Reto Kaufmann «Ich musste einfach helfen»

«Ich musste einfach helfen»
Reto Kaufmann, 1988 und 1989 als Fluchthelfer in Ungarn aktiv

Ein Schweizer beschleunigte den Untergang der DDR: Als 1989 in Ungarn der Eiserne Vorhang riss, war Reto Kaufmann massgeblich beteiligt. Er brachte als Fluchthelfer 264 Ostdeutsche nach Österreich. Jetzt, nach 20 Jahren, erzählt er erstmals seine Geschichte.

  • Janina Manthey, 24-jährige Ostberlinerin, und ihr Freund Peter Tschöp zwängen sich in den braunen Trabant und atmen tief durch. Es ist der 22. August 1989, der Tag, an dem die Flucht endlich gelingen soll. «Diesmal werden wir weiterlaufen. Wir gehen nicht zurück», sagt sie energisch. Die Lebensmittellaborantin Janina hat zu Hause alles Persönliche in den Müllschlucker geworfen und ist mit Peter, der als Elektrotechniker, Hausmeister und DJ arbeitete, in den Urlaub nach Ungarn gefahren, entschlossen, in den Westen zu fliehen. Ungarn hat begonnen, Stacheldraht und Elektrozäune abzubauen. Die Grenze wird zwar weiter scharf bewacht. Aber einzelne DDR-Flüchtlinge haben es bereits durchs Hinterland geschafft, und vor drei Tagen ist 668 Menschen die erste spontane Massenflucht gelungen. An diesem 22. August brechen 270 Ostdeutsche vom Lager in Budapest auf, wo sie wochenlang zwischen Bangen und Hoffen gewartet haben.

    Janina hat ihre Handtasche dabei, Peter einen Rucksack mit Ersatzwäsche und Notration, sonst nichts. Sie sind froh und haben zugleich Angst. Auch ihren Freunden geht es so, der Kindergärtnerin Tina, dem Koch Holger Ohde und ihrem siebenjährigen Robbi, die, wie sie sagen, «nichts zu verlieren haben». Vor Sopron (siehe nachfolgende Karte) schliessen sich die Trabis und Wartburgs zusammen, etwa 100 Autos. Man will die Grenzwache überrumpeln und hofft, dass nicht geschossen wird.



  • Es begann in Ungarn
    Der Fall der Berliner Mauer, Deutschlands Wiedervereinigung und das Ende der Zweiteilung der Welt in Ost und West begannen in Ungarn. Im Frühling 1989 beschloss Ungarn, die veralteten Sperren zu Österreich abzubauen. Bald strömten Zehntausende DDR-Bürger ins Land, um durch diese Lücke im Eisernen Vorhang zu schlüpfen.

    Am 19. August 1989 veranstalteten Politiker Österreichs und Ungarns bei Sopron das «Paneuropäische Picknick», ein Treffen im Zeichen der Entspannung. 668 Ostdeutsche nutzten dies zur ersten spontanen Massenflucht.

    Am 22. August, bei der zweiten, von Reto Kaufmann organisierten Massenflucht, schafften es 264 Menschen. Dies setzte eine Kettenreak­tion in Gang: Ungarn erlaubte kurz darauf die Ausreise, in der DDR begann der Aufstand, am 9. November fiel die Mauer. Der Ostblock und der Kalte Krieg waren Geschichte.

Die Stationen auf dem Weg in die Freiheit

«Ich musste einfach helfen»


1
. Campingplatz am Balaton: Kaufmann plant hier mit Janina und Peter die Flucht
2. Sopronpuszta: Hier findet das «Paneuropäische Picknick» statt, wo die erste Massenflucht gelingt
3. Szentgotthard: Kaufmann liest hier Tina, Holger und Robbi auf und entkommt der Grenzwache
4. Übergang Klingenbach: Hier gelingt der von Kaufmann organisierte Ausbruch von 264 Menschen

