• Psychologieberatung

    Haben Sie psychische oder soziale Probleme?


    Koni Rohner
    Redaktion Beobachter
    Postfach 105
    8117 Fällanden

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Koni Rohner

«Warum langweile ich mich?»

Text:
  • Koni Rohner
Bild:
  • Stock-Kollektion colourbox.com
Ausgabe:
26/09

Hansjörg L.: «Ich muss nicht mehr arbeiten gehen, bin noch bei guter Gesundheit und lebe auch finanziell in besten Verhältnissen. Trotzdem fühle ich mich nicht gut. Ich habe keine Freude mehr an Wanderungen und Museumsbesuchen und gehe ins Shoppingcenter einkaufen, nur um Leute zu sehen. Was ist los mit mir?»

«Warum langweile ich mich?»

«Ich empfehle noch immer das alte Rezept: Engagieren Sie sich in Kursen oder Freizeitaktivitäten»: Koni Rohner, Psychotherapeut FSP

Die Diagnose liegt auf der Hand. Wären Menschen von Natur aus isoliert lebende Einzelwesen, hätten Sie alles, was Sie brauchen: Ihr Leben ist gesichert, und es gibt keinerlei Lasten, die Sie drücken. Aber Menschen sind eben soziale Wesen und brauchen andere Menschen, um sich wohlzufühlen. Der Mensch ist ein gesellschaftlich lebendes Wesen, ein «Zoon politikon», wie Platon schon vor 2400 Jahren festgestellt hat. Er hat uns mit den Bienen oder Ameisen verglichen, die ja auch «Staaten» bilden. Der Unterschied ist allerdings, dass bei diesen Tieren das soziale Verhalten instinktmässig vollständig programmiert ist. Bei uns hingegen ist es stark beeinflussbar.

Was Ihnen also fehlt, sind soziale Beziehungen. Als Sie noch berufstätig waren, kamen Sie automatisch in Kontakt mit Mitarbeitern, Vorgesetzten oder Geschäftspartnern. Das ist weggefallen, und offenbar leben Sie auch allein. Sicher würden Ihnen Wanderungen und Museumsbesuche mit Begleitung wieder mehr Spass machen.

Werden Sie wieder neugierig

Ich empfehle noch immer das alte Rezept: Engagieren Sie sich in Freizeitaktivitäten oder Kursen. Erstens ist bereits die Beziehung zu einem neuen Sachgebiet oder das Engagement für ein Projekt eine (Sach-)Beziehung, die Einsamkeitsgefühle verschwinden lässt und zweitens findet man dadurch am ehesten Leute mit ähnlichem Stil und ähnlichen Interessen, mit denen sich in der Regel ganz automatisch auch intensivere Kontakte ergeben. Werden Sie wieder neugierig – auf Themen und auf Menschen.

Wir leben in einer Gesellschaft, die den Individualismus betont. Die Selbstentfaltung, der persönliche Erfolg, das persönliche Glück stehen im Zentrum. Die Konkurrenzgesellschaft macht uns auch immer wieder zu Rivalen, die gewinnen wollen. Ein Sieger, der alle anderen hinter sich lässt, kann dann allerdings auch ganz schön einsam werden.

Menschen brauchen ein Gefühl der Zugehörigkeit, eine Heimat, auch wenn das etwas altmodisch klingt. Gerade jetzt, in der Zeit der Familienfeste, wird das wieder spürbar. Entwicklungspsychologen haben beobachtet, dass uns eine Bindungsmotivation angeboren ist. Der britische Kinderpsychiater John Bowlby etwa hat festgestellt, dass uns nicht das Ernährtwerden an die Eltern bindet, sondern der Körperkontakt. Babys brauchen Wärme, wollen getragen und gedrückt werden. Kinder kuscheln sich gerne an die Eltern und oft an Stofftiere. Auch später brauchen wir emotionale Wärme und Geborgenheit. Dieses Motiv ist wahrscheinlich wichtiger für die Paarbildung als die Sexualität.

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Unser Bindungsverhalten hat zwar einen angeborenen Kern, wird aber durch die frühen Erfahrungen beeinflusst und verändert. Wer das Glück hat, einfühlende und stabile Zuwendung von den Eltern zu erfahren, wird eine sichere Bindungsfähigkeit erwerben, die ihm Partnerschaft und eigene Familienbildung erleichtern. Sind die Verhältnisse ungünstiger, kann sich ein Nähe vermeidender Stil entwickeln. Um nicht verletzt zu werden, gehen solche Menschen eher distanziert durchs Leben, machen also aus der Not eine Tugend. Unstete Bindungen im frühen Kindesalter können aber auch dazu führen, dass man im späteren Leben selbst keine stabilen Beziehungen aufrechterhalten kann und immer wieder zerstören muss, was man eigentlich so dringend bräuchte.

Zwar wird unsere Beziehungsfähigkeit früh geprägt, aber sie muss es nicht für immer sein. In Beziehungen, in einer Psychotherapie, durch positive Erfahrungen in einer Gruppe, durch eigene Anstrengung sind alte Muster durchaus veränderbar. Es gibt Lebensphasen, die eine solche Neuorientierung in Sachen Sozialkontakte dringend erforderlich machen: nach dem Verlust eines Lebenspartners durch Tod oder Trennung, nach dem Auszug der flügge gewordenen Kinder oder nach einem Aufgeben der Berufstätigkeit wie bei Ihnen.

© Beobachter Ausgabe 26 vom 24. Dez 2009 - Alle Rechte vorbehalten

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