Die einen tun es, um möglichst viele Weibchen herumzukriegen. Andere bluffen und täuschen, um Feinde einzuschüchtern. Wieder andere legen komplizierte Fallen, um an Frischfleisch zu gelangen. Und dann sind da noch diejenigen Ganoven, die trickreich anderen ihre Jungen unterschieben.

Intrigen, Täuschung, Betrügereien – wer derlei Machenschaften allein dem Menschen anlastet, liegt falsch. Auch im Tierreich wird geprellt und getrickst, was das Zeug hält. Und zwar oft derart raffiniert, dass ohne kriminalistische Kenntnisse den Gaunereien kaum auf die Schliche zu kommen ist – wie bereits der erste Fall beweist.

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Schuft im Sperberlook

Es geschieht am helllichten Tag. Meist frühmorgens, im Wald oder im Ried. Der Täter sitzt gut getarnt auf einem Ast und beobachtet geduldig, wie andere Vögel dem Brutgeschäft nachgehen. Hat er ein Nest entdeckt, in dem Eier liegen, schlägt er zu. Das Kuckucksmännchen fliegt an, ärgert die Vogeleltern, lockt sie vom Nest weg. Meist hat er leichtes Spiel, dank einer List: Er gleicht dem Sperber – und ein derart gefährlicher Feind wird sofort vertrieben. So macht er die Bahn frei für sein Weibchen. Schnell fliegt es zum fremden Nest, frisst ein Ei, legt das eigene hinein und verschwindet so schnell, wie es gekommen ist.

Nun liegt es da, das falsche Ei. Vielleicht im Nest von Teichrohrsängern, vielleicht bei Baumpiepern oder anderen Vögeln: Bei 110 Arten wurden Kuckuckseier gefunden. Alles hängt jetzt davon ab, ob die potentiellen Ammenvögel den Betrug bemerken oder nicht. Deshalb greift der Kuckuck zu einem weiteren Trick: Er passt seine Eier in Farbe und Sprenkelung so gut wie möglich den Eiern der Wirtseltern an.

Einige Wirtsarten lassen sich nur täuschen, wenn die Eier des Kuckucks genau gleich aussehen wie die eigenen. Sonst werfen sie das falsche Ei aus dem Nest oder geben das Gelege sogar ganz auf. Andere Vogelarten hingegen dulden in ihrem Nest alles, was auch nur halbwegs einem Ei ähnelt. Sie werden vermutlich erst seit kurzem vom Kuckuck heimgesucht und haben gegen den ungebetenen Gast noch keine Abwehrmassnahmen entwickelt.

Akzeptieren die Wirtsvögel das falsche Ei, ist die Sache gelaufen. Der junge Kuckuck wird von sämtlichen Arten gefüttert, auch wenn das Riesenküken zwei Tage zu früh schlüpft und als Erstes alle anderen Eier aus dem Nest wirft. Pausenlos schaffen die Ammenvögel Futter herbei, um dem nimmersatten Einzelkind das Maul zu stopfen. Die zunehmende Übergrösse des Sprösslings fällt ihnen offenbar nicht auf. So kommt es zur absurden Situation, dass zwei winzige Zaunkönige eifrig ein Riesenbaby nähren, das zehnmal schwerer ist als sie selber. Um den Zögling überhaupt noch füttern zu können, müssen sie sich schliesslich gar auf seinem Kopf niederlassen.

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Ist der «Fall Kuckuck» damit abgeschlossen? Nicht ganz. Natürlich wird der junge Schmarotzer nur satt, wenn er so viel Futter kriegt, wie es unter bis zu sechs normalen Jungen aufgeteilt wird. Wie erreicht er das? Durch eine weitere Gaunerei. «Sein Bettelruf tönt ähnlich wie das gleichzeitige Gezirpe mehrerer Jungen», erklärt der Zürcher Ornithologe Martin Weggler. «Dieses akustische Signal motiviert die Zieheltern zu Höchstleistungen.» Wenn das keine unverschämte Masche ist. Doch Moral ist bekanntlich eine menschliche Erfindung.