  • In Sopron beschleunigt der Konvoi. Hupend rasen die Fluchtwagen durchs Dorf, über rote Ampeln, Auto an Auto, zum Übergang Klingenbach. 16.10 Uhr: Die Kolonne stockt, Hektik greift um sich. Menschen rennen auf den Schlagbaum zu, rufen durcheinander. Janina und Peter lassen den Trabi stehen und spurten los. Etwa 20 Grenzsoldaten stehen da, Hand am Pistolengurt – werden sie schiessen? Jetzt geben sie Zeichen, deuten nach links, am Posten vorbei, um den Zusammenprall zu vermeiden. Die ersten Flüchtlinge verstehen, rennen weg von der Strasse, über einen Graben, in die Büsche. Menschen schwenken weisse Leibchen, eilen übers Feld, angstvoll zusammengedrängt. Am Waldrand voraus tauchen Grenzwächter auf. Wieder Ungarn!, fährt es Janina durch den Kopf. Der Pulk stockt. Was jetzt bloss tun? Da sieht sie: Die Grenzer winken die Flüchtlinge heran. «Österreicher!», schreit jemand.

    Alle rennen, vorwärts, kopflos. Janina nimmt ein Wirtshausschild auf Deutsch wahr, stürmt am Grenzbeamten vorbei, weiter. Da ruft dieser: «Wos rennens denn noch, wos rennens denn noch? Ihr seids jo scho in Österreich.» Geschafft! Janina ist klitschnass, atmet heftig, taucht beinahe weg. Alle fallen sich in die Arme und schluchzen vor Glück.

    DER WEGBEREITER AUS DER SCHWEIZ
    Die Welt nahm diesen Ausbruch als spontane Aktion wahr. Doch er war von langer Hand geplant. Der Mann im Hintergrund war Reto Kaufmann, damals 31 Jahre alt und Schweizer. Jetzt, 20 Jahre danach, berichtet er erstmals, wie er die Flucht organisierte, die zum historischen Ereignis werden sollte. Kaufmann, heute Leiter des Prototyping-Fahrzeugbau bei Thyssen-Krupp in Liechtenstein, sitzt auf dem Sofa in seinem Haus in Haag im Rheintal und rekonstruiert die Ereignisse.

    Seine Geschichte beginnt 1963. Als Fünfjähriger reiste er damals mit seinem Vater nach Duderstadt, eine Kleinstadt an der deutsch-deutschen Grenze. «Das war die unbewusste Prägung. Die Menschen hinter dem Stacheldraht kamen mir vor wie im Zoo. Und ich wusste, dass ich auf der Seite der Freiheit stand», sagt Kaufmann. Später flog er wegen Revoluzzertum aus der Klosterschule Disentis, «weil ich schon immer Mühe hatte mit Einschränkungen und Autoritätsmissbrauch». Er machte in Elze bei Hildesheim das Abitur und studierte Fahrzeugtechnik in Hamburg. Als er den Führerausweis hatte, fuhr er oft nach Berlin. «Ich war jung und wild und hatte vor niemandem Angst.» Auch nach Ungarn reiste er häufig, lernte Leute kennen, auch viele Ostdeutsche. «Ich träumte damals von meiner Bildung her in Richtung eines humanistischen Sozialismus. Aber das verflog, als ich die Realität sah.»

    Im Sommer 1988, nun in Weissach bei Stuttgart als Entwickler bei Porsche tätig, verheiratet mit Elke und frisch Vater geworden, reiste er nach Ungarn zum Camping am Plattensee (Balaton, siehe Karte). Kaufmann notierte in sein Tagebuch: «Kennenlernen Janina Manthey u. Freund Peter Tschöp aus Marzahn und Strausberg (Berlin Ost). Janina lacht heimlich den blassen Wessi im Mickey-Mouse-Hemd aus. Ich repariere abends den Durchlauferhitzer auf dem Camping; keine Lust kalt zu duschen – Peter leiht mir den 7er Gabelschlüssel – Eis gebrochen – der Brenner funktioniert.»

    Ein paar Tage dauerte das Anwärmen. «Dann outeten sich Janina und Peter und sagten: Wir sind hier, um abzuhauen», erinnert sich Kaufmann. Sein Motiv zu helfen sei nicht ideologisch gewesen, nicht religiös und schon gar nicht finanziell, sondern rein menschlich. «Man kann nicht eine Freundschaft eingehen und dann nichts tun für Freunde in einer solchen Lage.» Dazu kamen sein Freiheitsdrang und eine gewisse Arroganz. «Wir dachten: Wir sind schlauer und schaffen das.»

