Reto Kaufmann «Ich musste einfach helfen»

«Ich musste einfach helfen»
Reto Kaufmann, 1988 und 1989 als Fluchthelfer in Ungarn aktiv

Ein Schweizer beschleunigte den Untergang der DDR: Als 1989 in Ungarn der Eiserne Vorhang riss, war Reto Kaufmann massgeblich beteiligt. Er brachte als Fluchthelfer 264 Ostdeutsche nach Österreich. Jetzt, nach 20 Jahren, erzählt er erstmals seine Geschichte.

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Die Stationen auf dem Weg in die Freiheit

«Ich musste einfach helfen»


1
. Campingplatz am Balaton: Kaufmann plant hier mit Janina und Peter die Flucht
2. Sopronpuszta: Hier findet das «Paneuropäische Picknick» statt, wo die erste Massenflucht gelingt
3. Szentgotthard: Kaufmann liest hier Tina, Holger und Robbi auf und entkommt der Grenzwache
4. Übergang Klingenbach: Hier gelingt der von Kaufmann organisierte Ausbruch von 264 Menschen

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Woher nimmt er die Kaltblütigkeit? «Ich wusste, dass ich nicht versagen darf in dem Moment.» Instinktiv handelt er: «Der hat eine Pistole im Anschlag, aber benutzt er sie nicht, hat er nichts mehr.» Es funktioniert, der Bewacher lässt sie fahren. Doch nun kommen die Grenzer im Lada zurück. Wieder geht Reto aufs Ganze, gibt Vollgas und Fernlicht, rast auf dem Waldweg auf den Lada zu. Im letzten Moment weichen die Grenzer aus und landen im Graben. «Durch die Arbeit bei Porsche war ich ein guter Fahrer», sagt Reto. «Ich war überzeugt, dass sie nicht die Nerven haben. Sie hatten ja bloss ihren Beruf und ihre Vorschriften, aber bei uns gings um alles.»

Ostblockstaaten 1988 (Inforgrafik beo/dr)

Am 19. August, wenige Tage später, kursiert ein Flugblatt: Bei Sopronpuszta werde ein «Paneuropäisches Picknick» veranstaltet, ein symbolisches Treffen unter dem Patronat des österreichischen Politikers Otto von Habsburg und des ungarischen Reformers Imre Poszgay. Die Grenze sei von 15 bis 18 Uhr für die Delegationen offen. Reto und seine Flüchtlinge packen die Chance. Doch an der Fähre am Balaton bleiben sie 30 Minuten lang stecken. Ein Wessi hat sein Auto auf die Gegenspur gestellt. «Ich kann nicht anders, lange ihm eine; meine Nerven sind am Ende, hätte ich in dem Moment gewusst, was er uns eingebrockt hat, hätte ich wohl richtig zugeschlagen», notiert Reto. Schliesslich schrammt er mit seinem Wohnmobil vorbei.

An der Grenze herrscht Chaos. Hunderte von DDR-Flüchtlingen nutzen das Picknick spontan zur Flucht, drängen einfach durchs Holztor. Oberstleutnant Árpád Bella hat Dienst, mit fünf Soldaten. Der heute 63-Jährige erinnert sich genau an den Tag, an dem er zur Schlüsselfigur der Geschichte werden sollte. «Wir erfuhren zwei Tage vorher aus Budapest, dass in nächster Zeit eine grössere Gruppe kommen könnte», erzählt er. «Aber wir hatten keine Instruktionen.» Nach Vorschrift hätten Grenzer in Bedrängnis zum Selbstschutz schiessen müssen. «Es ist mir wie ein Blitz ins Hirn geschossen: Wenn ich versuche, diese Menge aufzuhalten, gibt es ein Blutbad. Wenn nicht, werde ich verantwortlich gemacht», sagt Bella. In Sekunden entschied er, keinen Schiessbefehl zu geben. «Ich wollte nicht zum Massenmörder werden.»

EIN GEOPOLITISCHER TESTLAUF Heute ist Bella sicher, dass er bewusst mit der Verantwortung alleingelassen wurde. Ungarn wusste nicht, wie Moskau reagieren würde. So diente, wie Ungarns Ministerpräsident Miklós Németh später bestätigte, das «Picknick» als Test, ob die Sowjetunion eine Bresche in der Westfront hinnehmen würde. «Der Bezirkskommandant wartete auf den Landeskommandanten, dieser auf den Innenminister, dieser auf den Ministerpräsidenten und der auf Gorbatschow», sagt Bella. Er habe gedacht: Wenn Gott will, dass ich jetzt hier bin, muss ich handeln wie jeder normale Mensch. So wies er seine Mannschaft an, stur nach Österreich zu blicken, während hinter ihnen 668 Ostdeutsche fliehen.