Kaltblütige Unterwasserjäger

Nicht nur im Wald und im Ried, auch unter Wasser wird raffiniert getrickst. Die Anglerfische sind das beste Beispiel dafür. Als schlechte Schwimmer können sie bei der Jagd nicht mit Geschwindigkeit auftrumpfen. Deshalb sind sie darauf angewiesen, dass ihnen die Beute sozusagen vor das Maul schwimmt. Damit das funktioniert, braucht es gute Tarnung – und einen Trick.

Am liebsten sitzen die Anglerfische auf einem Schwamm, dem sie farblich angepasst sind. Als Köder besitzen sie eine Art Rute, die aus der Rückenflosse wächst. Am Ende der langen Rute, die meist nach vorne gerichtet ist, hängt ein wurmähnliches Etwas. Den vermeintlichen Leckerbissen schwenken die Anglerfische hin und her. Fällt ein anderer Fisch auf den Betrug herein und nähert sich dem «Wurm», beissen die Anglerfische blitzschnell zu. Einige Anglerfische leben in der totalen Dunkelheit der Tiefsee. Sie haben ihren Köder in eine leuchtende Laterne umgewandelt, deren Licht aus grösserer Entfernung zu erkennen ist und die Beute anlockt.

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Auf Bluff und raffinierte Täuschung setzen auch die Säbelzahn-Schleimfische. Sie ahmen Putzerfische nach, die anderen Fischen Parasiten aus der Haut entfernen und fressen. Schleimfische sehen den Putzerfischen ähnlich und benehmen sich auch gleich. Allerdings nur so lange, bis ein Fisch ihnen das Vertrauen schenkt und sie für längere Zeit an die Schuppen lässt. Dann machen sich die Giftzwerge nicht etwa über die Parasiten her, sondern über den Fisch selber. Sie beissen gnadenlos zu – nicht nur einmal, sondern oft auch mehrmals.

«Tiere sind mir oft lieber als Menschen, weil sie menschlicher sind», schrieb die Schweizer Lyrikerin Margot S. Baumann. Zum Säbelzahn-Schleimfisch passt dieses Zitat nicht so recht – und auch nicht zum nächsten Täter.

Diesmal ist es der einheimische Schmetterling mit dem schönen Namen Kreuzenzian-Ameisenbläuling. Seine Raupen geben sich nicht mit grünen Blättchen zufrieden. Lieber lassen sie sich von Ameisen in deren Haufen tragen und dort monatelang durchfüttern. Normalerweise würden artfremde Tiere im Ameisenbau sofort angegriffen. Doch die Raupen haben einen Trick entwickelt, damit das nicht geschieht: Sie sondern Duft- und Signalstoffe ab, die denjenigen der Ameisenlarven ähneln. Und damit sie richtig üppig gefüttert werden, ahmen sie auch noch die Geräusche der Ameisenkönigin nach. Das garantiert den Raupen königliche Vorzugsbehandlung statt eines Standardservice.

Dass der Mensch nicht einmal beim Lügen die Krone der Schöpfung ist, zeigt eine weitere Spezies mit zweifelhaftem Charakter: das Raubglühwürmchen. Nach Glühwürmchenart macht es in der Paarungszeit mit Blinkzeichen auch sich aufmerksam. Normalerweise dienen diese Lichtsignale dazu, dass sich Männchen und Weibchen einer Art finden. Denn die Blinkcodes sind artspezifisch exakt aufeinander abgestimmt. Doch schamlos nützt das Raubglühwürmchen die Liebeszeichen der anderen aus. Es ahmt den Leuchtcode anderer Glühwürmchenarten nach, lockt so Männchen an – und packt sie mit seinen kräftigen Kiefern, um sie später zu verspeisen.

Damit kann der Fall allerdings noch nicht ad acta gelegt werden. Der amerikanische Forscher James Lloyd, der den räuberischen Leuchtkäfern auf die Schliche gekommen ist, hat nämlich herausgefunden, dass auch die Männchen der getäuschten Arten keine reine Weste haben. Erstens wissen sie um den Bluff der Räuber und nähern sich den blinkenden Weibchen nur äusserst vorsichtig. Zweitens nutzen sie die falschen Blinkzeichen zu ihrem eigenen Vorteil aus: Indem sie selber das gefälschte Signal der Raubglühwürmchen nachahmen, halten sie ängstliche Konkurrenten fern.

