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Pflegekind: Amtswillkür im Überfluss

Seit Jahren kämpft eine fünffache Mutter aus dem Thurgau um die Würde ihrer behinderten Tochter. Doch die Vormundschaftsbehörde zeigt kein Herz.

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Mit der Rückkehr der geistig behinderten Tochter auf den elterlichen Bauernhof in Uhwilen, einem Weiler der politischen Gemeinde Homburg TG, kommt es in der neunseitigen handgeschriebenen Familienchronik von Rosmarie Staub, 42, zu einem Happy End: «Nach eineinhalb Jahren der Trennung und des Leidens an einem fremden Pflegeplatz kehrt Prisca am 19. Juli 2002 endlich nach Hause zurück. Ihr Beistand Andreas Sieber, Amtsvormund von Steckborn, bringt sie im Auto heim und übergibt mir ein Bündel Wäsche.»

Prisca darf künftig die Freitage und Ferien zu Hause bei den Eltern und den vier jüngeren Geschwistern verbringen. Die Woche über wohnt die 17-Jährige in der Bildungsstätte Sommeri für geistig behinderte Jugendliche und besucht dort die Haushaltungsschule. Ihr Beistand hält im Amtsbericht vom 5. Oktober 2002 fest, die neuen Verhältnisse fielen «zur Zufriedenheit aller aus», und die Familie biete Prisca «den notwendigen Rückhalt». Das zermürbende Seilziehen mit den Behörden um die «Rückführung» der Tochter scheint ausgestanden. «Sie hatten mir jeglichen Kontakt zu meiner Tochter verunmöglicht», sagt die Mutter von fünf Kindern. Und ergänzt: «Auch Prisca muss gelitten haben.»

Die demütigenden Strafaktionen der damaligen Pflegemutter möchte sie nicht mehr aufrollen, sondern Prisca das Vertrauen und die Sicherheit geben, «hier zu Hause nie klumpige, kalte Mehlsuppe oder gar das eigene Erbrochene essen zu müssen». Rosmarie Staub hat nur den einen Wunsch: von der Vormundschaftsbehörde der politischen Gemeinde Homburg endgültig in Ruhe gelassen zu werden.

Doch mit Priscas Volljährigkeit am 12. Juni 2003 geht der Streit in die nächste Runde. Die Homburger Vormundschaftsbehörde, eine Laieninstanz und gleichzeitig als Gemeinderat eingesetzt, weist den Antrag der Mutter, die elterliche Sorge für ihre Tochter weiterzuführen, ohne Begründung zurück. Stattdessen ernennt sie Andreas Sieber, Priscas bisherigen Beistand, zum neuen Vormund.

Von diesem Vorgehen zeigt sich Walter Noser, Beobachter-Experte für Sozialfragen und Koautor des Ratgeberbuchs «Vormundschaft – Hand in Hand mit den Behörden», befremdet: «Bei der Volljährigkeit einer geistig behinderten Person ist es üblich, dass Vormundschaftsbehörde und Eltern die Situation gemeinsam besprechen.» In der Regel werde das elterliche Sorgerecht fortgeführt. Mutter Staub hingegen ist von den Behörden nie konkret auf das Thema angesprochen worden. Einen Monat nach Priscas 18. Geburtstag sah sie sich mit dem schriftlichen Beschluss der Vormundschaftsbehörde konfrontiert.

Rosmarie Staub steht diesem Vorgehen erst einmal fassungslos gegenüber. Dann legt sie Beschwerde ein – gegen die Bevormundung ihrer Tochter generell und insbesondere gegen die Wahl von Andreas Sieber. «Das Vertrauensverhältnis ist zerstört», begründet sie ihren Schritt.

Seit seiner Wahl zum Beistand Anfang 2002 hatte sie Sieber immer wieder auf die fragwürdigen Erziehungsmethoden der allein stehenden Pflegemutter Annemarie Baumgartner sowie deren Mutter Emma Baumgartner aufmerksam gemacht und auf deren Hang zur religiösen Indoktrination hingewiesen. Dass der Pflegeplatz nie offiziell begutachtet wurde und der leiblichen Mutter auch kein entsprechender Vertrag vorlag, lässt erst recht Fragen offen. Im Nachhinein ist auch Sieber überzeugt, «es sei etwas schief gelaufen», doch seine Möglichkeiten einzugreifen seien beschränkt gewesen.

«Ich behaupte nicht, wir seien eine Musterfamilie», sagt Rosmarie Staub. Sie bestreitet auch nicht, dass sie im Herbst 2000 am Ende ihrer psychischen und physischen Kräfte war. Nach einem schweren Arbeitsunfall ihres Mannes 1997 versuchte sie verzweifelt, den Landwirtschaftsbetrieb allein über die Runden zu bringen und zugleich die fünf Kinder zu betreuen. Als bei ihrem mittlerweile invaliden Mann nach verschiedenen Operationen auch noch die fremde Niere versagte und er dreimal wöchentlich eine Dialyse benötigte, wuchs Rosmarie Staub die Arbeit über den Kopf. Während eines Klinikaufenthalts konnte sie sich wieder erholen.

