Ein Mensch stirbt in der psychiatrischen Abteilung an einer zu spät behandelten Blutvergiftung. Zuvor hat er über Unwohlsein geklagt, doch sein Arzt hat ihn nicht verstanden. Der Fall liegt ein paar Jahre zurück, empört Margrit Kessler aber noch heute. Die Präsidentin der Stiftung SPO Patientenschutz spricht von «unhaltbaren Zuständen». Es würden immer mehr Ärzte in der Schweiz arbeiten, die sich in keiner der vier Landessprachen ausdrücken könnten.

Entsprechend häufen sich die Klagen auf dem Schreibtisch der ehemaligen GLP-Nationalrätin: Eine Nierenpatientin bekam im Spital von einem spanischen Arzt ohne Deutschkenntnisse ein Rezept mit neuen Medikamenten – ohne eine Begründung, die sie verstanden hätte. Andere erhielten nach einer Operation Austrittsberichte in Englisch. «Dabei ist Kommunikation doch das A und O im Gesundheitswesen», sagt Kessler. Wenn sie nicht funktioniere, werde es schnell einmal gefährlich. Deshalb brauche es unbedingt strengere Sprachregeln. «Es ist reines Glück, dass wir nicht öfter mit gravierenden Fällen zu tun haben.»

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Jeder dritte Arzt hat ein ausländisches Diplom

Den Spitälern fehlt es an Medizinern, Hausärzte in Randregionen finden nur schwer Nachfolger. Das verschärft das Problem. Viele freie Stellen müssen mit ausländischen Ärzten besetzt werden.

Jeder dritte in der Schweiz berufstätige Arzt hat heute ein ausländisches Diplom. Die Zahl hat sich in den letzten zehn Jahren fast verdoppelt. 11'900 Ärzte mit ausländischem Diplom registrierte die Ärzteverbindung FMH letztes Jahr. Zwar stammen die meisten von ihnen aus Deutschland, stark angestiegen ist aber auch die Anzahl Ärzte aus EU-Ländern, in denen weder Deutsch noch Französisch oder Italienisch gesprochen wird.

Zu wenige Ärzte selbst ausgebildet

2008 waren nur zwei Rumänen in der Schweiz als Hausärzte tätig, heute sind es 54. Sie bilden zusammen mit den Polen (38) und Ungarn (30) die grösste Gruppe ausländischer Hausärzte – hinter den Kollegen aus Deutschland (955), Frankreich (185), Italien (122) und Österreich (87). «Ohne diese Ärzte geht es nicht», sagt FMH-Präsident Jürg Schlup.

In den letzten zwanzig Jahren habe man hierzulande zu wenige Mediziner ausgebildet. Dass die Studienplätze in den vergangenen knapp zehn Jahren fast verdoppelt wurden, stimmt Schlup zuversichtlich: «In rund zwölf Jahren werden wir wieder genügend selbst ausgebildete Ärzte haben.»

Um bis dahin die Qualität zu sichern, kämpft die FMH für griffigere Kriterien bei der Zulassung ausländischer Ärzte. Dazu gehört die Forderung nach einer Sprachprüfung. Bei der Revision des Medizinalberufegesetzes 2015 ist man damit gescheitert. Die ab 2018 geltende Ausführungsverordnung verlangt zwar einen Eintrag aller nachgewiesenen Sprachkenntnisse im Medizinalberuferegister. Ob aber ein Arzt «die für die jeweilige Berufsausübung notwendigen Sprachkenntnisse» hat, wie es das Gesetz fordert, beurteilt der Arbeitgeber.

«Gewisse Informationen bekommt man eben nur, wenn man die Feinheiten der Sprache kennt.»

