Italienische Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter aus Italien machen sich im April 1965 Richtung Süden auf, um die Ostertage in ihrem Herkunftsland zu verbringen. Aufgenommen am Hauptbahnhof in Zürich.

Verboten, versteckt und abgeschoben

Von Sarah Berndt und Jasmine Helbling
am 26.09.2019

Nicht willkommen: eine Gastarbeiter-Familie am Hauptbahnhof Zürich, 1965

Quelle: Keystone

Jahrzehntelang durften Gastarbeiter in der Schweiz keine Familie haben. Ihre Kinder leiden bis heute.

Sie brachten uns Pasta, Espresso und die Sehnsucht nach dem Meer. Strassencafés, Vespas, Namen wie Luca und Emilia. Gerne wären wir ein bisschen wie sie. So fröhlich, so gesellig. Die Italiener, unsere Lieblingsausländer.

Als man sie in den fünfziger und sechziger Jahren zu Hunderttausenden als billige Arbeitskräfte in die Schweiz holt, sind sie Menschen zweiter Klasse. Auf der Baustelle, im Service und an der Webmaschine willkommen, im Laden und auf öffentlichen Plätzen nicht. «Egal, wo man hingeht, die Italiener stehen überall im Weg», beschweren sich Schweizer 1964 im Dokumentarfilm «Siamo italiani – Die Italiener». «Das Laute, das ertragen wir Schweizer einfach nicht.»– «Sie sind nicht wie wir.» An der Grenze in Chiasso müssen sie sich ausziehen, werden geröntgt, auf Syphilis getestet. Sie leben in Baracken, Massenschlafsälen, feuchten Mansarden.

Familiennachzug ist verboten.

Damals darf gemäss Bundesgesetz nur einreisen, wer einen Arbeitsvertrag hat, Ehepaare dann, wenn beide arbeiten. Ihre Kinder müssen draussen bleiben. Kommt ein Kind in der Schweiz zur Welt, muss die Mutter nach der Geburt sofort weiterarbeiten. Tausende Kinder landen in Schweizer Kinderheimen, werden in Wohnungen versteckt oder nach Italien abgeschoben.

Mindestens 10'000 bis 15'000 Kinder leben damals im Verborgenen. Andere Schätzungen gehen von deutlich höheren Zahlen aus. Ab wann ein Kind als versteckt gilt, ist schwierig zu sagen. Einige leben für Wochen oder Monate verborgen, andere während Jahren. Viele sind als Klein­kinder illegal hier und werden für den Schul­eintritt nach Italien geschickt. Andere sind nur den Sommer über in der Schweiz, über die Grenze geschmuggelt in Kofferräumen oder Zügen.

Schlimmer als Fiktion

Die Geschichte eines solchen Kindes beschreibt der Schriftsteller Vincenzo Todisco im Roman «Das Eidechsenkind», 2018 für den Schweizer Buchpreis nominiert. Ein namenloser Junge lebt bei seiner Grossmutter in Italien, sie stirbt. Seine Eltern holen ihn in die Schweiz, fortan lebt er im Versteckten. Er besucht keine Schule, keinen Arzt, hat kaum Kontakt zu anderen Kindern. Er ist tage-, manchmal wochenlang allein in der winzigen Wohnung, muss unter die Anrichte, wenn es klingelt, weg vom Fenster, wenn jemand vorbeigeht.

«Auch wenn meine Geschichte fiktiv ist: Es könnte alles zutreffen», sagt Vincenzo Todisco. «Für viele Gastarbeiterfamilien gab es keinen anderen Weg. Am Anfang wollte man nur ein, zwei Jahre bleiben, das Kind ist bei der ­Nonna, man merkt, es geht länger, holt das Kind, ist aber immer noch Saisonnier, also versteckt man es. Sobald sich die rechtliche Lage der ­Eltern ändert, taucht das Kind plötzlich auf.»
 

«Das Gesetz war unmenschlich.»

Vincenzo Todisco, Autor «Das Eidechsenkind»


Erst habe er gedacht, er habe eine krasse Geschichte geschrieben. «Doch es vergeht keine Lesung, an der nicht jemand mit einer ähnlichen Geschichte an mich herantritt. Viele Erlebnisse sind mindestens so schlimm. Das Gesetz war unmenschlich.»

