Ein Ruderboot gleitet im Morgengrauen über den See. Während man selbst nach einer durchfeierten Nacht am Ufer steht und sich nicht sattsehen kann an dem Bild. Diese Harmonie. Diese Ruhe. Diese Perfektion. Wie ein Wasserläufer fliegt das Boot übers Wasser, das spiegelglatt und unbeeindruckt bleibt. Im Kopf hämmern noch die Beats nach und herrscht auch sonst maximale Verwirrtheit.

Und genau das macht dieses kleine Boot auf dem See so anziehend. Was gäbe man darum, wenn man selbst darin sässe. Und wie ein Zenmeister kraftvoll und sanft zugleich durchs Leben steuerte. So ähnlich erging es einem alten Freund, als er sich entschloss, mit dem Rudern anzufangen. Ich kann gut nachvollziehen, was in ihm vorgegangen ist. Auch wenn ich heute nicht mehr die Nächte durchtanze – wie ganz anders muss sich ein Tag im Büro anfühlen, wenn man zuvor eine Stunde auf dem See gerudert ist?

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Klare Worte der Trainerin

Nun, das lässt sich nur in Erfahrung bringen, wenn man es ausprobiert. Auf der Suche nach einer, die mich in das Geheimnis des Ruderns einweiht, fällt der Name Heike Dynio immer wieder. Sie wird als die Ruderlehrerin auf dem Zürichsee beschrieben. Man munkelt aber auch, sie habe schon ein halbes Achterboot zum Weinen gebracht, weil sie ihre Zöglinge so heftig zusammengestaucht habe. 

 

«Du machst einfach, was ich sage.»

Heike Dynio, Ruderlehrerin

 

Ein herrlicher Sommermorgen, sechs Uhr in der Früh. Wir heben unseren Doppelzweier beim Ruderclub Zürich ins Wasser. Die ersten Sonnenstrahlen zaubern eine dramatische Stimmung in den Himmel. «Und jetzt den Arsch anrollen lassen», sagt Heike Dynio, und mir wird sofort klar: Diese Frau weiss nicht nur, wovon sie spricht, sie nennt die Dinge auch beim Namen. 

Der See ist dunkel und leicht bewegt. Ich sitze im Boot, die Füsse angeschnallt. «Du machst einfach, was ich sage», weist mich Dynio an. Ganz einfach ist es zwar nicht, aber sie entpuppt sich tatsächlich als begnadete Lehrerin, sie beschreibt jeden meiner Handgriffe mit einer Präzision, als würde sie mich gerade über ein Hochseil schicken. Was Sinn ergibt, denn ein einziger falscher Fusstritt könnte ein Loch in den filigranen Boden des Bootes reissen. 

Die Ruderlehrerin korrigiert die Haltung der Anfängerin.

Vom Rhythmus hängt beim Rudern fast alles ab. Und Trainerin Heike Dynio (links) korrigiert selbst kleinste Details.

Quelle: Stephan Rappo

Dynio fing mit 13 an der Sportschule in Dresden mit dem Rudern an. Der Trainer in der DDR habe sie «geangelt», weil sie gross und ausdauernd gewesen sei, erzählt sie. Bereits mit 18 hörte sie mit dem Leistungssport auf, um selbst Trainerin zu werden – mit Erfolg. Nach der Wende brach sie ins Ausland auf und baute Anfang der neunziger Jahre in der Rudersektion des Grasshopper Club Zürich die Juniorenmannschaft auf. Danach wechselte sie zum Ruderclub Zürich, der damals nur noch aus rund 30 Mitgliedern bestand, wovon sich etwa noch die Hälfte aufs Wasser getraute. «Durchschnittsalter 70», scherzt Dynio.

Sie begann, Anfängerkurse für Erwachsene anzubieten, und holte den Club so ins Leben zurück. Auf einmal wurde das einst elitäre Rudern so etwas wie eine Trendsportart, die Wartelisten der Clubs wurden länger und länger. Sogar Frauen wurden ab 1990 (!) im Club zugelassen. Dabei lernen es die Frauen meist schneller. «Weil sie subtiler sind und weniger Kraft haben», sagt Dynio lachend. «Männer setzen sich ins Boot und wollen gleich losziehen wie die Wilden.»

Scharfes Auge fürs Detail

«Spürst du die Bewegung?», fragt sie, während ich mit geschlossenen Augen den Bewegungsablauf verinnerliche. Ist der Arsch, wie Dynio konsequent sagt, vorn und sind die Beine angewinkelt, streckt man die Arme weit nach vorn. Dann mit einer lockeren Handbewegung das Ruder kippen, eintauchen und mit den Beinen kräftig nach hinten stossen, so dass die Ruder durchs Wasser ziehen. Das Boot kommt spürbar in Fahrt. «Jetzt hast du es», lobt sie. Na, geht doch. 

Doch der Teufel sitzt im Detail. «Nicht grapschen!», ruft Dynio jedes Mal, wenn sich meine Hand um das Ruder schliessen will. Sie muss Seeadleraugen haben, keine Winzigkeit entgeht ihr. «Du musst dem Bewegungsablauf vertrauen», höre ich ihre Stimme hinter mir. «Du ziehst das Ruder zu Beginn mit gestreckten Armen und Händen. Die Kraft kommt allein aus den Beinen.»

Blick in ein Ruderboot am Ufer.

Moderne Technik, verpackt in einer filigranen Hülle: Blick in ein Ruderboot an Land.