    Janina Manthey, die heute 44 ist und in Berlin ein Modegeschäft führt, erinnert sich genau an die erste Begegnung. «Ich wusste mit 17, dass ich im DDR-System nicht glücklich werde, es hat einem die Luft abgeschnürt», erzählt sie. «Reto war etwas älter als wir und strahlte eine unheimliche Ruhe und Kompetenz aus. Da fassten wir Vertrauen.» Er sei sehr sozial eingestellt, wollte Schwächeren helfen. «Es war für ihn einfach ein menschlicher Entscheid.»

    PLÄNE, TRICKS UND FLUCHTVARIANTEN
    Nun übernahm Reto Kaufmann die Rolle des Fluchthelfers, begann mit verdeckten Planungen und eignete sich konspirative Schlauheit an. Die erste Idee war, nach Jugoslawien zu gelangen und dann übers Meer nach Triest. «Ich erkunde das Grenzgebiet: kein Näherkommen ohne gesehen/gestellt zu werden. Dumm stellen und Schweizer Pass helfen bei den Grenztruppen gegen schlimmeres als mit Verwarnung zurückgewiesen zu werden», heisst es im Tagebuch. Nach zwei Wochen liefen die Ungarn-Visa von Janina und Peter ab, und sie mussten zurück nach Ostberlin.

    Ein Jahr lang reiste Reto alle paar Wochen in die DDR und traf Janina und Peter bei Freunden, die mit fingierten Einladungen und Tarnadressen halfen. «Ein Stasi-Paar war auf uns angesetzt, aber wir durchschauten es», sagt Reto Kaufmann. In Peters Stasi-Akte, erfuhr er später, war er als «der Schweizer» vermerkt. Janina betont: «Schon für die Vorbereitung riskierten wir zwei bis fünf Jahre DDR-Knast wegen ‹versuchter Republikflucht›, auch Reto wäre eingesperrt worden.» Die innerdeutsche Grenze fiel ausser Betracht, denn den Tod wollten sie nicht riskieren. Ebenso der Doppelgängertrick, bei dem Peter und Janina die Pässe von Reto und Elke benutzen sollten. «Wir schminkten uns um, aber glichen uns zu wenig», erinnert sich Janina. Ohne Reiseerlaubnis scheiterte auch der Plan, auf einem Flug nach Kuba beim Zwischenstopp in Kanada abzuhauen.

    AUF DEM MOFA AUSBRECHEN?
    Als Ungarn die Sperranlagen abbaut, sehen sie ihre Chance. «Wir konzentrieren uns wieder auf Ungarn! Sind uns sehr sicher! Ich fange an, das Leben von J. u. P. zu ‹verlagern›», notiert Reto. «Schmuggle Dokumente, Papiere, Zeugnisse. Richte ein Konto in Weissach für J. u. P. ein und sorge dafür, dass sich das Konto auf 1.700.– DM füllt als Startpaket. Wir wollen auf Augenhöhe die Selbstachtung für J. u. P. wahren – keine Almosen.»

    Reto beschafft Karten und Funkgeräte, ein neuer Plan wird entworfen: Janina und Peter sollen mit einer 50-ccm-Suzuki östlich von Sopronpuszta nach Möbisch am See durchbrechen. Reto kundschaftet mit dem West-Helfer Harry Schenk Feldwege aus: «Wir werden 2x angehalten, kontrolliert, verwarnt und weggeschickt. Auf dem geplanten Weg: heftige Festnahme ca. 2000m vor der Grenzlinie: Kadett wird durchsucht: unsere Fluchtkarten werden erkannt und als Beihilfe zur Flucht ausgelegt. Wir sind verhaftet (Maschinenpistolen) auf einem Stoppelfeld. Bewacher ein höherer Uniformierter und 3 Soldaten in militärisch aussehender Uniform», steht im Tagebuch. «Verzweiflung: man droht uns 8 Jahre Haft an. Dann: spontane Freilassung! Blauer DDR-Lada (3–4 Männer) durchbricht Sperre und fährt Richtung Grenze (gleicher Plan wie wir mit dem Fluchtmoped?). Anführer Militär und 2 Soldaten springen in Jeep und stellen den Lada noch. Ein Soldat mit MP im Anschlag zu unserer Bewachung: er hat auch unsere Papiere. Sprachlich scheitern alle Versuche, auf ihn einzuwirken, aber Gestik hilft – er schmeisst uns die Pässe hin und bedeutet uns, schnell zu verschwinden.» Er habe Todesangst gehabt, sagt Reto, und seine Züge verhärten sich.