Beeindruckt war er davon, wie solidarisch viele Schweizerinnen und Schweizer damals handelten. «Es gab sogar Kinder, die die Schule besuchen konnten, weil die Schulbehörden beide Augen zugedrückt haben. Das ist der schöne Teil der sehr traurigen Geschichte.»

Billige Arbeitskräfte

Nach dem Zweiten Weltkrieg liegt Europa in Trümmern, die Schweiz nicht. Sie steigert ihre Produktivität enorm und schafft es bis 1965, ihr Bruttosozialprodukt mehr als zu verdoppeln.

Das Wirtschaftswunder braucht Arbeiter. Die Schweizer Frauen sollen am Herd bleiben, die Männer zieht es von den handwerklichen Berufen weg. Besonders gross ist der Mangel auf Baustellen, im Gastgewerbe, in der Maschinen- und Textilindustrie. In Italien sind viele hungrig, arbeitslos, haben nichts zu verlieren.

Die Schweiz führt bereits 1934 das Saisonnierstatut ein. Ein lukratives Modell: Je nach ­Bedarf können ausländische Arbeiter für eine Saison ins Land geholt werden, die restliche Zeit des Jahres müssen sie zurück in die Heimat, ohne Lohn. 1948 besiegeln die Schweiz und Italien diese Politik mit einem Abkommen.

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Man will auf keinen Fall, dass die Arbeiter ­sesshaft werden. Ohne Bewilligung dürfen sie weder Beruf, Arbeitgeber noch Kanton wechseln. Sie sind schlecht versichert, wohnen ausserhalb der Städte und tauchen in der Öffentlichkeit kaum auf. Für die Schweiz entstehen keine Kosten, bilanziert das «Historische Lexikon der Schweiz». Im Gegenteil: Wenn die Konjunktur eintrübt, kann man die Fremden wieder nach Hause schicken – und die Arbeitslosigkeit exportieren.

In den sechziger Jahren erhält die Schweiz Konkurrenz. Die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft EWG beschliesst innerhalb ihrer Mitgliedstaaten Personenfreizügigkeit. Für die Arbeiter aus dem Süden werden andere Länder interessant. Ausserdem beklagen die Schweizer Firmen «Reibungsverluste»: Es ist mühsam, ­immer wieder neue Saisonniers einzuarbeiten.

500 Einwanderer, täglich

1965 tritt ein zweites Abkommen in Kraft. Die Arbeiter sollen länger im Land bleiben, werden rechtlich bessergestellt, vor Unfällen geschützt.

Mit fünf Saisons in Folge können sie sich jetzt den Status als Jahresaufenthalter erarbeiten, ein Familiennachzug wird möglich. Ehefrau und Kinder dürfen einreisen, «sobald der Aufenthalt und das Anstellungsverhältnis als ausreichend gefestigt und dauerhaft betrachtet werden können». Weiter heisst es im Abkommen, für die Familie müsse eine «angemessene Wohnung» zur Verfügung stehen.

Was «ausreichend gefestigt» und «angemessen» bedeutet, ist offen. Die Bestimmungen sind von Kanton zu Kanton anders, Behörden und Polizei haben Spielraum, Beamte und Arbeitgeber handeln nach Gutdünken.

Neue Italiener kommen, ein Drittel Frauen. Am Grenzbahnhof Chiasso passieren täglich 500 Einwanderer die Grenze. Auch in Spanien und Portugal wirbt die Schweiz nun Arbeits­kräfte an. Von 1950 bis 1970 steigt der Anteil ­Ausländer an der Bevölkerung von 6 auf 16,2 Prozent, jeder sechste der 6,2 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner.
 

«Ich sah einen Italiener, der 27 Schokoladen kaufte. Und das machen Hunderte!»

Eine Schweizerin an der Migros-Kasse


Von nun an sind Ausländer präsenter in der Öffentlichkeit, erste Kinder besuchen die Schule, Mütter gehen einkaufen, Väter treffen sich in ­Vereinslokalen. In Zürich eröffnet 1965 eine der ersten Pizzerien.

