In Las Vegas heiratete ein Amerikaner vor zwei Jahren sein Smartphone. Er stand im schwarzen Smoking da, die Angetraute glänzte in einer weissen Hülle. Unzählige Male habe sie ihn in den Schlaf gewiegt, getröstet und zum Lachen gebracht – in guten wie in schlechten Zeiten. Legal war die Hochzeit nicht, für Aaron Chervenak aber ein symbolischer Liebesbeweis.

Verrückt, denken Sie bestimmt, schütteln den Kopf, rollen die Augen. Aber:

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  • Wie oft hatten Sie das Handy in der letzten Stunde in der Hand?
  • Wie lange dauert es, bis Sie Nachrichten beantworten?
  • Wie fühlen Sie sich, wenn Sie das Smartphone Smartphone 11 Profi-Tricks für Handy-Bilder zu Hause vergessen?
  • Wie lange sind Sie morgens wach, bevor Sie Ihr Telefon einschalten?
  • Wann war der letzte Tag, den Sie komplett ohne Handy verbracht haben?


Forscher des «Mental-Balance-Projekts» der Universität Bonn haben herausgefunden, dass wir den Bildschirm unseres Smartphones durchschnittlich 88 Mal am Tag einschalten. 53 Mal entsperren wir das Handy, 35 Mal sehen wir nur auf die Uhr. Somit halten wir es keine Stunde ohne Smartphone aus. Jugendliche schätzen ihre Onlinezeit auf zweieinhalb bis drei Stunden am Tag, wie die Schweizer James Studie zur Mediennutzung zeigt.

Brauchen wir eine digitale Entgiftung?

Schätzungen sind mittlerweile gar nicht mehr nötig. Apple hat mit dem Update auf iOS12 eine Funktion entwickelt, welche die Bildschirmzeit auf die Minute genau misst. Android testet gerade eine eigene Funktion und auch Apps wie Instagram zeigen auf, wie lange wir sie benutzen. Schwarz auf weiss überraschen die hohen Zahlen. Wir fühlen uns ertappt.

Alarmistische Schlagzeilen lassen nicht lange auf sich warten: Gefährliche Strahlung, Handysucht Handysucht «Ich habe die Leere nicht ausgehalten» , Vereinsamung – wir alle sind scheinbar zu asozialen Handyzombies geworden. Aber mal langsam. Dass wir mehr Zeit am Handy verbringen als noch vor drei oder fünf Jahren, ist kein Wunder: Das Smartphone ist in den letzten Jahren immer effizienter geworden und ersetzt viele andere Geräte. Wir brauchen keine MP3-Player mehr, müssen Zugbillette nicht mehr am Schalter kaufen, brauchen nicht einmal mehr einen Fernseher, um unsere Lieblingsserien zu sehen. Ein Handy macht das Leben auf viele verschiedene Arten einfacher.

Dem scheinbaren Bedürfnis nach weniger Offline-Zeit kommt allerdings der «Digital Detox»-Trend entgegen. Der Begriff steht für digitale Entgiftung: Weniger Zeit mit elektronischen Geräten verbringen, mehr Zeit für sich selbst und Freunde haben. Auch die Schweizer Tourismusbranche spürt ein wachsendes Interesse an Ferien ohne WLAN und Internetempfang. Verschiedene Anbieter werben sogar schon mit «Digital Detox»-Seminaren oder -Ferien. Diese sind allerdings meist an Besserverdiener gerichtet: Wer mal ein Wochenende ohne Handy verbringen will, zahlt erstaunlich viel dafür.

So weit muss man aber gar nicht gehen. Wer die Handyzeit im Alltag etwas reduzieren möchte, dem helfen vielleicht die folgenden Tipps.

So verbringen Sie weniger Zeit am Handy

1. Ziele setzen

Um wie viele Minuten möchten Sie Ihre Handyzeit reduzieren? Eine halbe Stunde, vielleicht sogar eine ganze? Fordern Sie sich selbst heraus und setzen Sie Ziele für den Tag:

  • Morgens erst nach dem Frühstück aufs Handy schauen
  • Nur zu jeder vollen Stunde auf den Bildschirm linsen
  • Das Smartphone nicht mehr mit auf die Toilette nehmen
  • Eine Mittagspause ganz ohne Smartphone
  • Das Smartphone während der Arbeit nicht benutzen

Nach einer gemeisterten Herausforderung folgt die nächste.