    «HELFT MEINER MAMA!»
    Ein Vorfall wühlt ihn noch heute auf. Mitte August rekognosziert er erneut Routen, nun bei Szentgotthard im westlichsten Zipfel Ungarns. In einem Gasthof trifft er den westdeutschen Fluchthelfer Harald mit Tina, Holger und Robbi. Sie schliessen sich zusammen. Auf dem Rückweg treffen sie im Wald eine Mutter mit einem Baby im Tragsack und einem Kleinkind, die gerade ihren Wartburg stehenlässt und zur Grenze will. Plötzlich taucht ein ungarischer Lada auf, drei bewaffnete Zivile wollen die Frau mitnehmen. Reto sitzt im Opel, seine Flüchtlinge drängen ihn loszufahren. «Da wendet sich das dreijährige Kind an mich: ‹Helft meiner Mama!!!› Im Gegensatz zur Mutter hatte es Instinkte, wem es vertrauen kann», heisst es im Tagebuch. «Ich kann nicht anders: steige aus, mache ein Mordstheater (drohe heftig), man bedeutet mir, dass Polizei oder Miliz gerufen wird. 2 Mann fahren mit Lada weg, einer bewacht uns nun allein: Er hat eine Pistole, hat aber auch Angst: ich bedrohe ihn – er weicht etwas zurück – ich erzwinge, dass die Frau in den Wartburg einsteigen darf. Scheuche immer wieder den Bewacher ein Stück zurück – keine leeren Drohungen – ich hätte Gewalt angewandt! Das Kind war der Auslöser.»

  •  

    Vom ersten Riss im Eisernen Vorhang bis zum Ende der DDR

    Reto Kaufmann beginnt als Fluchthelfer 1988, als der Eiserne Vorhang noch praktisch unüberwindbar ist. Dann verzahnt sich die Lebensgeschichte der Fluchtgruppe mit dem weltpolitischen Umbruch des Jahres 1989.

    August 1988:
    Reto Kaufmann fährt zum Camping an den Balaton und lernt Janina Manthey und Peter Tschöp aus Ostberlin kennen. Er erkundet das Grenzgebiet nach Jugoslawien, wird aber angehalten. Janina und Peter kehren nach Berlin zurück. Zweimal wird danach eine Flucht vorbereitet, aber abgebrochen.

    Herbst 1988:
    In Ungarn setzt sich der Reformflügel der Kommunisten durch und wählt den Wirtschaftsfachmann Miklós Németh, 40, zum Ministerpräsidenten.

    3. März 1989:
    Németh trifft KremlChef Gorbatschow und sondiert, ob Moskau beim Abbau des Grenzzauns einmarschieren würde wie beim Aufstand 1956. Gorbatschow: «Das wird nie wieder vorkommen!»

    2. Mai 1989:
    Ungarn beginnt mit dem Abbau der Sperranlagen. Der Eiserne Vorhang bekommt erste Löcher.

    7. Mai 1989:
    Bei den Kommunalwahlen in der DDR werden erstmals Wahlfälschungen nachgewiesen. In vielen Städten fordern Menschen nun jeden Monat bei Demos eine Überprüfung der Wahl.

    4. Juni 1989:
    Auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking richtet das chinesische Militär ein Blutbad an. Die DDR-Regierung begrüsst später diese Niederschlagung der Studentenproteste.

    Juni 1989:
    Hunderttausende Bürger der DDR strömen zum «Urlaub» nach Ungarn. Einigen gelingt die Flucht über die grüne Grenze. Die Botschaft der BRD in Budapest ist überfüllt mit Fluchtwilligen.

    15. Juni 1989:
    Gorbatschow anerkennt das Selbstbestimmungsrecht der Deutschen. «Die Mauer kann wieder verschwinden, wenn die Voraussetzungen entfallen, die sie hervorbrachten.»

    27. Juni 1989:
    Die Aussenminister Ungarns und Österreichs, Gyula Horn und Alois Mock, durchtrennen bei Sopron symbolisch den Grenzzaun. Der Flüchtlingsstrom nach Ungarn schwillt an.

    Juli 1989:
    Die BRD-Botschaften in Ostberlin, Prag, Budapest und später Warschau füllen sich mit Ausreisewilligen. Am Ostblockgipfel in Bukarest wird jedem sozialistischen Staat die eigene Entwicklung gewährt.

