine Beziehung zu den Vätern erfahren und einen Weg gefunden, abstrahiert davon zu erzählen.»

Nando von Arb, Illustrator und Autor

«Auf die Idee kam ich kurz vor dem Einschlafen. Ich dachte an Szenen aus meiner Kindheit und realisierte, wie unterschiedlich die drei Männer reagierten.» Einige dieser Szenen haben es ins Buch geschafft.

«Das ist das genialste Werk, das ich je gesehen habe», sagt der Hund, als das Ei eine Leinwand bepinselt. «Der Farbauftrag ist ja grauenhaft», sagt Kiko. Das Ei rennt zur Mutter. «Mami, Kiko ist gemein.» – «Ja, das stimmt.» – «Ich glaube, er ist ein Alien.» – «Ja, das kann sein.» – «Und Papi versteht mich nicht.» – «Ja.» – «Und Zelo behandelt mich ungerecht.» – «Ja, das stimmt.»

«Zuerst sollte die Geschichte weniger persönlich werden, doch die Arbeit daran war wie eine Therapie», erzählt Nando von Arb an einem Wintertag im Zürcher Atelier. Im Hintergrund dudelt eine Indie-Band und wuseln andere Künstlerinnen. «Ich habe viel über meine Beziehung zu den Vätern erfahren und einen Weg gefunden, abstrahiert davon zu erzählen.»

So wurden Eltern zu Tieren, Erinnerungen zu Bildern. «Zuerst arbeitete ich mit Bleistift, dann kolorierte ich die Zeichnungen digital. Zu einigen Szenen passten Farben, andere hielt ich schwarz-weiss. Ganz nach Gefühl, ohne festes Farbkonzept. Die Rohfassung war in vier Monaten fertig.»

Kaum bekannte Kategorie

2020 gewann das Buch von Nando von Arb den Schweizer Kinder- und Jugendbuchpreis und wurde von den Feuilletons gefeiert. In den Buchhandlungen erhielt es einen Ehrenplatz – allerdings nicht bei den Romanen im vorderen Teil, sondern etwas versteckt. Der Grund: «Drei Väter» ist eine Graphic Novel. 

Eine was? Selbst Leseratten runzeln noch die Stirn. Obwohl die Gattungsbezeichnung schon Jahrzehnte existiert, ist sie hierzulande wenig bekannt. Deutsche Übersetzungen wie «illustrierter Roman» oder «Comicroman» konnten sich nicht etablieren. Zu finden sind Graphic Novels meist bei den Comics; denn die Formate sind nahe Verwandte. Beide kombinieren Wörter und Bilder, Dialoge und Erzählteile. 

Doch worin unterscheiden sie sich? Eine, die es wissen muss, ist Julia Marti, 37. Die Grafikerin ist Co-Leiterin der Edition Moderne, des einzigen Deutschschweizer Verlags für Comics und Graphic Novels. «Bei Comics denken viele an Bücher wie ‹Asterix›; mit Sprechblasen und Ausrufen wie ‹Ächz!›. Diese haben ein grösseres Albumformat, sind als Serien konzipiert und meist farbig gedruckt», erklärt sie. 

Das Label «Graphic Novel» wurde 1978 zum ersten Mal auf ein Werk von Will Eisner gedruckt. Der amerikanische Zeichner wollte seine Geschichte über jüdische Mieter in den 1930ern gezielt vom Image der Comics abgrenzen und Erwachsene ansprechen. Bald behandelten Graphic Novels ernste Themen, waren oft autobiografisch und selten seriell. Doch auch diese Definition ist schlecht gealtert.

Das Label ist heute umstritten. Es gibt keine trennscharfen Kriterien mehr, weshalb viele einen Marketingtrick vermuten. Zugespitzt: Graphic Novels degradieren den Comic und sprechen Menschen an, die sich zu fein dafür sind. «Es ist nicht sinnvoll, die Labels gegeneinander auszuspielen», findet Marti. «Hauptsache, kreative Geschichten erreichen möglichst viele. Für die einen ist die Graphic Novel vielleicht ein Steigbügel in eine neue Erzählwelt. Das kommt auch Comics zugute.» Der Verlag legt den Schwerpunkt auf politische und soziale Themen. 

