Die Vergewaltigungsdroge GBL ist im Internet sehr einfach zu kaufen. Bild: iStock Photo

BetäubungsmittelK.-o.-Tropfen aus dem Webshop

K.-o.-Tropfen sind ein Putzmittel – und eine Vergewaltigungsdroge. Im Internet kann man sie ganz simpel bestellen.

von Sylke Gruhnwald

Die milchige Flasche mit kindersicherem Verschluss trifft exakt 20 Tage nach der Bestellung ein, in einem unauffälligen braunen Paket. Gekauft in einem Webshop in Ost­europa, so einfach wie eine Bluse oder eine Jeans. Die Flüssigkeit heisst ­Gammabutyrolacton, kurz GBL, landläufig bekannt als K.-o.-Tropfen. Sie sind farblos, riechen und schmecken leicht seifig, wie ein Putzmittel. Dafür wird die Substanz auch verwendet. Ebenso als Felgenreiniger oder Nagellackentferner.

GBL ist aber auch eine Droge. Eine billige. Ein halber Liter ist im Internet ab 68 Franken erhältlich, inklusive 23 Prozent Mehrwertsteuer, 100 Prozent legal. «Sie dürfen GBL als Reinigungsmittel in die Schweiz einführen. Wenn Sie es dann aber als Droge konsumieren, machen Sie sich strafbar», erklärt Marco Cortesi, Sprecher der Stadt­polizei Zürich. Seit 2002 ist GBL dem Betäubungsmittelgesetz unterstellt.

Es ist ein gefährlicher Rausch. Die ätzende Substanz lässt sich zwar ganz simpel mit Wasser konsumierbar machen. Aber ein Milliliter GBL zu viel kann Konsumenten in einen koma­tösen Zustand versetzen. Der Konsum kann ausserdem abhängig machen.

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Party, Bodybuilding, Vergewaltigung

Beim Drogeninformationszentrum in Zürich kann man Drogen zum kostenlosen Test abgeben. Leiter Christian Kobel bestätigt, dass es sich bei der vom Beobachter bestellten Flüssigkeit um GBL handelt. Die Menge von ­einem halben Liter überrascht ihn nicht: «Chemische Substanzen werden oft gar nicht in geringeren Mengen verkauft.» Die Flüssigkeit reicht für ein ganzes Leben. Die Stadtpolizei Zürich geht davon aus, dass wenige Konsumenten für einen grossen Anteil des GBL-Konsums verantwortlich sind.

In niedrigen Dosen wirkt GBL entspannend und euphorisierend. Konsumenten berichten, dass sich Ängste lösen, sie seien kontaktfreudiger, die Libido werde gesteigert. GBL erlebte deshalb um die Jahrtausendwende ein Hoch als Partydroge. Bodybuilder schlucken es zudem für Leistungs­steigerung und Muskelaufbau.

Doch GBL wird nicht nur freiwillig konsumiert. Es wird als Vergewaltigungsdroge benutzt. Die Zahl der Opfer ist allerdings unbekannt, konkrete Zahlen fehlen. Die Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht klassifiziert Alkohol, Benzodiazepine und GBL als die drei ­Drogen, die Opfern von Sexualdelikten verabreicht werden. Die Weltgesundheitsorganisation WHO stellt 2014 fest: «Die Probleme im Zusammenhang mit Missbrauch (...) von GBL sind speku­lativ.» Fallzahlen zum Konsum und Missbrauch von GBL gebe es nicht.


«Das Perfide ist, dass GBL kaum nach­weisbar ist. 24 Stunden später sowieso nicht.»

Markus Baumgartner, Toxikologe

Für Bettina Steinbach ist aber klar: «Daten verändern die Welt in keiner Weise.» Die Psychologin bei der Frauenberatung sexuelle Gewalt in Zürich berät rund fünf Frauen pro Jahr, die den Verdacht äussern, sie seien mit K.-o.-Tropfen betäubt und sexuell missbraucht worden.

