Angst war zu Kriegsbeginn das stärkste Gefühl. Sie wich der Ungewissheit. Aber wenn man lange mit diesem Gefühl lebt, hört man auf, ihm Beachtung zu schenken, und erinnert sich nicht mehr an die Zeiten, in denen es anders war.

Die Ungewissheit wird zu einer Art Hintergrund des Alltags. Man hört auf, zu planen, zu träumen, sich eine Zukunft auszumalen. Man fühlt sich machtlos, während sich die Gedanken im Kreis drehen. Und ständig schaut man sich Videos von Analysten und Fachleuten zum Ukrainekrieg an.

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Das erinnert mich an die Hochphase der Covidpandemie, als man wie besessen Infektionsraten verfolgte und über Symptome diskutierte. Dazu kamen neue, nicht nur gesunde Rituale – etwa das fast krankhafte Desinfizieren der Hände. Jetzt verfolgen Ukrainerinnen und Ukrainer alle möglichen Vorhersagen über die weitere Entwicklung des Kriegs. Bis sie nicht mehr schlafen können – und nicht mehr normal mit anderen kommunizieren.

Vom Zauber eines alten Fotos

Zu einer unverhofften, provisorischen Rettungsweste wurde für viele ein zufälliger Gegenstand, den sie auf ihre Flucht mitgenommen hatten. Wahrscheinlich haben alle ukrainischen Geflüchteten etwas bei sich, was für das physische Überleben bedeutungslos, für die psychische Gesundheit aber absolut notwendig ist – ein Spielzeug, ein Kleidungsstück, das man als Kind getragen hat, ein Geschenk von einer nahestehenden Person.

Für mich ist es ein Polaroidfoto. Es stand in einem Rahmen auf dem Klavier in meinem Zimmer in Kiew. Auf diesem Bild sitze ich auf den Schultern meines Vaters, und meine Mutter steht neben ihm. Wir sind im Flur, ein ganz normales Familienfoto.

Ich habe es an dem Morgen eingepackt, als wir aus dem Haus liefen. Der Rahmen steht immer noch auf dem Klavier in Kiew, ohne das Bild. Ich schaue mir das Foto nur noch selten an, um seinen Zauber zu bewahren. Es ist mein Maskottchen geworden.

Vor kurzem hat mich jemand bei einem Treffen mit der ukrainischen Gemeinde in Winterthur gefragt, ob Geflüchtete in der Schweiz psychologische Hilfe bekommen können. Diese Frage beunruhigt offenbar viele. Schweizer Bekannte erzählen mir, dass die Wartelisten bei Psychologen so lang sind, dass man oft monatelang warten muss.

Vor nicht allzu vielen Jahren galt ein Termin bei einem Psychologen in der Ukraine als etwas Seltsames. Das hat sich zum Glück geändert, heute sind die Leute bereit, über ihre Probleme zu sprechen.

Traumatische Erfahrungen

Manche der Geflüchteten, die ich hier getroffen habe, haben das besetzte Cherson verlassen, sind durch das russische Filtrationslager gegangen und dann über mehrere Länder in die Schweiz gelangt.

Es gibt Menschen aus Charkiw, die täglich über den Beschuss ihres Quartiers lesen und in den sozialen Netzwerken Fotos ihrer zerstörten Häuser sehen.

Es gibt Leute aus Mariupol – eine Geisterstadt – und solche aus Czernowitz, 30 Kilometer von der Grenze zur Republik Moldau entfernt, das nicht ein einziges Mal schwer beschossen wurde und als einer der sichersten Orte der Ukraine gilt.

Alle diese Menschen haben unterschiedliche Erfahrungen gemacht – von der Überwindung eines traumatischen Erlebnisses bis zur Anpassung an ein fremdes Land.

Ich denke, dass auch die Gastfamilien an einer psychologischen Unterstützung interessiert wären. Ich meine: Nehmen Sie einmal Verwandte für ein paar Monate bei sich auf – ganz zu schweigen von einer Familie völlig Fremder, die nicht mal Ihre Sprache spricht.

Ich habe einer neu in Winterthur angekommenen Ukrainerin vorgeschlagen, mit ihr die Stadt zu besichtigen oder gemeinsam wandern zu gehen. Sie sagte, dass die Schönheit hier «nicht passt», dass sie so voller Gedanken und Sorgen um ihre Heimat, ihre Familie und ihre Zukunft ist, dass sie nichts Schönes um sich herum wahrnehmen kann. Sie konzentriert sich lieber auf Tätigkeiten, die sich nicht verändert haben – kochen, putzen, sich um die Kinder kümmern, einkaufen gehen. Ihr Leben besteht aus täglichen Routinen, die keine langfristige Planung erfordern.

Gemäss aktuellen Statistiken von ukrainischen Nichtregierungsorganisationen sagt die Hälfte der zurzeit im Ausland lebenden Ukrainer, sie könnten keine Zukunft für ihre Kinder in der Heimat planen, solange der Krieg weitergeht. Und ein Viertel, das sind etwa eine Million Menschen, hat noch nicht entschieden, ob sie überhaupt wieder zurückkehren wollen.

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Zur Person

Kateryna Potapenko

Kateryna Potapenko, 28, ist aus Kiew nach Winterthur zu Verwandten geflüchtet. Sie ist Literaturredaktorin beim Online-Magazin «Cedra» in Kiew und spricht Audiobücher auf Ukrainisch ein. Für den Beobachter erzählt sie in der Serie «Tagebuch einer Flucht» über ihr Leben als Geflüchtete in der Schweiz.

Quelle: private Aufnahme
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