Unter Schweizern verbreitet sich Furcht vor den Fremden. «Einer allein geht noch. Aber die kommen nicht einzeln, die kommen in Gruppen», sagt ein Schweizer in ­«Siamo italiani». Und an der Migros-Kasse sieht eine Schweizerin ein Nationalgut in Gefahr: «Ich sah einen Italiener, der 27 Schokoladen kaufte. Und das machen Hunderte!»

Der Fremdenhass gipfelt in der sogenannten Schwarzenbach-Initiative. Sie wird 1970 von den Schweizer Männern mit 54 Prozent nur knapp abgelehnt. Bei einem Ja hätten bis zu 400'000 Ausländer das Land sofort verlassen müssen. Sie dürfen bleiben, der Hass bleibt auch. Kurz darauf wird ein italienischer Dachdecker in einem Res­taurant in Zürich zu Tode geprügelt, niemand kommt ihm zu Hilfe. Der Täter ist ein Aktivist der Bewegung gegen Überfremdung.

Szene aus dem Film «Siamo italiani» (1964)

Kleine Wohnung in schlechtem Zustand: eine Italienerfamilie im Film «Siamo italiani», 1964

Quelle: 1964 «Siamo italiani» – Die Italiener by Alexander J. Seiler/ June Kovach / Rob Gnant
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Die Kinder sind kaum ein Thema, obwohl noch immer viele von ihnen im Verborgenen leben müssen. Die Gewerkschaften und Italiener­vereine lobbyieren, sie reden nicht mehr vom Recht der Arbeiter auf Familie, sondern vom Recht der Kinder.

Erst jetzt interessiert sich die Öffentlichkeit für das Schicksal der Kinder. Lehrerinnen und Lehrer werden von der Pflicht entbunden, Kinder ohne Aufenthaltsgenehmigung zu melden. 1989 verabschieden die Vereinten Nationen die Uno-Kinderrechts­konvention, die Schweiz unterschreibt.

Anfang der neunziger Jahre untersucht die Unicef die Situation der Migrantenkinder in den Industrieländern. Offiziell wird festgehalten, dass auch in den reichen Industrienationen Kinder in schwierigen Verhältnissen aufwachsen. Erst mit dem Abkommen über die Personenfreizügigkeit zwischen der EU und der Schweiz wird das Saisonnierstatut 2002 aufgehoben.

Parallelen zum Schicksal der Verdingkinder

«Das 20. Jahrhundert ist für die Schweiz eine Zeit der Angst vor Fremden», sagt Kristina Schulz, Professorin für Zeitgeschichte an der Universität Neuenburg. «Ein guter Ausländer ist einer, dem man nicht anmerkt, dass er Ausländer ist. Wenn er Dialekt spricht, zum Beispiel.» Schulz forscht zur Migration in der Schweiz und in Europa im 19. und 20. Jahrhundert. Sie sagt: «So ein rigides Instrument wie das Saisonnierstatut gab es sonst nirgends.»

Um mehr über die Geschichte der versteckten Kinder herauszufinden, hat sie soeben ein Forschungsprojekt in die Wege geleitet. Bislang ist dieser Teil der italienischen Einwanderung kaum erforscht. «Das Schweigen ist gross. Ein Grund ist und war sicher, dass man sich schämte. Ein anderer ist wohl Solidarität mit den Betroffenen. Man schwieg, um sie zu schützen.»

Dass man diese Familien einfach so aus­einandergerissen hat, sei «erstaunlich zu einer Zeit, in der das Bild der Familie überhöht wurde. Die Familie galt als Keimzelle der Gesellschaft. Für die Gastarbeiter galt das nicht.» Schulz sieht Parallelen zum Schicksal der Verdingkinder. «Es ist ein aktiver Eingriff des Staats in die Lebenssituation, sehr überheblich. Man war überzeugt, zu wissen, was richtig ist. Dabei wurde aber häufig willkürlich entschieden.»
 