Janina Manthey führt heute in Berlin ein Geschäft mit Herrenmode.

Janina erreichte das Tor kurz nach 18 Uhr. «Ich sah 60 Meter vor mir die Letzten durchschlüpfen. Am ersten Posten kamen wir vorbei, dann rief jemand etwas auf Ungarisch. Am zweiten Posten rissen die Soldaten die Maschinenpistolen hoch, luden durch, und dann hatten wir sie vorm Bauch – drei Meter vor dem Zaun!», erzählt sie.

Reto wusste nichts davon, suchte seine Gruppe beidseits der Grenze und fand sie anderntags bei Sopron, erschöpft und verängstigt nach «Hasenjagd», Festnahme und Verhören. Nun zog die Gruppe nach Budapest ins Lager, das der Pfarrer der Kirche Zugliget mit dem Malteser-Hilfswerk aufgebaut hatte. Horrorgeschichten kursierten unter den 1000 Flüchtlingen, die Stasi vergifte das Wasser, entführe Kinder. Einmal stürmte Reto in ein Nachbarhaus und vertrieb Stasi-Leute, die vom Dach filmten. Ein andermal ging er dazwischen, als aufgebrachte Flüchtlinge einen Spitzel aufknüpfen wollten. Vor allem aber plante er die nächste Aktion. Massenflucht hiess jetzt die Strategie. Mit wenigen Vertrauten legte er den Plan fest: Zur Tarnung sollten kleine Gruppen in ihren Autos auf verschiedenen Wegen vorrücken, sich dann vereinen und die Grenze überrennen. «Damit die Flucht geheim blieb, wusste nur Hubert, der Anführer im ersten Auto, welchen Übergang wir nehmen», erzählt Reto. «Wir legten eine falsche Fährte, indem wir stets von Deutschkreuz sprachen.» Zudem organisierte Kaufmann ein Filmteam als Deckung, «denn wir glaubten, es werde nicht geschossen, wenn Kameras laufen».

Am 22. August brechen sie auf. Zur Überraschung aller fährt Anführer Hubert an Deutschkreuz vorbei, lanciert unterwegs die Route Sopronpuszta, prescht dann aber geradewegs durch Sopron nach Klingenbach. Alles hängt davon ab, das Schlussstück schneller zu schaffen, als die Grenzer reagieren können. Offizier Bella bestätigt rückblickend, dass die Finte funktionierte. Die Aufklärung habe Autokolonnen registriert, das Kommando habe Hunderte Soldaten bei Kópháza/Deutschkreuz konzentriert. Nach Klingenbach jedoch wurden keine geschickt. Zum Glück, sagt Bella, habe dort ein Offizier Dienst gehabt, der beim Picknick dabei war und den Zusammenprall zu vermeiden wusste. Reto notiert nach diesem Tag knapp: «Es läuft nach Plan – die Flucht gelingt: nach meiner Zählung 264 Leute!!!!!» Noch heute friert es ihn, wenn er die Bilder des Filmteams sieht. Und er erinnert sich, dass er bedauerte, dass nicht alle Autos vollbesetzt waren. «Es hätten noch mehr sein können», sagt er.

Am nächsten Morgen findet Reto Kaufmann seine fünf Flüchtlinge in der BRD-Botschaft in Wien. «Ein wahnsinniges Glücksgefühl», sagt er. Man bricht sofort auf, halb in Trance. In München klappt Tina zusammen und muss ins Spital. Am nächsten Tag trifft Reto mit Janina und Peter in Weissach ein. Der Kühlschrank ist leer, also geht er mit Peter zum Supermarkt. Da hatte dann Peter seinen Zusammenbruch. «Vor den Auslagen ist er auf den Boden gesunken und hat einfach geheult.»

Ungarn ist in Aufruhr nach der Massenflucht. Hunderte Menschen versuchen es jetzt, alle vergebens. Arbeitermilizen verletzen zwei Flüchtlinge, Soldaten feuern über Frauen und Kinder hinweg. «Mitten in Kópháza gaben sie 158 Warnschüsse ab», erinnert sich Bella. Und an einem Zaun wird in einem Handgemenge ein junger Vater erschossen. Die Stimmung ist zum Äussersten gespannt. Niemand weiss, ob sich der Riss im Eisernen Vorhang wieder schliesst. «Es ging ja nicht bloss um die Grenze Ungarn–Österreich, da standen sich zwei Imperien gegenüber», sagt Bella. Tatsächlich markieren die spontane Flucht beim Picknick und Retos organisierter Ausbruch den Wendepunkt: In den Tagen danach beginnt in der DDR der Volksaufstand, wenig später erlaubt Ungarn 57000 gestrandeten Ostdeutschen die Ausreise. Das ist der Anfang vom Ende der DDR, des Warschauer Pakts und der seit 40 Jahren geltenden Weltordnung des Kalten Kriegs.

