Vier Töne nur – D, Fis, A, H –, doch sie sorgen in Zuoz für rote Köpfe. Die vier Glocken der reformierten Kirche San Luzi läuten nämlich jeden Morgen bereits um fünf Uhr; früher bimmelts sonst nirgends in der Schweiz. Erst 18 Minuten später hält der erste Zug im Dorf. Bis in Zuoz die Volg- und die Coop-Filiale öffnen, dauerts noch drei Stunden, bei der Kantonalbank gar noch vier. Das Morgengeläut reisst so manchen Feriengast unsanft aus dem Schlaf. In aller Herrgottsfrühe darf er am eigenen Leib spüren, wann es einst für die Bewohner im Dorf Tagwacht hiess, als sie noch Bauern waren. Historischer Erlebnistourismus statt Ruhe und Erholung.

Längst haben sich selbst in Zuoz die letzten Bauern aus dem Dorfzentrum zurückgezogen. Ganze sechs Prozent der Bevölkerung arbeiten noch in der Land- oder Forstwirtschaft. Die übrig gebliebenen Bauern sind an den Ortsrand gezogen, nur noch knapp in Hörweite, doch das frühe Gebimmel erinnert weiter lautstark daran, wann ihre Vorgänger aufstehen mussten. Die Klänge, eine Koproduktion aus italienischen und schweizerischen Glocken, verewigte Radio DRS gar auf der CD «Glocken der Heimat». «Interessantes Geläut», lautet denn auch das Urteil des Kunsthistorikers und Glockenexperten Matthias Walter.

Erst mal testen, wie es nicht klingt

Mehr störend als interessant fanden allerdings einige Touristen das frühmorgendliche Gebimmel. Sie beklagten sich bei den Hoteliers. Diese gelangten an den Gemeinderat, denn der Kirchturm gehört der Einwohnergemeinde. Der Rat startete einen Pilotversuch: Erst um sechs oder sieben Uhr liess er läuten – oder überhaupt nicht. So erfuhr die Bevölkerung letzten Sommer quasi zur Probe, wie es sich anhören würde, wenn die Anträge an der Gemeindeversammlung von Ende Jahr Gehör fänden.

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Dort verlangten die Glockengegner, aus Rücksichtnahme auf die Gäste sollte auf das Geläut so früh am Morgen ganz verzichtet werden. Sie blieben mit 10 gegen 64 Stimmen chancenlos. In der Schlussabstimmung entschied sich eine Mehrheit von 46 Stimmberechtigten für fünf Uhr, 16 Verwegene stimmten für sechs, acht besonders Forsche für sieben Uhr.

Wer jetzt denkt, die Zuozer hätten fürs Weiterläuten um fünf Uhr gestimmt, weil sie auch heute noch so früh aufstehen, liegt nicht ganz richtig: Schlagendes Argument gegen ein späteres Läuten war, dass man sich um fünf problemlos wieder umdrehen und weiterschlafen könne. Dafür sei es um sechs oder sieben Uhr zu spät.

Wer Nachbarn hat, die in Zuoz Ferien planen, sei gewarnt: Touristen, die sich an den allmorgendlichen Spuk gewöhnt haben, schlafen danach zu Hause nie mehr so tief. Das sagen Einheimische. Abhilfe verspricht dann nur, den Radiowecker auf fünf Uhr zu stellen, die CD «Glocken der Heimat, Volume 4», Track 12, einzulegen und die Lautstärke voll aufzudrehen.

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