Bild: Thinkstock Kollektion

Porträt eines Kokain-AbhängigenDie Party ist vorbei

Auf Kokain hat Thomas jahrelang ausschweifend gefeiert. Heute ist er verschuldet – und die Droge bestimmt sein Leben noch immer.

von Gian Signorell

Ein Mietshaus in einer Schweizer Stadt. Blank gescheuerte Treppenhaus-Fliesen, sauber gebündeltes Altpapier vor einer Wohnungstür. Alle paar Tage klingelt hier der Dealer. Er bringt das Kokain. Ein Gramm, zwei Gramm, je nachdem. «Hauslieferdienst ist üblich. Ich würde nie bei Fremden kaufen. Erst recht nicht bei Strassenhändlern. Was die verkaufen, ist der reinste Dreck», sagt Thomas (Name geändert).

Es ist späterer Abend, der Arbeitstag war lang. Mühsam sei es gewesen. «Das ist die Zeit vor Weihnachten, die Leute drehen komplett durch», sagt Thomas. Er arbeitet im Gesundheitswesen und konsumiert seit zehn Jahren Kokain. Ein Kokser, der anderen beistehen muss, wie geht das zusammen? Thomas schmunzelt. «Sagen wir es so: Ich habe ein Leben A und ein Leben B. Ich achte extrem genau darauf, dass sich die beiden Leben nicht in die Quere kommen.» Leben A ist sein Berufs­leben, da muss er funktionieren und Verantwortung übernehmen. In Leben B will er ausflippen, «dumm tun», wie er sagt.

Wenn er so am Küchentisch sitzt, mit seinen wuchtigen Schultern, die Ellbogen aufgestützt, scheint er die Ruhe selbst. Nur die eine Handbewegung passt nicht dazu, unvermittelt, alle paar Sätze, ein schneller Griff an die Nase, als müsste er eine Fliege verscheuchen.

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«Bloss kein Spiesser sein»

«Zum ersten Mal konsumierte ich Kokain in New York. Das war vor 15 Jahren.» Er sei mit einem Kumpel auf grosser USA-Reise gewesen. «Vielleicht war es schlechte Ware. Die Wirkung war jedenfalls nicht anders, als wenn ich fünf Espressi getrunken ­hätte.» Richtig los ging es nach der Jahrtausendwende, als das Kokain erschwinglich und Bestandteil der Partyszene wurde. Thomas tanzt in den angesagten Klubs die Nächte durch, probiert alle möglichen Pillen, synthetische Drogen, und immer wieder Kokain. Wenn er einen Absturz plant, dann nur, wenn er am nächsten Tag nicht arbeiten muss. Besser noch, in den nächsten zwei Tagen. Leben A und Leben B dürfen nicht vermischt werden.

«Anders sein als die anderen, bloss kein Spiesser sein. Das war mir stets sehr wichtig», sagt Thomas. In seiner Jugend spielt er American Football statt Fussball wie die Mehrheit. Er hört Grunge und andere ­Independent-Musik und lässt sich einen Irokesenschnitt frisieren. Nach Beginn seiner Kokainkarriere setzt er im Leben B um, was ihn von der Masse abheben soll.

«Alle haben es mit allen getrieben»

Etwa in jener Nacht, als Leben A so weit weg erscheint wie kaum je zuvor. «Ich hatte rund ein Dutzend Leute zu mir eingeladen. Pärchen, Singles, Männer und Frauen», sagt Thomas. Im Kamin prasselte das ­Feuer. Jeder hatte ein Gramm mitgebracht oder zwei. Das Ko­kain sei als Häufchen auf einer Silberplatte herumgereicht worden. «Nicht ganz so wie im Film ‹Scarface›. Aber fast», sagt Thomas. Die Leute hätten begonnen, sich auszuziehen, am Schluss ­seien alle nackt gewesen, alle hätten es mit allen getrieben, bis zum Morgen.

Einmal schrammt er haarscharf an ­einer Verurteilung vorbei. Bei einer Razzia im Klub müssen die Gäste vor die Tür. ­Seine Begleiterin versucht, ihr Kokain ­loszuwerden. Ein Passant sieht dies und macht die Polizei darauf aufmerksam: «Sie! Die hat etwas fallen gelassen!» Jetzt wirds eng. Thomas hat fast zwei Gramm bei sich, das reicht für eine satte Strafe. Vor allem aber würde eine Verurteilung wohl das berufliche Aus bedeuten. Fieberhaft denkt er nach, geht in die Offensive, streckt dem Polizisten ein Säckchen Marihuana entgegen, dessen Konsum viel milder bestraft wird. Der Polizist lässt sich täuschen, verzichtet auf eine Durchsuchung.