    Anfang August 1989:
    Reto Kaufmann bereitet eine Flucht per Moped vor: Janina und Peter sollen bei Sopronpuszta durchbrechen. Beim Auskundschaften entgeht Kaufmann nur knapp einer Verhaftung.

    13./22. August 1989:
    Die BRD-Botschaften in Budapest und Prag müssen wegen Überfüllung schliessen. Daraufhin besetzen verzweifelte Flüchtlinge in Prag das Botschaftsgelände.

    16. August 1989:
    Kaufmann rekognosziert bei Szentgotthard und trifft Tina, Holger und Robbi Ohde. Auf dem Rückweg vereiteln sie die Verhaftung einer Frau mit zwei Kindern und entkommen.

    Mitte August 1989:
    Immer mehr DDR-Flüchtlinge stranden im Hof der Pfarrkirche Zugliget in Budapest. Der Pfarrer Imre Cozuma richtet mit Hilfe des Malteser-Dienstes ein Lager ein.

    19. August 1989:
    Bei Sopronpuszta findet das «Paneuropäische Picknick» statt. 668 Ostdeutsche überrennen den Grenzposten. Offizier Árpád Bella gibt keinen Schiessbefehl.

    21. August 1989:
    Der junge Vater Kurt-Werner Schulz wird bei einem Fluchtversuch in einem Handgemenge mit einem Grenzsoldaten tödlich getroffen.

    22. August 1989:
    Kaufmann organisiert einen Ausbruch mit 100 Autos. Die Grenzer bei Klingenbach sind überrumpelt. 264 Menschen gelingt die Flucht, auch Janina, Tina, Peter, Holger und Robbi.

    23./24. August 1989:
    Ein Massenfluchtversuch bei Sopron wird mit Gewalt gestoppt. Arbeitermilizen der Kommunistischen Partei schiessen scharf und verletzen zwei Flüchtlinge.

    4. September 1989:
    Bei der Nikolaikirche in Leipzig, wo seit Monaten die Montagsgebete abgehalten werden, fordern 1200 DDR-Bürger Reisefreiheit und die Abschaffung der Staatssicherheit.

    10. September 1989:
    Ungarn setzt das Reiseabkommen mit der DDR ausser Kraft und gestattet den DDR-Flüchtlingen, «in ein Land ihrer Wahl» auszureisen. Zehntausende brechen auf.

    15. September 1989:
    Die Situation in der Prager Botschaft wird unerträglich. Im Garten warten 3000 Flüchtlinge auf ihre Ausreise.

    Ende September 1989:
    Reto Kaufmann organisiert über Bratislava die Flucht von Camilla Quednau, einer Freundin von Janina. Sie schwimmt im Neopren-Anzug durch die Donau.

    30. September 1989:
    Die DDR lässt die Botschaftsflüchtlinge von Prag und Warschau ausreisen. Anderntags quert der erste von sechs Sonderzügen die DDR.

    2. Oktober 1989:
    In Leipzigs Innenstadt demonstrieren mehr als 20'000 Menschen für Demokratie. Die Polizei löst die Kundgebung gewaltsam auf.

    4. Oktober 1989:
    In Dresden wollen Ausreisewillige auf die Sonderzüge mit den Botschaftsflüchtlingen. 1300 Menschen werden bei Ausschreitungen verhaftet.

    5. Oktober 1989:
    Der Flüchtlingsstrom über Ungarn und Österreich ist ungebrochen mächtig. Seit dem 11. September haben 35'000 DDR-Bürger diese Route benutzt.

    6./7. Oktober 1989:
    In Ostberlin feiert die DDR ihren 40. Jahrestag. Staatschef Honecker lobt die Erfolge des Sozialismus. Gorbatschow wiederum wird mit dem Satz zitiert: «Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.»

    9. Oktober 1989:
    Tag der Entscheidung: In Leipzig kommt es zur bisher grössten Demonstration. 70'000 Menschen rufen «Wir sind das Volk». Das Militär bleibt in den Kasernen. Eine Woche später demonstrieren 120'000 Menschen.

    17. Oktober 1989:
    Das Zentralkomitee der SED entbindet Honecker von allen Funktionen. Tags darauf verspricht der neue SED-Chef Egon Krenz die «Wende». Über Ungarn sind mittlerweile 50'000 DDR-Bürger ausgereist.

