«Schrecklich, Frau Bundesrätin, die Ohnmacht der eigenen Eltern zu ertragen, die vom Gesetz daran gehindert wurden, ihre Kinder zu umsorgen. Das ist mein Trauma.» Im September 2018 schrieb Paola De Martin einen offenen Brief an Simonetta Sommaruga. Davor war sie lange still. Die Eltern schwiegen, also schwieg auch sie.

Dabei hätte es viel zu besprechen gegeben. Mit 19 stolperte die gebürtige Italienerin über eine Lücke in ihrem Lebenslauf. Bei der Einbürgerung musste sie belegen, wie lange sie schon in der Schweiz lebte. Also wiederholte sie eine Geschichte, an der sie nie gezweifelt hatte: Kurz nach der Geburt habe sie für ein knappes Jahr bei Verwandten in Italien gewohnt, weil die Eltern als Saisonniers in der Schweiz waren. Im Sommer 1967 sei sie nachgerückt, nachdem der Vater den Jahresaufenthalter-Status erlangt hatte.

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Nur: Beim Einwohneramt wurde Paola De Martin erst 15 Monate später registriert. Es dauerte Jahrzehnte, bis ihre Mutter offenbarte: «Wir haben unsere Kinder heimlich über die Grenze geschmuggelt, wie Diebe. Wir haben sie versteckt.»

Kein Einzelschicksal

Von den Fünfziger- bis in die Achtzigerjahre holte die Schweiz Hunderttausende Arbeitskräfte aus dem armen Süden – für die Baustelle, den Service, die Fabrik. Einreisen durfte nur, wer einen Arbeitsvertrag hatte. Wenn ein Baby zur Welt kam, wurde es ins Ausland abgeschoben, landete im Kinderheim oder wurde in der Schweiz versteckt – die Eltern hatten keine andere Wahl, die Kinder waren illegal.

«Schweigen hilft Betroffenen nicht aus der Ohnmacht.»

Paola De Martin, Historikerin

Zehntausende Kinder lebten im Verborgenen, wie der Beobachter in der Titelgeschichte «Verboten, versteckt und abgeschoben» berichtete. Dieses dunkle Kapitel der Migrationsgeschichte wurde nie richtig aufgearbeitet. Und wenn ein Land schweigt, verstummen Generationen.

Paola De Martin versteht, dass man vielleicht Ruhe vor den traumatischen Erlebnissen suchte. Aber ihre Erfahrung ist: «Dauerhaftes Schweigen hilft Betroffenen nicht aus der Ohnmacht.» Die 55-Jährige ist Textildesignerin und Historikerin, hat an der ETH doktoriert und lehrt an der Zürcher Hochschule der Künste. «Das Thema muss aufgearbeitet werden, damit die Schweiz aufhört, die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen.»

Ein neuer Verein fasst drei Ziele

Im Brief an die Bundesrätin schrieb sie: «Heute werden Italiener als Parade-Migranten und Lieblingsausländer betitelt, es ist nur ein Trick, um uns von denen zu trennen, die jetzt dasselbe erleben wie wir damals. Wie viele Eltern verstecken heute ihre Kinder, weil sie illegalisiert sind?» Simonetta Sommaruga antwortet, sie habe Verständnis für den Wunsch nach einer Aufarbeitung. Eine solche sei aber zurzeit nicht geplant.

Paola De Martin hätte frustriert sein können, weil nichts geschah. Stattdessen vernetzte sie sich mit Betroffenen und Unterstützerinnen. Bald soll ein Verein entstehen, er verfolgt drei politische Ziele:

  • In der Öffentlichkeit soll das Thema historisch breit aufgearbeitet werden.
  • Die Schweiz muss sich für Verletzung der Menschenrechte offiziell entschuldigen.
  • Und sie soll eine finanzielle Wiedergutmachung leisten.

«Bis dahin braucht es sicher einen langen ‹Schnuuf›», sagt Paola De Martin.

