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Altersdepression

«Meine Frau sass nur noch im Sessel»

Bild:
  • Susanne Völlm
Ausgabe:
26/07

Jede vierte Person über 65 leidet an einer Depression. Oft werden die Symptome falsch gedeutet - die Folgen können gravierend sein: In keiner anderen Alterskategorie ist die Suizidrate derart hoch.

«Rosalie lachte nicht mehr, wenn die Enkelinnen zu Besuch kamen. Sie wirkte ernster, in sich gekehrt.» Schon im vergangenen Sommer war Hans Wymann aus Zürich aufgefallen, dass sich seine Frau verändert hatte. Damals schrieb er das ihren starken Rückenschmerzen zu. Doch nach einer mehrstündigen Rückenoperation mit anschliessendem Aufenthalt in einer Rehaklinik ging es psychisch weiter bergab. «Meine Frau kümmerte sich immer weniger um den Haushalt - zuletzt sass sie nur noch im Sessel. Sogar was im Fernsehen lief, interessierte sie nicht mehr.» Hans Wymann fühlte sich rat- und hilflos. Seine Tochter, eine Pflegefachfrau, vermutete dann, dass ihre 80-jährige Mutter an einer Depression litt.

Nicht einfach lebensmüde

Sie ist eine von vielen: Fachärzte gehen davon aus, dass etwa jede vierte Person über 65 Jahren an einer Depression leidet. Und weit mehr als die Hälfte der Altersdepressionen werden nicht angemessen untersucht und behandelt. Ein Grund dafür ist, dass die Depressionssymptome nicht als solche erkannt, sondern als Teil des normalen Alterungsprozesses betrachtet werden. Verliert ein 70-jähriger Mensch das Interesse an seinen Hobbys und zieht sich von den Familienangehörigen zurück, dann heisst es oft: «Er wird halt älter.» Das Umfeld kommt gar nicht auf die Idee, dass die betroffene Person depressiv sein könnte. Das ist ein grosses Problem: Unbehandelte Depressionen werden oft chronisch.

 

Es ist schwierig, eine Altersdepression von einer beginnenden Demenz abzugrenzen - die Symptome sind teilweise sehr ähnlich. Irene Bopp, leitende Ärztin der Memory-Klinik am Zürcher Waidspital, sagt: «Depressive klagen ebenfalls darüber, dass sie sich schlecht konzentrieren können und Dinge vergessen.» Um zur richtigen Diagnose zu gelangen, wird in der Memory-Klinik neben einer umfangreichen klinischen Untersuchung eine ausführliche neuropsychologische Abklärung durchgeführt - so werden zum Beispiel das Gedächtnis, die Aufmerksamkeit und die Konzentration, das logische Denken und das Sprachverständnis geprüft. Allerdings schliesst die eine Diagnose die andere nicht aus: In den Frühstadien von Demenzerkrankungen treten bei etwa der Hälfte der Betroffenen depressive Symptome wie Rückzug, Angst, Gereiztheit, Traurigkeit oder Interesselosigkeit auf.

Altersdepressionen werden häufig durch körperliche Erkrankungen ausgelöst. «Das können Stoffwechsel- oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen sein, aber auch ein Schlaganfall, Parkinson oder ein Mangel an Vitamin B12 oder Folsäure», führt Irene Bopp aus. Auch Beruhigungsmittel vom Typ der Benzodiazepine - dazu gehören etwa Valium oder Temesta - können die Antriebslosigkeit, die typischerweise während einer Depression auftritt, verstärken. Andere Auslöser können der Verlust des Partners oder der Selbständigkeit, Vereinsamung oder finanzielle Sorgen sein.

Egemen Savaskan, leitender Arzt der Klinik für Alterspsychiatrie an der Psychiatrischen Universitätsklinik in Zürich, erklärt, weshalb manche Menschen nach der ersehnten Pensionierung depressiv werden: «Plötzlich fehlt vieles: Die Herausforderung, die Bestätigung, die sozialen Kontakte. Der Pensionierte ist auf sich allein gestellt, muss sich selbst eine Tagesstruktur erschaffen.»