 

2. Zeitfresser ausfindig machen

Wer über den Tag verteilt immer mal wieder sein Smartphone zur Hand nimmt, ist am Abend vielleicht überrascht, wie viele Minuten sich angesammelt haben. Verschaffen Sie sich einen Überblick, welche Applikationen besonders viel Zeit fressen. Wer seine Minuten nicht von Hand aufschreiben möchte, holt sich Unterstützung von den folgenden Apps (und nein, das ist nicht ironisch. Wer abnehmen will, hört auch nicht auf zu essen):

Auf dem iPhone (Einstellungen --> Bildschirmzeit) kann man einzelne Apps entweder während einer gewissen Zeit blockieren oder eine Gesamtzeitspanne für den Tag festlegen. Ist diese aufgebraucht, erscheint ein Warnhinweis, den man aber auch ignorieren kann. Google arbeitet noch an einer Beta-Version für Android-Handys.

Ähnliche Funktionen bieten viele weitere Apps, darunter «Quality Time» (Android), «Moment» (iOS), «Offtime» (iOS / Android) und «App-Detox» (Android). Bei der App «Forest» (iOS Android) sollen durch Gamification mehr Smartphone-Pausen erreicht werden: Wenn Nutzer eine halbe Stunde am Stück offline sind, wächst ein Baum im virtuellen Wald. Wer sich nicht an das Limit hält, tötet die Pflanze. Bei «Digital Detox Challenge» (Android) kann man sich selbst und andere herausfordern: Wer schafft es am längsten, offline zu bleiben?

 

3. Tipps für mehr Offline-Zeit

  • Offline-Bereiche schaffen
    Definieren Sie Bereiche, in denen das Smartphone nicht benutzt werden darf. Zum Beispiel das Schlafzimmer – das blaue LED-Licht des Bildschirms lässt Sie ohnehin schlechter einschlafen . Legen Sie sich am besten auch wieder einen richtigen Wecker zu und schlafen Sie zehn Minuten länger, anstatt gleich nach dem Aufwachen ins Smartphone zu starren.
    Auch am Esstisch brauchen Sie ihr Smartphone nicht.
     
  • Push-Nachrichten deaktivieren
    Verpassen Sie wirklich so viel Wichtiges, wenn Sie auf Push-Nachrichten verzichten? Falls nicht, deaktivieren Sie diese besser und durchstöbern ein oder zweimal am Tag die Medien.
     
  • Nachrichten können warten
    Gewöhnen Sie sich ab, Whatsapp Datenschutz Die Mühen von WhatsApp & Co. mit der DSGVO -Nachrichten oder private E-Mails immer sofort zu beantworten. In den seltensten Fällen handelt es sich um dringende Angelegenheiten. Warten Sie besser, bis sich ein paar Meldungen sammeln und beantworten Sie dann alle zusammen, zum Beispiel drei Mal am Tag.
     
  • Smartphone aus dem Blickfeld
    Legen Sie das Smartphone während der Arbeit in eine Schublade oder zumindest aus Ihrem Sichtfeld. Wenn der Bildschirm alle paar Minuten aufleuchtet, schauen Sie automatisch öfter aufs Handy. Wer noch einen Schritt weiter gehen möchte, schaltet das Telefon aus. So kommen Sie gar nicht erst in Versuchung, einen kurzen Blick darauf zu werfen.
     
  • Dienste auslagern
    Viele Smartphone-Funktionen sind zwar praktisch, können aber auch wieder ausgelagert werden: Ziehen Sie wieder einmal Ihre Uhr an, anstatt alle paar Minuten aufs Handy zu sehen. Lesen Sie beim Pendeln ein Buch und kaufen Sie die Zugtickets mal wieder am Schalter. Auch muss nicht jede Jogging-Runde getrackt werden!
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Jasmine Helbling, Redaktorin
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