IM TAUCHERANZUG IN DIE FREIHEIT
Reto Kaufmann konnte dies nicht ahnen und arbeitete weiter. Janinas Freundin Camilla Quednau hatte kein Ungarn-Visum bekommen. «Ich hatte es aber versprochen. Also planten wir auch noch ihre Flucht. Mein Meisterstück!», sagt er. Wenn sie es von der Tschechoslowakei nach Ungarn schafft, ist sie gerettet. Camilla kommt Ende September nach Bratislava. Reto und Harry fahren in ein Wäldchen und stecken sie in einen Neopren-Anzug. Etwa 100 km südöstlich lassen sie Camilla in Sichtweite der Wachtürme in die Donau. «Wir hatten die Strömung ermittelt. Sie schwamm zur Mitte und liess sich mitziehen. Weiter unten fischte Team 2 sie am ungarischen Ufer raus», erzählt Reto. «Alle bekamen es mit, Spaziergänger applaudierten, Fischer brachten Schnaps.» Er und Harry mussten danach schneller an der Grenze zu Österreich sein als der Alarm entlang der Befehlskette. «Wir rasten in 55 Minuten mit Vollgas nach Bratislava. Ich war nervös, weil der Miet-Opel nur 175 Stundenkilometer lief. Bei einer Geschwindigkeitskontrolle bestachen wir einen Polizisten mit D-Mark, an der Grenze einen Soldaten mit einer Stange Marlboro – und waren draussen.»

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Heute haben die fünf der Kerngruppe nur noch losen Kontakt. Die meisten wussten die Freiheit zu nutzen, aber nicht alle Lebenswege verliefen gerade, Beziehungen zerbrachen. Was empfinden die Beteiligten heute? «Reto war der Fels in der Brandung. Wir haben alle seine Stärke bewundert», sagt Janina. Sie fühle tiefe Dankbarkeit. «Wir sind Freunde fürs Leben, eine innere Verbundenheit, die uns keiner nehmen kann.» Dass sie an einem historischen Ereignis beteiligt war, habe sie erst realisiert, als 1994 ein Film über die Flucht erschien und die Gruppe mit den Helfern nach Ungarn eingeladen wurde.

Bei Offizier Bella ging es noch länger. Ein Disziplinarverfahren wurde zwar eingestellt. Aber er galt jahrelang als Verräter und wurde mit 51 zwangspensioniert. Zehn Jahre später ehrte ihn Ungarn mit einem Verdienstorden. Und erst zum 20. Jahrestag drückte ihm Bundeskanzlerin Angela Merkel die Hand und würdigte seine Tat.

Und Reto Kaufmann? Er habe damals enorme Reife gewonnen und den Glauben, dass nichts unerreichbar sei. Die Erlebnisse mit den Menschen und die Selbsterfahrung, wozu er in Ausnahmesituationen fähig ist, seien unendlich wertvoll. Jeder könne an seinem Ort etwas bewegen, ist er überzeugt. Aber man solle sich für das Nächstliegende aus persönlichen Beziehungen heraus engagieren.

Die Tragweite seiner Aktion habe er am 9. November 1989 erkannt, als die Berliner Mauer fiel. «Ja, auch ich habe ein Stück der Mauer eingerissen und die Wende ein Stück bewegt. Aber ich tat es bloss, um ein paar wertvolle Menschen zu befreien, und hatte keine andere Absicht oder Vorahnung. Ich musste einfach helfen.» Warum behielt er seine Geschichte 20 Jahre für sich? «Als es die DDR noch gab, musste ich schweigen, um Leute zu schützen und weitermachen zu können. Nachher interessierte es keinen mehr.» Dann fügt er an: «Natürlich bin ich stolz, dass ich das geschafft habe. Aber man kann auch innerlich stolz auf etwas sein, ohne öffentliche Ehrung.» Eine viel höhere Anerkennung seien für ihn die Freundschaften, die ihm geblieben sind.

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Autor:
  • Helmut Stalder
Bild:
  • Andreas Eggenberger
  •  und Library of Congress
15. Oktober 2009, Beobachter 21/2009