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Leonard sieht aus wie ein Schnulzensänger und ist auch einer. Das 23 Alben umfassende Werk des sanften Barden aus dem Urnerland dreht sich hauptsächlich um die Liebe, was ihn zu einer Art Experten macht. Doch wenn in Leonards Bauch, Herz und sogar Seele plötzlich Schmetterlinge zu spüren sind, so geht zuallererst in seinem Gehirn die Post ab.

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Das wissenschaftliche Sezieren der Liebe steht zwar in vielem noch am Anfang. Trotz modernen bildgebenden Analyseverfahren sind zahllose Abläufe im menschlichen Körper nach wie vor unklar. Doch einig ist sich die Forschung, um deren wichtigste Erkenntnisse es hier geht, darin: Begehren und Sich-Verlieben beginnt im Kopf – klinische Biochemie statt klebriger Romantik.

Flatternde Schmetterlinge und weiche Knie sind die Folgen eines chemischen Feuerwerks, das sich bei Verliebten im Gehirn entfacht. Nur schon der Blick auf ein Foto der oder des Angebeteten genügt, um Botenstoffe auszuschütten, die den Körper in Anspannung versetzen. In der ersten Phase des Verliebtseins besonders rasant unterwegs sind das Aufputschhormon Adrenalin sowie der Stoff Dopamin. Dieser sendet Signale ans neuronale Belohnungssystem, jenem Areal im menschlichen Hirn, das wohlige Zustände wie Verlangen, Befriedigung und Sehnsucht auslöst. Oder eben das Kribbeln im Bauch.

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Peter Maffay ist ein anderer dieser singenden Schwerenöter, der sich in seinen Schlagern mit Vorliebe der Liebe widmet, in Ausnahmefällen selbst den unromantischen Aspekten. Solchen, die den griechischen Philosophen Platon einst zu einer besonders träfen Einschätzung veranlassten: «Liebe ist eine schwere Geisteskrankheit.» Ausdrucksformen davon sind Sucht, Zwang, Abhängigkeit – nicht mehr loskommen von jemandem.

Strassenumfrage zum Thema «sich verlieben»

Schuld daran ist auch hier ein biochemischer Prozess. Im Zentrum steht der Botenstoff Serotonin, populärwissenschaftlich als Glückshormon bezeichnet, dessen Konzentration ausgerechnet bei glücklich Verliebten sinkt. Hatte Platon recht? Donatella Marazziti, Professorin für Psychiatrie an der Universität Pisa, wollte es genau wissen. Sie verglich den Serotoninspiegel verliebter und zwangsneurotischer Menschen; Leuten etwa, die sich 100-mal am Tag die Hände waschen. Die Forscherin stellte fest, dass der Hormonwert bei beiden Testgruppen 40 Prozent unter der Norm lag. Schlussfolgerung: Frischverliebte sind in einer Verfassung, die einer Zwangsneurose ähnelt.

Mindestens vier Stunden täglich würden ihre Gedanken ausschliesslich um das Objekt ihrer Begierde kreisen, gaben die verliebten Probanden an. Diese Form der Obsession sei krankhaft und lähme bei den Betroffenen das weiterführende Denken, befand Expertin Marazziti. Und kreierte dafür gleich eine Bezeichnung: «Mikroparanoia». Platon hatte recht!

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Manuellsen fühlt sich als cooler Rapper auch den Kehrseiten der Liebe verpflichtet. Er macht es in einem Vierzeiler klar: Eine Überdosis Betörung verstellt gelegentlich den Blick auf die Wirklichkeit – zumindest eine Zeit lang.

Wenn der Volksmund sagt, dass jemand blind vor Liebe sei und deshalb Negatives ausblende, hat das mit der unterschiedlichen Betriebsamkeit im Gehirn zu tun. Während bei Verliebten die Erregungszonen aktiv werden, schalten sich andere Areale des Grosshirns aus. So etwa der Bereich zwischen dem Temporal- und dem Parietallappen, der für kritische Urteile im emotionalen Bereich zuständig ist. Auch die Amygdala, wesentlich an der Entstehung von Angst beteiligt, läuft nur noch auf niedrigen Touren. So sind die Weichen im Kopf gänzlich auf unkritische Wonnegefühle eingestellt.

Das gleiche Phänomen trifft man übrigens bei Müttern an, die ihre Kleinkinder verklären, mögen diese objektiverweise noch so Nervensägen sein. Wie es um das Urteilsvermögen von Müttern steht, die gleichzeitig schwer verliebt sind, mag man sich gar nicht ausmalen.

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Punch Arogunz pflegt als Deutsch-Rapper einen eher robusten Stil. In einfachen Worten verweist er auf den Anfang allen Verliebtseins: Ehe man im hormonellen Überschwang blind werden kann, braucht es zuerst ein sehendes Auge.

Wer sich in jemanden verliebt, wählt diese Person in erster Linie aufgrund des Aussehens aus. Dahinter steht eine beträchtliche Brainpower: Rund 30 Prozent des Gehirns sind mit der Verarbeitung von Sehreizen beschäftigt. Da müssen die unter Verliebten so gern betonten inneren Werte natürlich erst einmal hintanstehen.

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Hansi Hinterseer, österreichischer Schlagersänger und Ex-Skirennfahrer, stimmt gern versöhnliche Töne an. Nach dem Sich-Verlieben kommt die Liebe – ist seine Botschaft.

Tatsächlich zieht nach der ersten stürmischen Phase wieder Ruhe in den Körper ein. Dann hat Oxytocin seinen Auftritt. Das sogenannte Vertrauens- oder Kuschelhormon spielt im Belohnungssystem eine Rolle, um die Bindung an den Partner herbeizuführen – die Liebe zum andern wird sozusagen im Gehirn verankert. Ähnliches wird dem Vasopressin zugeschrieben, Treuehormon genannt.

Natürlich: Im Realitätscheck lässt die Scheidungsstatistik Zweifel an Hansi Hinterseer und der Biochemie aufkommen. Aber was kümmert das, wenn man soeben das Flattern von Schmetterlingen im Bauch entdeckt hat?

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Autor: Daniel Benz
Bild: 123RF (Montage: Beobachter)
Illustration: Thilo Rothacker