Mit Netz und doppeltem Boden

Die absoluten Meister im Fallenstellen und Tricksen aber sind die Spinnen. Um an Beute zu kommen, die oft grösser und schneller ist als sie selbst, haben sie eine wirkungsvolle Tatwaffe entwickelt: die Spinnseide. Damit lässt sich einiges anstellen – viel mehr, als man vermuten würde. «Das bekannte Radnetz ist nur eine Spielart von Dutzenden von Netz- und Fallenarten, die die Achtbeiner entwickelt haben», sagt der Spinnenexperte Ambros Hänggi vom Naturhistorischen Museum Basel.

Besonders ausgefeilt ist die Konstruktion der Zeltdachspinne. Diese lauert unter einem hängenden Gespinst, das stark an ein Zirkuszelt erinnert und mehrere Ausgänge hat. Von diesem «Zelt» führen nach allen Seiten Fäden weg, die wie Telefondrähte auf kleinen, selbstgebauten Ständern liegen. Die Fäden dienen zum einen als Stolper- und zum anderen als Signalfäden. Krabbelt ein Laufinsekt darüber, erzeugt dies ein Signal an die Spinne; sofort kommt sie aus dem Versteck und packt die Beute.

Raffiniert ist auch die Falle der fünf Millimeter kleinen Dreieckspinne. Sie baut ein stehendes, dreieckiges Netz, das an einem langen Faden hängt. Fliegt oder bewegt sich ein Beutetier hinein, verlängert die Spinne blitzschnell den Aufhängefaden. So fällt das Netz zusammen, das Beutetier ist wie in einem Fischernetz gefangen. Später frisst die Dreieckspinne das ganze Netz auf – die perfekte Spurenbeseitigung, wie sie alle Spinnen betreiben.

Mit einem ähnlichen Fallenprinzip, aber noch origineller, geht die Käscherspinne ans Werk. Der Schweizer Künstler Max Frei beschreibt das Tier in seinem Buch «Begegnungen mit der Spinne» als einen «knorrigen Gesellen mit grossen Glotzaugen». In Lauerstellung hängt die Spinne kopfüber an einem ganz kurzen Faden. Ihr rechteckiges Netz hat sie nicht zwischen Ästen, sondern zwischen ihren langen Beinen angelegt. Fliegt ein Insekt nah genug vorbei, spreizt die Spinne das Netz blitzschnell auf und wirft es über die Beute. «Nicht viel anders kämpften die Gladiatoren im alten Rom, wenn sie ihre Gegner durch Netzwurf bewegungsunfähig machten», sagt Frei.

Mit Sekundenleim statt mit Seide jagt die nachtaktive Speispinne. Sie ist ebenfalls nur fünf Millimeter klein und lebt gerne in Häusern, oft hinter Bilderrahmen. Statt Gift- hat sie Leimdrüsen entwickelt. Ihr Opfer beschiesst die Spinne mit schnellen Zickzackbewegungen: Innert Bruchteilen einer Sekunde ist die Beute festgeleimt und kann nun mit Seide eingepackt werden. «Solche Jagdtechniken sind einfach Faszination pur», schwärmt Ambros Hänggi, der Spinnenfreund.

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Unverfrorene Anmache

Über die letzten beiden Fälle, die hier aktenkundig werden sollen, darf man ruhig ein wenig schmunzeln. Tatort ist noch einmal das Meer. Die Delinquenten: zwei Tintenfischarten, die mit allen Wassern gewaschen sind. Da sind zum einen die besonders schwachbrüstigen Männchen der Riesensepia. Sie werden vom andern Geschlecht mehr oder weniger verschmäht. Zudem bewachen die kräftigeren Typen ihre Herzensdamen. Was tun, um doch noch ranzukommen und zu punkten?

