Warum fühlt man sich manchmal so einsam und allein?
  1. Home
  2. Gesundheit
  3. Psychologie
  4. Alleinsein: Was gegen die innere Einsamkeit hilft

Alleinsein

Was gegen die innere Einsamkeit hilft

Getty Images

Einsam unter vielen: Arbeit, Freunde, Familie, aber das schmerzliche Gefühl des Alleinseins reisst nicht ab.

von Christine Harzheim

Frage von Sven R.: «Ich arbeite, bin aktiv, habe regelmässige Kontakte zu Freunden und Verwandten. Trotzdem fühle ich mich oft schmerzlich allein und verloren.»

Anzeige

Antwort von Christine Harzheim, Psychologin FSP und systemische Familientherapeutin:

Kürzlich veröffentlichte der 90-jährige Derek Taylor aus Manchester sieben Tipps, wie er seine Einsamkeit erfolgreich bekämpft und sich aus seiner Isolation befreit hat. Sein Credo: «Suche zu so vielen Leuten Kontakt wie möglich.» Er empfiehlt, Vereine, Nachbarschaftszentren und örtliche Sozialdienste aufzusuchen. Oder sich um eine ehrenamtliche Tätigkeit zu bemühen.

Andere Ratgeber bieten Hinweise, wie man in Kontakt treten kann. Sie enthalten Anregungen und Anleitungen für alle, die zu scheu oder zu introvertiert sind, um munter «draufloszudaten».

Neben diesen beiden Formen von Einsamkeit – «Ich weiss nicht wo und nicht mit wem» und «Ich weiss nicht wie» – gibt es noch eine dritte, existenziellere Variante: «Ich weiss mit wem und wie, ich bin umgeben von Menschen und Möglichkeiten – und fühle mich trotzdem unverbunden und einsam.» Als Erstes sollte man sich klar werden, welche Variante zutrifft.

Wo die Herzenseinsamkeit herkommt

In Ihrer Frage klingt die dritte Variante an. Obwohl Sie sozial eingebettet sind und ausreichend Kontakte haben, scheint etwas Wesentliches aussen vor zu bleiben.

Wie kann eine solch tiefe und dauerhafte Verlorenheit entstehen? Das Therapeutenpaar Baer/Frick-Baer spricht von «Herzenseinsamkeit», also der Unfähigkeit, nahestehenden Menschen Gefühle, die einem «am Herzen liegen», ungeschützt zu zeigen.

Diese Hemmung kann biografische Ursachen haben. Ein kleines Kind entwickelt sich nicht unabhängig, sondern immer in Beziehung zu den Eltern. Was es über sich lernt, lernt es in der Spiegelung durch die nahen Erwachsenen. Ein zentrales Bedürfnis ist, gesehen zu werden und wirksam zu sein. Das passiert zum Beispiel, wenn das Baby lächelt und die Eltern zurücklächeln. Resonanz nennt man das in der Psychologie. Weitere Bedürfnisse sind das Vertrauen auf eine zuverlässige, berechenbare Welt sowie körperliche und emotionale Sicherheit. 

Wenn Eltern diese Bedürfnisse nicht abdecken können, entsteht beim Kind eine existenzielle Verunsicherung. Psychisch kranke Eltern beispielsweise können nicht ausreichend in der Lage sein, die Bedürfnisse des Kindes wahrzunehmen und sich darum zu kümmern. Das Kind lernt, mit dieser Unsicherheit zu (über-)leben, trägt aber oft lange an den Folgen. Ein suchtkranker Elternteil bietet dem Kind je nach eigenem Zustand ein Wechselbad der Gefühle von übergriffig nah bis reizbar ablehnend. Entsprechend instabil ist die Gefühlswelt dieser Kinder. Sie sind genötigt, sich immer wieder anzupassen, statt Sicherheit in Bezug auf die eigene Persönlichkeit entwickeln zu können.

«Wenn wir uns von der Einsamkeit verabschieden, verzichten wir auf ihren Schutz vor Verletzung.»

Christine Harzheim, Psychologin FSP und systemische Familientherapeutin

Grausames Experiment des Stauferkaisers

«Der Mensch wird am Du zum Ich» – mit diesen Worten beschrieb der Religionsphilosoph Martin Buber die Bedeutung naher Beziehungen. Wie überlebensnotwendig dies ist, zeigt ein grausames Experiment, das dem Stauferkaiser Friedrich II. zugeschrieben wird. Er wollte vor 800 Jahren wissen, was für eine Sprache Kinder erlernen, wenn niemand mit ihnen kommuniziert. Zu diesem Zweck liess er Waisenkinder von Ammen füttern und wickeln, verbot ihnen aber jeglichen sonstigen Kontakt. Sie durften die Kinder nicht liebkosen oder beachten. Resultat: Die Kinder lernten keine eigene Sprache, sie blieben in ihrer Entwicklung zurück und starben innerhalb kurzer Zeit.

Wenn wir nun als Erwachsene zwar Beziehungen eingehen, dabei aber existenzielle Gefühle aussen vor lassen, dann erleben wir das als Einsamkeit. Vielleicht haben wir nie erfahren, dass uns ein Gegenüber trägt, wenn Gefühle von Angst, Trauer, aber auch Freude uns überwältigen. Dass jemand einfach da ist, ohne Vorwurf und Bewertung, und diesen Moment teilt.

Ängstlich halten wir die Gefühle zurück, oder sie sind nicht mehr für uns zugänglich. Wir vermeiden Verletzlichkeit um den Preis von Spontaneität und Lebendigkeit.

Wenn wir uns von der Einsamkeit verabschieden, verzichten wir auf ihren Schutz vor Verletzung. Aber wir gewinnen dazu, wenn wir uns achtsam auf die Suche machen nach den Regungen und Gefühlen, die uns «am Herzen liegen». Ich fühle, also bin ich.

Buchtipps

  • Udo Baer, Gabriele Frick-Baer: «Wege finden aus der Einsamkeit»; Verlag Beltz, 2015, 144 Seiten, CHF 21.90

  • Antonio R. Damasio: «Ich fühle, also bin ich»; Verlag Ullstein, 2014, 464 Seiten, CHF 14.90
Veröffentlicht am 2017 M02 15