Nach ihrer Rückkehr auf den Hof bat sie den Fürsorger der Gemeinde Homburg, Adrian von Siebenthal, um vorübergehende Unterstützung durch den regionalen Hauspflegedienst der Spitex. Der Fürsorger, als damaliger Gemeinderat gleichzeitig Mitglied der Vormundschaftsbehörde, veranlasste stattdessen die Fremdplatzierung der fünf Kinder bei der Spitex-Angestellten Annemarie Baumgartner im benachbarten Müllheim.

Wenige Wochen später lieferte die Betreuerin die vier jüngeren Kinder wieder auf dem Hof ab. Die geistig behinderte Tochter, so erklärte sie, habe sich geweigert mitzukommen. Weil Annemarie Baumgartner tagsüber ausser Haus arbeitete, brachte sie Prisca in der Wohnung ihrer allein stehenden Mutter Emma unter. Hier verbrachte die Jugendliche die nächsten eineinhalb Jahre. Dem Vorwurf, Rosmarie Staub habe ihre Tochter während dieser Zeit nicht mehr sehen dürfen, widerspricht Fürsorger von Siebenthal. Es habe «weder ein mündliches noch ein schriftliches Besuchsverbot» vorgelegen.

Für Priscas Pflege bezog Annemarie Baumgartner von der Fürsorgebehörde Homburg Vorschüsse von monatlich 966 Franken. Die Schlussrechnung bekamen die Eltern Staub im letzten Februar präsentiert: Die Gemeinde berechnete über zwei Jahre hinweg Leistungen in der Höhe von Fr. 56464.70 – «samt Zins zurückzuerstatten, so weit dies zumutbar ist», heisst es im Begleitbrief.

Sieber ignorierte vorerst alle Bedenken von Rosmarie Staub. Im Schreiben vom 5. Februar 2002 an die Vormundschaftsbehörde Homburg lobte er gar das «grosse Mass an Fürsorge und die liebevolle Zuwendung», die Prisca an ihrem Pflegeplatz erfahren dürfe. Erst Mitte 2003, also knapp eineinhalb Jahre später, fühlte er sich bemüssigt, die zuständige Behörde über mögliche erzieherische Übergriffe bei der Betreuung zu informieren, die nun abgeklärt und allenfalls strafrechtlich untersucht werden sollen.

Um von eigenen Versäumnissen abzulenken, unterstrich die Vormundschaftsbehörde, das Pflegeverhältnis aus eigener Initiative aufgelöst zu haben. Das bestreitet jedoch die Pflegemutter und betont, sie selber habe Sieber im April letzten Jahres telefonisch mitgeteilt, sie wolle Prisca nicht länger betreuen, zumal diese seit langem gewünscht habe, «zum Mami zu gehen». Die Vorwürfe, Prisca sei gezwungen worden, ihr Erbrochenes zu essen, weist sie zurück, bestätigt aber, dass weder die Vormundschaftsbehörde Homburg noch jene von Müllheim den Pflegeplatz je begutachtet hätten. Eine Bewilligung könne sie jedoch vorweisen. Ihre Mutter Emma will sich dazu nicht äussern, zumal die Verantwortung für Priscas Betreuung immer bei ihrer Tochter gelegen habe.

Hauptverantwortlicher für Rosmarie Staubs Leidensweg im Kampf um Recht und Würde ihrer behinderten Tochter ist Jakob Müller, Gemeindeammann von Homburg und gleichzeitig Präsident der Vormundschaftsbehörde. Für sein Nebenamt bei der Gemeinde wendet er ein Arbeitspensum von 20 Prozent auf. Hauptberuflich ist er als Berater und Dozent für Sozialarbeit tätig. Auf die Frage nach der Pflegeplatzbewilligung schiebt Müller die Verantwortung auf «andere Stellen» ab, versichert aber, dem Fall nachzugehen.

Ansonsten gibt sich der Gemeindeammann zugeknöpft: Er beruft sich auf das Amtsgeheimnis und verweist per E-Mail auf Rechtsanwalt Matthias Müller(-von Siebenthal) in Islikon, dessen Frau Monika mit dem Homburger Fürsorger Adrian von Siebenthal verwandt ist. Der Anwalt bearbeite «diesen Fall» und sei «deshalb auch beauftragt, für unsere Behörde zu sprechen». Matthias Müller wiederum war es «leider aufgrund des Anwaltsgeheimnisses nicht erlaubt, über Einzelheiten Auskunft zu erteilen». Es sei aber allen beteiligten Behördenvertretern letztlich immer «um das Wohl und die Entwicklungsmöglichkeiten von Prisca gegangen».

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Veröffentlicht am 05. August 2003