 

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Grosse Gefahr der Verwahrlosung

Während etwa gleich viele junge wie alte Menschen an schweren Depressionen leiden, treten leichte bis mittelschwere Depressionen bei über 65-Jährigen wesentlich häufiger auf. Allerdings gehen Depressionen bei älteren Menschen wesentlich öfter mit körperlichen Begleitsymptomen wie Schmerzen, Übelkeit, Appetit- und Gewichtsverlust einher. Klagt eine Seniorin darüber, dass sie keinen Appetit mehr hat und sich ständig zum Essen zwingen muss, klärt der Durchschnittsarzt zuerst alle möglichen körperlichen Ursachen ab, bevor er vielleicht irgendwann an eine Depression denkt. «Es wäre sinnvoll, wenn der Arzt eine Depression von Anfang an in Betracht ziehen würde», so Egemen Savaskan. Dies nicht zuletzt, weil die Folgen einer Depression gravierend sein können: In keiner Alterskategorie ist die Suizidrate so hoch wie bei den über 65-Jährigen. Ausserdem haben betagte depressive Menschen weniger Ressourcen. «Die Gefahr, dass sie nichts mehr essen und trinken oder verwahrlosen, ist wesentlich höher als bei jüngeren Menschen», so Savaskan.

Auch Rosalie Wymann konnte nicht mehr für sich selbst sorgen. Hans Wymann erinnert sich: «Ein normales Gespräch mit meiner Frau war nicht mehr möglich. Sie reagierte kaum noch auf das, was ich sagte. Sie hatte aber ständig das Gefühl, dass sie uns zur Last falle.» Als Rosalie schliesslich auf die akutgeriatrische Abteilung des Stadtspitals Waid kam, besuchte Hans Wymann sie jeden Tag drei bis vier Stunden lang. Der pensionierte Liegenschaftsverwalter sagt: «Das Unheimlichste an der Depression ist die Ungewissheit. Nicht zu wissen, ob es gut kommt.»

Egemen Savaskan verbreitet jedoch Zuversicht: «Depressionen im Alter sind mit modernen Medikamenten gut behandelbar. Ich möchte aber betonen, dass die Psychotherapie für den Behandlungserfolg genauso wichtig ist.» Grosse Bedeutung komme ausserdem der geistigen und der körperlichen Aktivierung zu - etwa in der Musik-, Ergo- oder Bewegungstherapie oder beim Gedächtnistraining.

Hans Wymann erzählt von kleinen Fortschritten. Zum Beispiel von dem Tag, als seine Frau für zwei Stunden nach Hause durfte und sich über die frisch gepflanzten Geranien freute. «Rosalie wird bald entlassen», sagt Hans Wymann. «Ich hoffe sehr, dass wir beide es schaffen werden - mit der Unterstützung von Spitex, Mahlzeitendienst und Physiotherapie.» Sein grösster Wunsch? «Dass Rosalie langsam in den Alltag zurückfindet und vielleicht mal den Tisch deckt oder die Blumen giesst. Ich erwarte ja gar keine Wunder.»

Diese Symptome sollten Sie alarmieren


  • Der Betroffene hat das Interesse an Tätigkeiten verloren, die ihm früher Freude bereiteten.

  • Er zieht sich von Freunden und Verwandten zurück und verlässt das Haus kaum noch.

  • Er wirkt niedergeschlagen und energielos. Es fällt ihm schwer, anstehende Aufgaben anzupacken und Entscheidungen zu treffen.

  • Alltagsverrichtungen wie Putzen und Einkaufen bereiten ihm Mühe, eventuell vernachlässigt er auch Körperhygiene und Ernährung.

  • Er fühlt sich wertlos und grübelt oft über den Tod nach.

  • Er klagt über Schmerzen, für die sich keine körperliche Ursache finden lässt, Übelkeit oder Appetitlosigkeit.


Weitere Infos


  • Klinik für Alterspsychiatrie in Zürich, breites Angebot an spezialisierten Therapien für Menschen ab 65 Jahren mit psychischen Erkrankungen: www.pukzh.ch
  • Stadtspital Waid in Zürich, Klinik für Akutgeriatrie/Memory-Klinik: www.akutgeriatrie.ch
  • Equilibrium, Verein zur Bewältigung von Depressionen: www.depressionen.ch
  • Pro Senectute: www.pro-senectute.ch

© Beobachter Ausgabe 26 vom 19. Dez 2007 - Alle Rechte vorbehalten

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