Sprachbarriere überwunden

Anisa Alrefaei Roomieh (links) und Maeva Rubli

«Anisa las mir ihre Gedichte vor. Ich zeigte ihr meine Zeichnungen. Schnell war klar: Wir machen was zusammen.» – Anisa Alrefaei Roomieh (links) und Maeva Rubli. 

Quelle: Roger Hofstetter und PD [Buchauszug]

Im Herbst erschien in der Edition Moderne «Bei mir, bei dir» – ein feinfühliges, poetisches und politisches Buch. Anisa Alrefaei Roomieh, 32, erzählt darin vom Bürgerkrieg in Syrien und vom Zurücklassen ihrer Heimat, von der Flucht in die Schweiz und einer ständigen Identitätssuche. Die Syrerin lebt seit 2014 in Delémont, wo sie die Autorin und Illustratorin Maeva Rubli, 25, kennenlernte. Trotz der Sprachbarriere verstanden sie sich sofort – dank einer gemeinsamen Liebe zu Poesie und Kunst. «Anisa brachte mir ein bisschen Arabisch bei und las mir ihre Gedichte vor. Ich zeigte ihr meine Projekte und Zeichnungen. Schnell war klar: Wir machen was zusammen», erzählt Rubli im Videocall. 

In zahlreichen Gesprächen berichtete Anisa Alrefaei Roomieh vom Erlebten. Maeva Rubli webte die Erzählungen später in packende Worte und stimmungsvolle Bilder. So beginnt auch ihr gemeinsames Buch «Bei mir, bei dir» als langsames Herantasten: in der Stadt, beim Briefkasten, im Treppenhaus. Mit einer Frau an der Tür: «Hello, Darling, Salam alaikum. Wie gehts? Komm rein.» Und dann der Biss in die Zitrone: «Mitten im Krieg, der unsere Heimat Syrien verwüstet, sollte man keine Kinder kriegen.»

Über den Sätzen türmen sich dunkle Farben wie Gewitterwolken. Das Spital wurde zerstört, also kommt Anisas Tochter in einer Garage zur Welt. Roter Schmerz schwemmt über mehrere Seiten, die junge Mutter weint. Ihre Heimat will sie zuerst nicht verlassen, doch dann geht es nicht mehr anders. «Es war eine Frage von Leben und Tod. Ich wollte leben.»

Zwei Wochen ist die Familie mit Fluchthelfern unterwegs, bis sie in der Schweiz ankommt und ein Visum erhält. In Delémont kommt die zweite Tochter zur Welt. 

Gedichte auf Plakaten, für alle

Die Erinnerungen an das Erlebte sind schmerzhaft. Aber Alrefaei Roomieh will zeigen: Sie ist mehr als eine Nummer, sie hat eine Stimme. Irgendwann soll ihr Buch eine Erklärung für die Töchter sein. «Marya und Eva wissen nicht viel über Syrien. Wenn wir in einen Bus steigen, sagen sie manchmal: ‹Los, fahren wir nach Syrien!›», steht auf einer Seite. Daneben: eine nachdenkliche Frau mit grossen Ohrringen und rotem Kopftuch. Es sei gut so. «Hier werden sie mitreden können. Hier werden sie Rechte haben.» 

Im vergangenen Oktober haben die beiden Künstlerinnen einen Förderpreis des Kantons Jura gewonnen. Damit wollen sie Gedichte auf illustrierten Plakaten auf die Strasse bringen und daraus vielleicht ein zweites Buch entwickeln. Auch Nando von Arb arbeitet an einer zweiten Graphic Novel. Experimenteller soll sie werden. Düster, aber dennoch witzig. 

Es ist, wie Verlegerin Julia Marti sagt: Wer seinen Steigbügel gefunden hat, ist plötzlich mittendrin – zwischen Buchstaben und Bildern, zwischen Sätzen und Strichen. In dieser farbigen, wilden Welt, die weder Labels noch Definitionen braucht.

Buchtipps
Graphic Novel «Drei Väter»

«Drei Väter» von Nando von Arb

Erschienen 2019 bei Edition Moderne. Fr. 49.–.

Mehr Infos zum Buch

Graphic Novel «Bei mir, bei dir»

«Bei mir, bei dir» von Maeva Rubli und Anisa Alrefaei Roomieh

Erschienen 2021 bei Edition Moderne. Fr. 24.–.

Mehr Infos zum Buch

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