    3. November 1989:
    Unter dem Druck der Ereignisse beschliesst die neue Regierung, dass DDR-Bürger ohne Formalitäten über die Tschechoslowakei das Land verlassen können. Es folgen neue Ausreisewellen.

    4. November 1989:
    Eine halbe Million Menschen beteiligen sich an der bisher grössten Demo auf dem Alexanderplatz in Ostberlin.

     
     

Woher nimmt er die Kaltblütigkeit? «Ich wusste, dass ich nicht versagen darf in dem Moment.» Instinktiv handelt er: «Der hat eine Pistole im Anschlag, aber benutzt er sie nicht, hat er nichts mehr.» Es funktioniert, der Bewacher lässt sie fahren. Doch nun kommen die Grenzer im Lada zurück. Wieder geht Reto aufs Ganze, gibt Vollgas und Fernlicht, rast auf dem Waldweg auf den Lada zu. Im letzten Moment weichen die Grenzer aus und landen im Graben. «Durch die Arbeit bei Porsche war ich ein guter Fahrer», sagt Reto. «Ich war überzeugt, dass sie nicht die Nerven haben. Sie hatten ja bloss ihren Beruf und ihre Vorschriften, aber bei uns gings um alles.»

Ostblockstaaten 1988 (Inforgrafik beo/dr)

Am 19. August, wenige Tage später, kursiert ein Flugblatt: Bei Sopronpuszta werde ein «Paneuropäisches Picknick» veranstaltet, ein symbolisches Treffen unter dem Patronat des österreichischen Politikers Otto von Habsburg und des ungarischen Reformers Imre Poszgay. Die Grenze sei von 15 bis 18 Uhr für die Delegationen offen. Reto und seine Flüchtlinge packen die Chance. Doch an der Fähre am Balaton bleiben sie 30 Minuten lang stecken. Ein Wessi hat sein Auto auf die Gegenspur gestellt. «Ich kann nicht anders, lange ihm eine; meine Nerven sind am Ende, hätte ich in dem Moment gewusst, was er uns eingebrockt hat, hätte ich wohl richtig zugeschlagen», notiert Reto. Schliesslich schrammt er mit seinem Wohnmobil vorbei.

An der Grenze herrscht Chaos. Hunderte von DDR-Flüchtlingen nutzen das Picknick spontan zur Flucht, drängen einfach durchs Holztor. Oberstleutnant Árpád Bella hat Dienst, mit fünf Soldaten. Der heute 63-Jährige erinnert sich genau an den Tag, an dem er zur Schlüsselfigur der Geschichte werden sollte. «Wir erfuhren zwei Tage vorher aus Budapest, dass in nächster Zeit eine grössere Gruppe kommen könnte», erzählt er. «Aber wir hatten keine Instruktionen.» Nach Vorschrift hätten Grenzer in Bedrängnis zum Selbstschutz schiessen müssen. «Es ist mir wie ein Blitz ins Hirn geschossen: Wenn ich versuche, diese Menge aufzuhalten, gibt es ein Blutbad. Wenn nicht, werde ich verantwortlich gemacht», sagt Bella. In Sekunden entschied er, keinen Schiessbefehl zu geben. «Ich wollte nicht zum Massenmörder werden.»

EIN GEOPOLITISCHER TESTLAUF Heute ist Bella sicher, dass er bewusst mit der Verantwortung alleingelassen wurde. Ungarn wusste nicht, wie Moskau reagieren würde. So diente, wie Ungarns Ministerpräsident Miklós Németh später bestätigte, das «Picknick» als Test, ob die Sowjetunion eine Bresche in der Westfront hinnehmen würde. «Der Bezirkskommandant wartete auf den Landeskommandanten, dieser auf den Innenminister, dieser auf den Ministerpräsidenten und der auf Gorbatschow», sagt Bella. Er habe gedacht: Wenn Gott will, dass ich jetzt hier bin, muss ich handeln wie jeder normale Mensch. So wies er seine Mannschaft an, stur nach Österreich zu blicken, während hinter ihnen 668 Ostdeutsche fliehen.

Janina Manthey führt heute in Berlin ein Geschäft mit Herrenmode.