Ganz einfach: Die Verlierermännchen verkleiden sich als unverdächtige Weibchen. Dazu ändern sie ihre Körperfärbung, ahmen die Körperhaltung der Weibchen bei der Eiablage nach und ziehen ihre auffälligen Paarungsarme ein. Bei immerhin der Hälfte der Annäherungsversuche funktioniert diese Travestieshow. Von den darauf folgenden Begattungsversuchen haben in der Regel drei von fünf Erfolg. Der einzige Haken an der Show: Die Tintenfisch-Transvestiten werden oftmals selber Opfer sexueller Avancen.

Flüchtiger Verkleidungskünstler

Beobachten Sie, wie der Mimic Octopus die Farbe wechselt, eine Flunder nachahmt, einen giftigen Rotfeuerfisch imitiert und sich anschliessend als Seeschlange ausgibt. Englischsprachiger Film.

Der absolute Meister der Täuschung aber ist der erst im Jahr 2001 wissenschaftlich dokumentierte Tintenfisch Thaumoctopus mimicus. Da das Tier noch keinen deutschen Namen besitzt, behilft man sich mit dem englischen Namen Mimic Octopus. Unterdessen ist die Art, die in sandigen Küstengebieten Malaysias und Indonesiens lebt, ziemlich berühmt geworden. Der Grund: Kein anderes Tier kann in so viele verschiedene Rollen schlüpfen. Selbstverständlich mimt der Verwandlungskünstler in der Regel ein gefährliches oder ungeniessbares Tier, um Feinde zu vergraulen.

Meist sitzt der Octopus in einem Sandloch und bemüht sich, einer hübschen roten Muschel zu gleichen. Sichtbar sind nur der Kopf und die markanten Augenhöcker. Nähert sich ein Feind, zieht er ab, macht sich in Sekundenschnelle flach, färbt sich hellbraun, legt die Arme an und schwimmt als Flunder getarnt von dannen. Ebenso virtuos ahmt er täuschend echt gefährliche Seeschlangen nach. Den giftigen Feuerfisch und die ungeniessbare Qualle hat er genauso im Repertoire wie Seestern, Schnecke und Heuschreckenkrebs. Und nützt alle List nichts, nebelt der Mimic Octopus sein Gegenüber einfach ein – mit einem kräftigen schwarzen Tintenstrahl. Wahrlich, das Tier kennt sich in Täuschung aus.

Was bleibt, ist vielleicht die Erkenntnis, dass auch Philosophen irren. «Es gibt nur ein lügenhaftes Wesen auf der Welt: Es ist der Mensch. Jedes andere ist wahr und aufrichtig», schrieb Arthur Schopenhauer. Er kannte wohl die Raubglühwürmchen, Riesentintenfische und Schleimfische nicht.

Beim Steinmarder wurde schon mehrmals ein Verhalten beobachtet, das nach Meinung vieler Betrachter wohl kaum an Hinterlist zu überbieten ist. Das Raubtier vollführt die albernsten Kapriolen, fällt um, stellt sich ohnmächtig oder macht Kopfsprünge rückwärts – kurz: Er «tanzt». Und wofür die ganze Kunst? Um Kaninchen zu fangen, glaubte man lange. Die sonst so scheuen Langohren seien ob der Tanzeinlage dermassen fasziniert, schrieb auch schon die NZZ, dass sie hingerissen stehen blieben. Und nicht bemerkten, wie der Marder immer näher komme und irgendwann nur noch zupacken müsse ...

Doch so faszinierend das klingt – der eigentliche Grund für den Tanz ist nicht ein kreativer Trick, um Hasen zu fangen, sondern ein parasitischer Wurm, der sich im Schädel des armen Tiers vermehrt und starke Schmerzen verursacht. Der Marder ist darum vom Verdacht der Arglist reingewaschen.

Literatur

Tierbücher sind im Handel so zahlreich wie die Tricks im Tierreich. Ganz neu zum Beispiel ist im Berner Haupt-Verlag erschienen: Stephen Dalton: «Spinnen. Die erfolgreichen Jäger»; 208 Seiten, Fr. 49.90