«Kokain gibt dir das Gefühl, du hättest 150 Prozent deiner Fähigkeiten. Das Selbstwertgefühl ist enorm, die Gedanken sind glasklar», sagt Thomas. Doch er weiss auch: «Der Kokainkonsum macht mich zu einem idealen Kandidaten für einen Herzinfarkt.» Ob ihn das stört? Da ist wieder der schnelle Griff zur Nase. Thomas sagt gedehnt: «Ja und nein.» Pures Kokain sei nicht das Gesündeste, doch schlimmer sei der ganze Dreck, den sie beimischen würden. «Der lagert sich in den Blutgefässen ab. Irgendeinmal macht dann die Pumpe schlapp. Aber da bin ich Fatalist.»

Der kolumbianische Hauslieferdienst

Lange Jahre versorgte ihn Mama Sun mit Kokain. Die Erinnerung bringt Thomas kurz ins Schwärmen. Das sei ein absoluter Glücksfall gewesen. Normalerweise kämen gewöhnliche Konsumenten wie er gar nicht an Händler he­ran, die so hoch in der Verteilstruktur angesiedelt seien. «Wenn das Zahnfleisch innert fünf Sekunden taub wird, dann weisst du, es ist guter Stoff. Die Wirkung setzt schleichend ein, kommt von hinten, überschwemmt dich über die Schultern.» Sei die Qualität schlecht, fühle man sich wie ein Kaninchen, dem ständig ein Rüebli vor die Nase gehalten werde.

«Mama Suns Kokain war immer gut», sagt Thomas. Eine halbe Stunde nach Bestellung per Handy habe sie mit dem Stoff an der Tür geklingelt. Jederzeit, auch nachts und sonntags. Doch eines Tages blieb ihr Handy stumm. Auch die Nachrichten auf der Combox blieben unbeantwortet. Thomas kannte ihren Wohnort und fuhr hin. Als er die aufgebrochene Tür und das Polizeisiegel gesehen habe, habe er gewusst, dass er sich einen neuen Dealer suchen müsse.

Mit den Jahren seien die Linien immer dicker geworden. Noch bis vor zwei Jahren konsumierte er bis zu 2,5 Gramm pro Nacht. Mehrere tausend Franken gingen monatlich für das Kokain drauf, die Sucht wurde zum finanziellen Problem. Betreibungen häuften sich, es drohten Pfändungen. «Jetzt war ich der­jenige, der seine Freunde um Geld bitten musste», sagt er. Dabei sei es doch früher umgekehrt gewesen. Da seien sie zu ihm gekommen, wollten 100 oder 200 Franken. Thomas konnte immer helfen, er hatte seine Finanzen im Griff. Und wenn mal einer nicht zurückzahlte, war Thomas ihm nicht böse: «Ich bin ein grosszügiger Mensch.»

Je mehr er konsumierte, desto mehr zog er sich zurück. Rief ein Freund an, sagte er ab. Am Nachtleben hatte er die Lust verloren, brauchte keine Gesellschaft mehr, nur noch das Kokain. Er verbrachte ewig scheinende Nächte im fahlen Licht des Computerbildschirms, surfte auf Game- und Sexseiten, spielte, konsumierte Pornos, stundenlang. «Man fingert an sich rum, doch zu ­einer Erektion ist man nicht mehr ­fähig.» Das sei einer der grossen Mythen über das Kokain. Sex sei mit Kokain nur die ersten Male besser. Regelmässiger Konsum führe zu Impotenz.

«Ich möchte auch nein sagen können»

Vor einem Jahr erlebte Thomas den Tiefpunkt seiner Drogenkarriere: Eigentlich ist er mit seiner Freundin verabredet, doch am Mittag ist er noch so zugedröhnt, dass er sich nicht aus dem Haus traut. «Ich rief meine Freundin an, erklärte die Situa­tion, bekam einen Weinkrampf.» Er habe sich unendlich dafür geschämt, nicht mal mehr eine Verabredung mit seiner Freundin ­einhalten zu können. An diesem Tag entschloss er sich zur Therapie. Ursprünglich sei Abstinenz das Ziel gewesen. Mittlerweile findet er das illusorisch. «Kontrollierter Konsum wäre schon gut. Ich möchte auch einmal nein sagen können», sagt er. Doch das ist schwierig, wenn die nächste Linie bloss einen Anruf entfernt ist.

Heute hat Thomas Schulden, sein Betreibungsregister weist mehrere Einträge auf. «Ich könnte dealen, um mich zu ­sanieren. Aber das will ich nicht», sagt er. Manchmal überlege er sich, wo er wohl stehen würde ohne Drogen. Das stimme ihn nachdenklich. Er sei kein Dummkopf. «Die Drogen, das Kokain», sagt er, «haben mich wohl daran gehindert, mein Poten­tial auszuschöpfen.»

Veröffentlicht am August 16, 2015