«Dieses Trauma prägt Generationen. Die Kinder durften nicht spielen, mussten immer leise sein, hatten keine Freunde, bewegten sich vielleicht jahrelang auf 30 Quadratmetern.»

Marina Fri­gerio, Kinderpsychologin


Das Bundesamt für Migration schreibt: «Aus rechtlicher Sicht ist klar, dass sich diese Personen widerrechtlich in der Schweiz aufgehalten haben. Die Behörden zeigten sich jedoch nachsichtig im Umgang mit illegal anwesenden Kindern und ermöglichten ihnen den Zugang zur Schulbildung.»

Die Realität war indes in vielen Fällen eine andere. Jahrelang versteckt in einer Wohnung, in einem Kinderheim oder im Ausland getrennt von den Eltern leben: Das hinterlässt Spuren.

Schlimme Folgen

Bereits in den fünfziger Jahren prangerte die Zürcher Stadtärztin Marie Meier­hofer die katastrophalen Zustände in den Säuglingsheimen an, in denen vor allem Kinder von Ledigen und Gastarbeitern lebten.

«Ich konnte beobachten, wie viele Störungen schon im Säuglingsalter entstanden, weil man die Kleinsten zu isolieren trachtete.» Meierhofer begann, die Heimkinder systematisch zu untersuchen – und verglich sie mit einer Gruppe Kinder, die in Familien aufwuchsen. Eine erste Studie machte sie mit den ganz kleinen Kindern unter drei Jahren, zehn Jahre später untersuchte sie sie erneut.

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«Damals versuchten die Betreuungspersonen, direkten Kontakt mit den Kindern möglichst zu vermeiden. Nicht aus Boshaftigkeit, sondern weil man die Kinder vor Krankheiten schützen wollte», sagt Patricia Lannen, Forschungsleiterin am Marie-Meierhofer-Institut für das Kind. Abhängig von der Qualität der Betreuung in den einzelnen Heimen mit mehr oder weniger gravierenden Folgen. Häufige Wechsel von Orten und Bezugspersonen schadeten den Kindern zusätzlich, bis hin zu Schulschwierigkeiten und Anzeichen von Depressionen.

«In einer neuen Studie wollen wir nun herausfinden, was aus den damaligen Kindern geworden ist und wie ihr Wohlbefinden und ihre Gesundheit heute sind», sagt Lannen. «Eine solch lange Begleitung von Heimkindern ist weltweit einmalig.»
 

«Es braucht auf jeden Fall eine politische Anerkennung dieses Unrechts, eine Entschuldigung und eine finanzielle Wiedergutmachung durch den Staat.»

Marina Fri­gerio, Kinderpsychologin


Die Berner Kinderpsychologin Marina Fri­gerio sagt: «Dieses Trauma prägt Generationen. Es sind Hunderte, die mir ihre Geschichte erzählt haben, viele als Patientinnen und Patienten. Die Kinder durften nicht spielen, mussten immer leise sein, hatten keine Freunde, bewegten sich vielleicht jahrelang auf 30 Quadratmetern.» Marina Frigerio arbeitete auf Beratungsstellen für Gastarbeiterfamilien, dokumentierte Fälle, schrieb Bücher.

«Einige Kinder hatten Glück und zumindest eine fürsorgliche Nonna im Heimatland», sagt Frigerio. «Es gibt aber auch die, die buchstäblich im Schrank aufgewachsen sind oder in Kinderheime gesteckt wurden. Mit schlimmen Folgen: mangelndem Selbstwertgefühl, Bindungsproblemen, Depressionen, Angststörungen, Drogensucht und posttraumatischen Belastungs­störungen.» Bei den Eltern finde man Symptome wie bei Kriegstraumatisierten: «Sie wollen das hinter sich lassen und vergessen, also sprechen sie nicht darüber. Dabei wäre genau das wichtig. Die Kinder müssen den Eltern verzeihen können und verstehen, dass die keine andere Chance hatten.»

Eine historische Aufarbeitung genüge nicht, sagt Frigerio. «Es braucht auf jeden Fall eine politische Anerkennung dieses Unrechts, eine Entschuldigung und eine finanzielle Wiedergutmachung durch den Staat.»