Quelle: Stephan Rappo
Es fühlt sich ein bisschen an wie Fliegen

Rudern ist unerbittlich, bescheissen unmöglich: Der kleinste Fehler wirkt sich sofort auf das grosse Ganze aus. Einmal gegrapscht oder das Ruder nicht ganz gedreht, schon ist alles aus dem Lot. Ist das schmale Boot einmal ins Schlingern und Wanken geraten, droht es bald zu kentern. «In die Ruheposition!», unterbindet Dynio dann zackig meine unbeholfenen Rettungsversuche. Ich nutze die Auszeit, um die Schönheit des Sees in mich aufzunehmen. Ein Schwan und seine Jungen schwimmen ganz nah vorbei. Der Morgen ist noch unverbraucht.

Gelegentlich erahne ich, wie sich Dynio fühlen muss, wenn sie bei Mondschein über den See rudert. Das Boot schiesst erstaunlich schnell übers Wasser, fast mühelos. Ein bisschen fühlt sich das tatsächlich an wie Fliegen oder Schweben. Die Bewegung ist entschlossen, kräftig, aber nicht verkrampft. Das ist gesund: Rund 80 Prozent der Hauptmuskelgruppen werden beansprucht. Dabei ist der Sport schonend, ein Ganzkörpertraining ohne grössere Verletzungsgefahren oder Belastungen der Bänder.

 

Rudern im Fitnesstudio: «Was lassen sich diese Fitnessfreaks entgehen!»

Julia Hofer, Autorin dieses Artikels

 

Seit Kevin Spacey als Frank Underwood in der Serie «House of Cards» regelmässig nachts auf dem Rudertrainer schwitzte, haben in New York massenweise auf Rudern spezialisierte Fitnessstudios Krafttraining Warum man sich überwinden sollte eröffnet. Doch was lassen sich diese Fitnessfreaks entgehen! «Das Schöne an diesem Sport ist ja gerade, dass man in der Natur ist und all die Stimmungen und Lichtwechsel hautnah mitbekommt», sagt Dynio. «Wenn du frühmorgens in den Tag reinfährst oder abends in die Dämmerung, erlebst du mit allen Sinnen, wie ein neuer Tag anbricht oder einer zur Neige geht.»

Fliessend wie die Lichtwechsel muss auch die Bewegung sein. Ich darf nicht zu viel überlegen. Aber auch nicht zu wenig. Das Timing erfordert volle Konzentration. Doch kaum haken sich die Gedanken irgendwo fest, falle ich aus dem Rhythmus. «Rudern und Singen lässt sich nicht erzwingen», gibt Dynio eine Lebensweisheit zum Besten.

Das Ruderboot gleitet über die Limmat, im Hintergrund die Skyline von Zürich mit dem Fraumünster,

Ein neuer Tag ist angebrochen. Und der Büroalltag fühlt sich nachher ganz anders an.

Quelle: Stephan Rappo
Der Rhythmus entscheidet

«An manchen Tagen läuft es, an anderen nicht», hat mein alter Freund gemeint. Woran das liege, habe er nach 20 Jahren nicht herausgefunden. «Die innere Befindlichkeit spielt eine Rolle.» In den Vierer- und Achterbooten muss der Einsatz des Ruders auf den Sekundenbruchteil stimmen. Das geht nicht auf Kommando, sondern nur aus dem Rhythmus heraus. 

«An der Technik feilt man ein Leben lang», sagt sogar die legendäre Dynio. «Auch ich kann es nicht perfekt.» Unweigerlich kommen mir wieder die Zenmeister in den Sinn. Auch sie wollen keine Experten sein. Ganz im Gegenteil, sie üben sich darin, den «Geist eines Anfängers» zu bewahren. Denn nur wer im Geist offen bleibt, wissen sie, kann die Dinge immer frisch und neu sehen. 

PS: Der Tag im Büro hat sich tatsächlich anders angefühlt. Ob das am Rudern selbst lag oder am wohltuenden Gefühl, Anfängerin zu sein? Ich weiss es nicht.

Wer rudert, lebt gesünder

Die Diskussion um die gesündeste und die ungesündeste Sportart wird seit eh und je leidenschaftlich geführt. Lucas Tramèr ist Olympiasieger und Weltmeister im Rudern und steht kurz vor dem Abschluss seines Medizinstudiums. Er hat sich intensiv mit dem gesundheitlichen Nutzen des Sports befasst. «Das Unfallrisiko ist sehr gering, da es zu keinem Körperkontakt kommt», sagt er. «Man muss eigentlich nur darauf achten, dass man nicht in jemanden hineinrudert, weil man ja rückwärts unterwegs ist.» Das Verletzungsrisiko sei ebenfalls überschaubar.

Anders als etwa beim Joggen würden beim Rudern die Gelenke geschont. Ein weiteres gesundheitliches Plus: Beim Rudern wird die gesamte Muskulatur beansprucht und gestärkt. Es gibt kaum einen der über 600 Muskeln des menschlichen Körpers, der nicht in irgendeiner Weise an der Ruderbewegung beteiligt ist. «Deshalb ist Rudern ideal, wenn jemand Rückenprobleme hat.» Weil Rudern ein Ausdauersport ist, profitiert auch das Herz-Kreislauf-System. Ausserdem kann jeder mit Rudern anfangen – und den Sport bis ins hohe Alter betreiben.

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Julia Hofer, Redaktorin
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