Janina erreichte das Tor kurz nach 18 Uhr. «Ich sah 60 Meter vor mir die Letzten durchschlüpfen. Am ersten Posten kamen wir vorbei, dann rief jemand etwas auf Ungarisch. Am zweiten Posten rissen die Soldaten die Maschinenpistolen hoch, luden durch, und dann hatten wir sie vorm Bauch – drei Meter vor dem Zaun!», erzählt sie.

Reto wusste nichts davon, suchte seine Gruppe beidseits der Grenze und fand sie anderntags bei Sopron, erschöpft und verängstigt nach «Hasenjagd», Festnahme und Verhören. Nun zog die Gruppe nach Budapest ins Lager, das der Pfarrer der Kirche Zugliget mit dem Malteser-Hilfswerk aufgebaut hatte. Horrorgeschichten kursierten unter den 1000 Flüchtlingen, die Stasi vergifte das Wasser, entführe Kinder. Einmal stürmte Reto in ein Nachbarhaus und vertrieb Stasi-Leute, die vom Dach filmten. Ein andermal ging er dazwischen, als aufgebrachte Flüchtlinge einen Spitzel aufknüpfen wollten. Vor allem aber plante er die nächste Aktion. Massenflucht hiess jetzt die Strategie. Mit wenigen Vertrauten legte er den Plan fest: Zur Tarnung sollten kleine Gruppen in ihren Autos auf verschiedenen Wegen vorrücken, sich dann vereinen und die Grenze überrennen. «Damit die Flucht geheim blieb, wusste nur Hubert, der Anführer im ersten Auto, welchen Übergang wir nehmen», erzählt Reto. «Wir legten eine falsche Fährte, indem wir stets von Deutschkreuz sprachen.» Zudem organisierte Kaufmann ein Filmteam als Deckung, «denn wir glaubten, es werde nicht geschossen, wenn Kameras laufen».

Am 22. August brechen sie auf. Zur Überraschung aller fährt Anführer Hubert an Deutschkreuz vorbei, lanciert unterwegs die Route Sopronpuszta, prescht dann aber geradewegs durch Sopron nach Klingenbach. Alles hängt davon ab, das Schlussstück schneller zu schaffen, als die Grenzer reagieren können. Offizier Bella bestätigt rückblickend, dass die Finte funktionierte. Die Aufklärung habe Autokolonnen registriert, das Kommando habe Hunderte Soldaten bei Kópháza/Deutschkreuz konzentriert. Nach Klingenbach jedoch wurden keine geschickt. Zum Glück, sagt Bella, habe dort ein Offizier Dienst gehabt, der beim Picknick dabei war und den Zusammenprall zu vermeiden wusste. Reto notiert nach diesem Tag knapp: «Es läuft nach Plan – die Flucht gelingt: nach meiner Zählung 264 Leute!!!!!» Noch heute friert es ihn, wenn er die Bilder des Filmteams sieht. Und er erinnert sich, dass er bedauerte, dass nicht alle Autos vollbesetzt waren. «Es hätten noch mehr sein können», sagt er.

Am nächsten Morgen findet Reto Kaufmann seine fünf Flüchtlinge in der BRD-Botschaft in Wien. «Ein wahnsinniges Glücksgefühl», sagt er. Man bricht sofort auf, halb in Trance. In München klappt Tina zusammen und muss ins Spital. Am nächsten Tag trifft Reto mit Janina und Peter in Weissach ein. Der Kühlschrank ist leer, also geht er mit Peter zum Supermarkt. Da hatte dann Peter seinen Zusammenbruch. «Vor den Auslagen ist er auf den Boden gesunken und hat einfach geheult.»

Ungarn ist in Aufruhr nach der Massenflucht. Hunderte Menschen versuchen es jetzt, alle vergebens. Arbeitermilizen verletzen zwei Flüchtlinge, Soldaten feuern über Frauen und Kinder hinweg. «Mitten in Kópháza gaben sie 158 Warnschüsse ab», erinnert sich Bella. Und an einem Zaun wird in einem Handgemenge ein junger Vater erschossen. Die Stimmung ist zum Äussersten gespannt. Niemand weiss, ob sich der Riss im Eisernen Vorhang wieder schliesst. «Es ging ja nicht bloss um die Grenze Ungarn–Österreich, da standen sich zwei Imperien gegenüber», sagt Bella. Tatsächlich markieren die spontane Flucht beim Picknick und Retos organisierter Ausbruch den Wendepunkt: In den Tagen danach beginnt in der DDR der Volksaufstand, wenig später erlaubt Ungarn 57000 gestrandeten Ostdeutschen die Ausreise. Das ist der Anfang vom Ende der DDR, des Warschauer Pakts und der seit 40 Jahren geltenden Weltordnung des Kalten Kriegs.