Jürg Schlup, Präsident der Ärzteverbindung FMH

Nur bei den selbständigen Ärzten tritt der Kanton auf den Plan. Mit der  Berufsausübungsbewilligung muss er dafür sorgen, dass «die notwendigen Kenntnisse einer Amtssprache» vorhanden sind. Das reicht laut Jürg Schlup nicht: «Wenn jeder Kanton und jeder Arbeitgeber eigene Regeln aufstellt, sind wir von einer griffigen Sprachprüfung weit entfernt.» Zudem herrschten unterschiedliche Meinungen darüber, ob zum Beispiel ein Pathologe ohne Patientenkontakt eine Landessprache beherrschen müsse oder nicht. Eine Mehrheit des Parlaments sagt dazu: Nein.

«Irrtum», sagt Schlup. Ein Pathologe müsse etwa bei Tumorerkrankungen Untersuchungsergebnisse telefonisch direkt in den Operationssaal berichten, da vertrage es keine Sprachbarrieren. Medizin sei Teamwork. Ein Arzt müsse Patienten über einen bevorstehenden Eingriff informieren, mit der Spitex verhandeln, das OP-Team instruieren. Eingeschränkte Sprachkenntnisse reichten dafür nicht aus. Gerade auch in der Hausarztpraxis, wo das Gespräch oft genauso wichtig ist wie die Behandlung selbst. Schlup: «Gewisse Informationen bekommt man eben nur, wenn man die Feinheiten der Sprache kennt.»

Fakt ist: Die Schweiz stellt heute noch die europaweit laschesten Anforderungen an die Sprachkompetenz der Ärzte. Wer in Bozen im Südtirol praktizieren will, muss Prüfungen in Italienisch und Deutsch bestehen. Wer in Deutschland als Arzt tätig sein will, muss einen ausgedehnten Sprachtest absolvieren, inklusive simuliertem Patientengespräch. Durchfallquote: bis 30 Prozent. Und in England wurde vor einiger Zeit das geforderte Sprachniveau auf Stufe C (ausgezeichnete Kenntnisse) erhöht. Grund: eine Häufung von Todesfällen nach Verständigungsproblemen zwischen Ärzten und Patienten.

Strengere Kriterien für Pflegehelfer als für Ärzte

In der Schweiz dagegen gelten selbst für Anwärter auf einen Ausbildungsplatz zum Pflegehelfer strengere Kriterien als für Ärzte. Wer den Kurs des Schweizerischen Roten Kreuzes im Kanton Zürich belegen will, muss zum Sprachtest antraben und dabei nachweisen können, dass er Deutsch auf Maturitätsniveau beherrscht.

Doch die Spitäler als Arbeitgeber stellen sich gegen eine Sprachprüfung für ausländische Bewerber. Der Verband H+ plädiert für eine pragmatische Lösung ohne Zertifikate. Das heisst: Die Spitäler befinden darüber, welche Angestellten in welcher Sprache kommunizieren können müssen.

Überprüft werden die geforderten Fähigkeiten in der Regel beim Vorstellungsgespräch. Beim Berner Inselspital heisst es: «Heute wird die Sprachkompetenz ausländischer Ärzte im Rahmen der Rekrutierung mündlich getestet.» Beim Unispital in Basel: «Beim Bewerbungsgespräch wird die Sprachkompetenz in Bezug auf die konkrete Funktion individuell überprüft.» Und das Unispital Zürich lässt via Kommunikationsabteilung verlauten: «Die Sprachkenntnisse werden im Bewerbungsgespräch geklärt.»

Telefongespräch als Sprachtest

Ähnlich tönt es bei den Kantonen, die die Sprachkenntnisse bei selbständigen Ärzten überprüfen. Auch hier verlässt man sich meist aufs Bauchgefühl. Wer zum Beispiel in Basel eine Bewilligung erteilt haben möchte, muss mindestens Niveau B2 (fliessende Verständigung) erfüllen. Bei der zuständigen Stelle beim Kanton heisst es dazu: «Da wir mit allen Antragstellern mindestens einmal telefonieren, können wir das direkt überprüfen.»

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Jasmine Helbling, Redaktorin
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