Ein Thema für die Forschung

Auch in der Wissenschaft tut sich etwas. Ein Forschungsprojekt der Uni Neuenburg untersucht die historischen Bedingungen, unter denen versteckte Kinder lebten. Welchen Standpunkt vertraten die Schweizer Behörden? Welche sozialen Bewegungen setzten sich für einen Familiennachzug und die Einschulung der Kinder ein?

Die Forscherinnen durchsuchen Archive und sprechen mit Betroffenen. Die Quellenlage sei aber schwierig: «Die Kinder waren illegal in der Schweiz, es gibt also kaum offizielle Spuren», sagt Sarah Kiani. «Zudem sind viele ehemalige Gastarbeiter mittlerweile gestorben und ihre Familien wieder ausgewandert.» Manche wollen auch nicht über das Erlebte sprechen.

Mit den psychischen Folgen beschäftigt sich Bea Costa von der Uni Zürich Gastarbeiter Wie geht es den versteckten Kindern heute? . Sie untersucht, welchen Einfluss das Verstecktsein über die gesamte Lebensspanne hinweg auf die psychische Gesundheit genommen hat (Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind gesucht).

Dafür interessiert sich auch das Marie-Meierhofer-Institut für das Kind. Die Zürcher Stadtärztin Marie Meierhofer (1909 bis 1998) kritisierte bereits in den Fünfzigerjahren die ungünstigen Bedingungen in den Säuglingsheimen, wo unter anderen Gastarbeiterkinder lebten. Das Institut erforscht, wie das Leben der ehemaligen Heimkinder verlaufen ist und wie es heute um ihr Wohlbefinden steht. Es ist dem Team sogar gelungen, ehemalige Heimkinder in Italien nach 60 Jahren wieder ausfindig zu machen.

Ein Schreibworkshop ist geplant

Die Wissenschaftlerinnen stehen mit Paola De Martin in Kontakt – bei ihr laufen viele Fäden zusammen. «Je mehr Menschen wir über verschiedene Kanäle erreichen, desto besser», sagt sie. Zur Vernetzung beitragen soll auch ein Schreibworkshop für Mitglieder von ehemaligen Saisonnierfamilien.

Neben De Martin wird der Workshop von Dramaturg Erik Altorfer und Schriftsteller Vincenzo Todisco geleitet. Todiscos Roman «Das Eidechsenkind» über ein Gastarbeiterkind war 2018 für den Schweizer Buchpreis nominiert.

Literatur sei niederschwellig und habe eine immense Kraft, sagt der Autor. «Nach jeder Lesung kamen Betroffene zu mir, selbst zwei Jahre nach der Veröffentlichung erhalte ich noch Nachrichten. Es ist verrückt – das Interesse am Thema lässt einfach nicht nach.» Und doch erstaune ihn, wie wenig Schweizerinnen und Schweizer darüber wüssten.

Gründung des Vereins Tesoro

Am 1. Oktober 2021 wurde in Zürich der Verein «Tesoro» gegründet. Er vertritt die Interessen der ausländischen Arbeiterfamilien, die zwischen 1934 und 2002 vom Schweizerischen Statut A (Saisonnier) und B (Jahresaufenthalter) betroffen waren. An der Gründungsversammlung nahmen 31 Personen teil. Sie fordern:

  • Eine offizielle Entschuldigung der Schweizer Behörden.
  • Eine historische Aufarbeitung der Illegalisierung von Familien mit Statut A und B.
  • Eine angemessene finanzielle Entschädigung für das entstandene Leid.


Für mehr Infos:

www.tesoro2021.ch

 

Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer gesucht

Die Uni Zürich führt eine wissenschaftliche Studie mit Frauen und Männern durch, welche als Kinder illegal und versteckt in der Schweiz lebten. Im Rahmen eines Interviews möchte Projektleiterin Bea Costa versuchen, persönliche Erfahrungen besser zu verstehen. Dies soll helfen, das individuelle Erleben zu würdigen und damit den öffentlichen Diskurs unterstützen.

Teilnahmebedingungen: Sie haben vor 1991 versteckt in der Schweiz gelebt und verfügen über gute Deutschkenntnisse.

Bei Interesse an einer Teilnahme oder Fragen melden Sie sich bitte bei Bea Costa, Tel.: 076 339 81 93.

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