IM TAUCHERANZUG IN DIE FREIHEIT
Reto Kaufmann konnte dies nicht ahnen und arbeitete weiter. Janinas Freundin Camilla Quednau hatte kein Ungarn-Visum bekommen. «Ich hatte es aber versprochen. Also planten wir auch noch ihre Flucht. Mein Meisterstück!», sagt er. Wenn sie es von der Tschechoslowakei nach Ungarn schafft, ist sie gerettet. Camilla kommt Ende September nach Bratislava. Reto und Harry fahren in ein Wäldchen und stecken sie in einen Neopren-Anzug. Etwa 100 km südöstlich lassen sie Camilla in Sichtweite der Wachtürme in die Donau. «Wir hatten die Strömung ermittelt. Sie schwamm zur Mitte und liess sich mitziehen. Weiter unten fischte Team 2 sie am ungarischen Ufer raus», erzählt Reto. «Alle bekamen es mit, Spaziergänger applaudierten, Fischer brachten Schnaps.» Er und Harry mussten danach schneller an der Grenze zu Österreich sein als der Alarm entlang der Befehlskette. «Wir rasten in 55 Minuten mit Vollgas nach Bratislava. Ich war nervös, weil der Miet-Opel nur 175 Stundenkilometer lief. Bei einer Geschwindigkeitskontrolle bestachen wir einen Polizisten mit D-Mark, an der Grenze einen Soldaten mit einer Stange Marlboro – und waren draussen.»

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Heute haben die fünf der Kerngruppe nur noch losen Kontakt. Die meisten wussten die Freiheit zu nutzen, aber nicht alle Lebenswege verliefen gerade, Beziehungen zerbrachen. Was empfinden die Beteiligten heute? «Reto war der Fels in der Brandung. Wir haben alle seine Stärke bewundert», sagt Janina. Sie fühle tiefe Dankbarkeit. «Wir sind Freunde fürs Leben, eine innere Verbundenheit, die uns keiner nehmen kann.» Dass sie an einem historischen Ereignis beteiligt war, habe sie erst realisiert, als 1994 ein Film über die Flucht erschien und die Gruppe mit den Helfern nach Ungarn eingeladen wurde.

Bei Offizier Bella ging es noch länger. Ein Disziplinarverfahren wurde zwar eingestellt. Aber er galt jahrelang als Verräter und wurde mit 51 zwangspensioniert. Zehn Jahre später ehrte ihn Ungarn mit einem Verdienstorden. Und erst zum 20. Jahrestag drückte ihm Bundeskanzlerin Angela Merkel die Hand und würdigte seine Tat.

Und Reto Kaufmann? Er habe damals enorme Reife gewonnen und den Glauben, dass nichts unerreichbar sei. Die Erlebnisse mit den Menschen und die Selbsterfahrung, wozu er in Ausnahmesituationen fähig ist, seien unendlich wertvoll. Jeder könne an seinem Ort etwas bewegen, ist er überzeugt. Aber man solle sich für das Nächstliegende aus persönlichen Beziehungen heraus engagieren.

Die Tragweite seiner Aktion habe er am 9. November 1989 erkannt, als die Berliner Mauer fiel. «Ja, auch ich habe ein Stück der Mauer eingerissen und die Wende ein Stück bewegt. Aber ich tat es bloss, um ein paar wertvolle Menschen zu befreien, und hatte keine andere Absicht oder Vorahnung. Ich musste einfach helfen.» Warum behielt er seine Geschichte 20 Jahre für sich? «Als es die DDR noch gab, musste ich schweigen, um Leute zu schützen und weitermachen zu können. Nachher interessierte es keinen mehr.» Dann fügt er an: «Natürlich bin ich stolz, dass ich das geschafft habe. Aber man kann auch innerlich stolz auf etwas sein, ohne öffentliche Ehrung.» Eine viel höhere Anerkennung seien für ihn die Freundschaften, die ihm geblieben sind.

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Autor:
  • Helmut Stalder
Bild:
  • Andreas Eggenberger
  •  und Library of Congress
15. Oktober 2009, Beobachter 21/2009