Die Geschichten ähneln sich: Im Ausgang wird Alkohol getrunken, vielleicht ein, zwei Drinks, man lernt sich kennen, sucht sich einen ruhigeren Ort. Am nächsten Morgen stellt das Opfer Spuren von sexualisierter Gewalt fest, vielleicht fehlt das Portemonnaie, es gibt keine Erinnerungen an die Nacht. Die Opfer wissen nicht, wen sie anzeigen sollen. Auch nicht, weswegen – Gewalt, Diebstahl oder Raub?

Diese Unklarheiten und die Scham halten viele Frauen davon ab, zur Polizei oder zum Arzt zu gehen. Doch auch Männer sind betroffen. «Erfahrungsgemäss tun sie sich noch schwerer als Frauen, die Rolle des Opfers zu akzeptieren», erklärt Fedor Bottler, Psychologe bei der Opferberatung Zürich. Tatsächlich liess sich bisher in keinem Fall der Verdacht erhärten, GBL sei missbräuchlich verabreicht worden.

Bei Unwohlsein Hilfe holen

Das Bundesamt für Gesundheit will bisher keine nationale Auf­klärungskampagne. Es setzt auf kantonale und kommunale Präventionsangebote. Sie vermitteln vor allem Verhaltensregeln: Partygänger sollten ihre Getränke nie unbeaufsichtigt lassen und im ­Falle von Unwohlsein sofort Hilfe holen. Wenn der Verdacht auf GBL-Missbrauch besteht, müsse man sich sofort in ärztliche Behandlung begeben, weil ein allfälliger Nachweis sehr schnell erfolgen müsse.


«Ich vermute eine hohe Dunkelziffer von Opfern, die mit GBL betäubt wurden.»

Bettina Steinbach, Psychologin

Markus Baumgartner untersucht regelmässig Haar-, Blut- und Urinproben auf GBL. Der Toxiko­loge am Institut für Rechtsmedizin der Universität Zürich sagt: «Das Perfide ist, dass GBL kaum nachweisbar ist.» Es werde in den körpereigenen Stoff Gammahydroxybuttersäure, kurz GHB, umgewandelt. «Wir finden GHB immer im Haar, im Blut und im Urin.»

Erst wenn GHB über dem normalen Wert festgestellt wird, kann das ein Hinweis auf Fremdzufuhr sein. Spätestens nach 24 Stunden wandle der Körper GHB aber vollständig in Kohlendioxid und Wasser um. Ein kurzes Zeitfenster. Das erschwert Ermittlungsarbeiten.

Hersteller sperren sich

Die chemische Industrie könnte GBL ungeniessbar machen, indem sie es vergällt. Frostschutzmittel oder Brennsprit enthalten heute Vergällungsmittel. Doch die Industrie mauert und setzt lieber auf Freiwilligkeit. Etwa der deutsche Produzent BASF. Eine Firmen­sprecherin: «BASF nimmt die Verantwortung wahr, indem sie auf lückenlose Kontrolle der GBL-Lieferkette setzt. Ziel ist, dass GBL ausschliesslich industriell genutzt und Missbrauch nachhaltig verhindert wird.» Die Politik in Deutschland lässt den Konzern gewähren.

Der Beobachter-Test zeigt: GBL ist in Europa preiswert und einfach zu kaufen – viel einfacher als andere illegale Drogen. Das erleichtert den Konsum und den Missbrauch. Dieses Fazit zieht auch die Euro­päische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht.

Psychologin Bettina Steinbach nennt das eine Katastrophe. Sie vermutet eine hohe Dunkelziffer bei den Opfern von sexualisierter Gewalt, die mit GBL betäubt wurden. An eine «urban legend», eine Grossstadtlegende, glaubt sie längst nicht mehr.

Sind Sie Opfer oder kennen Sie ein Opfer und möchten helfen?

Sie können sich an folgende Organisationen wenden:

Frauenberatung sexuelle Gewalt
Langstrasse 14
8004 Zürich
Telefon: 044 291 46 46
www.frauenberatung.ch

Opferberatung Zürich
Gartenhofstrasse 17
8004 Zürich
Telefon: 044 299 40 50
www.obzh.ch

Kostenloser Drogentest:
Drogeninformationszentrum
Konradstrasse 1
8005 Zürich
Telefon: 079 431 70 04
www.saferparty.ch

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Veröffentlicht am April 19, 2017