Was Huhn war und was Ei, lässt sich nicht mehr eruieren. Doch egal, wie es begann: Lara, 9, Jakob, 11, und die Eltern schreien sich täglich an. Es geht dabei keineswegs ständig um grössere Konflikte. Nein, es sind die kleinen Reibereien im Familienalltag, die nur noch mit lauter Stimme, rollenden Augen und Schimpfworten ausgehandelt werden. Und genau diese häufigen Keifereien wegen Kleinigkeiten nerven.

«Räumst du bitte den Tisch ab?» wird mit «Spinnst du eigentlich, ich war gestern dran, heute muss Lara!» gekontert. Darauf die entnervte Mutter – ebenfalls mit er­hobener Stimme: «Du Rotzlöffel, mach, dass du in die Küche kommst, sonst setzt es etwas!» Zu loben wäre hier allenfalls die anfängliche Aufforderung durch die Mutter. Sie hat ihren Sohn höflich um ­einen Dienst gebeten. Kein Wunder, ist sie ob der respektlosen Antwort erbost und reagiert deshalb vielleicht unfair. Doch in der Form der freundlichen Anweisung steckt unter Umständen der Kern der ­negativen Kommunikationsspirale.

Eine Frage der Haltung

Kinder reagieren grundsätzlich auf jene Signale, die sie von Bezugspersonen erhalten. Dabei nehmen sie die non-verbalen Zeichen rascher wahr als das gesprochene Wort. Das heisst, unsere Körpersprache sollte dem entsprechen, was wir aussenden wollen. Schaut die Mutter genervt oder abschätzig drein, wenn sie Jakob den Auftrag erteilt? Dann spiegelt er genau die Haltung der Mutter wider. Seine Reaktion ist provokativ. Grinst man, wenn man seinem Kind sagt, es solle gefälligst damit aufhören, die Schwester zu plagen, fühlt sich das Kind erst recht darin bestätigt und versteht die Botschaft: «Mach nur weiter, es ist ja lustig.»

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Armlänge und Augenblick

Wie wir eine Anweisung erteilen, ist grundlegend dafür, wie sie ausgeführt wird. Auch bei älteren Kindern gilt es, auf Armlänge hinzugehen – statt durch den Raum zu brüllen –, dem Kind in die Augen zu schauen und ihm kurz und klar zu sagen, was es zu tun hat. Sobald man aber den Auftrag in eine Frage packt («Würdest du, bitte…?»), hat das Kind die Möglichkeit, ebenso freundlich zu sagen: «Nein, danke.»

Eins nach dem andern

Kinder können nicht viele Botschaften gleichzeitig verarbeiten. Deshalb sollte man stets nur eine Anweisung aufs Mal erteilen. Wird sie ordentlich ausgeführt, darf der nächste Auftrag folgen. Eltern sollten sich auch dann in der Informationsmenge zurückhalten, wenn sie dem Kind etwas erklären. Vom Hundertsten ins Tausendste zu gehen bringt wenig. Das gilt ­besonders dann, wenn wir ein Kind tadeln und ihm erklären, warum es etwas falsch gemacht hat. Und: Zynische Bemerkungen werden auch von älteren Kindern nicht verstanden – lassen Sie sie bleiben.

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Lara, Jakob und die Eltern kommen aus der negativen Kommunikationsspirale erst wieder heraus, wenn sie zusammen beschliessen, eine Veränderung zu wollen. Jeder muss etwas dazu beisteuern, damit der Umgangston wieder freundlich wird. Die Familienregel «Wir sprechen ruhig und freundlich miteinander», von den Kindern auf ein Plakat aufgemalt, wird in der Wohnung so aufgehängt, dass die Eltern bloss hinzeigen müssen, wenn die Kinder zurückmaulen. Was tun, wenn sich einer nicht dran hält? Dann muss er ein Fenster putzen, das durch die «dicke Luft» schmutzig geworden ist. Logisch, oder?