BaupfuschNur Käfer und Mäuse leben gesund im Stroh

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Das erste Strohballenhaus der Schweiz wurde gross gefeiert – der Architekt erhielt Lob für gesundes Wohnen. Doch heute zeigt sich: Es ist ein Musterbau für Fehlplanungen und Pfusch. Nur das Ungeziefer fühlt sich hier zu Hause.

von Jürg Zulliger

Reismehlkäfer überall: Sie krabbeln aus allen Ritzen, sie tummeln sich scharenweise an den Wänden und auf den Böden, sie kriechen in die Badewanne und in die Betten. Bevor Anina Lang (Namen des Ehepaares geändert) ihre Kinder schlafen legt, läuft immer das gleiche Ritual ab: Pyjamas und Bettzeug müssen ausgeschüttelt werden.

Im Kampf gegen die ungebetenen Hausbewohner rückte eine Spezialfirma mit Chemie an und ging dem Biohaus mit Pestiziden zu Leibe. Die Folge: Von den baubiologischen Wänden und Decken rieseln jetzt vergiftete, tote Käfer. Anina Lang: «In der Küche können wir nichts offen stehen lassen, sonst fallen die Tiere hinein.» Aber es kommt noch schlimmer: Inzwischen teilt die Familie das Haus nicht nur mit Millionen von Käfern, sondern mit einer Unzahl von Mäusen.

Nichts funktioniert
Der Alptraum von Anina und Lukas Lang fing mit einem Traum an – dem Traum vom eigenen Haus. Die beiden beauftragten den Zofinger Baubiologen und Architekten Ruedi Kunz mit dem Neubau. «Ökologische Grundsätze und ein geringer Energieverbrauch überzeugten uns», sagt Anina Lang. Kunz habe den Eindruck gemacht, als ob er von allem etwas verstehe: von Baubiologie, Feng-Shui, Wasseradern und gesunder Ernährung.

Der Architekt entwarf etwas Einzigartiges: ein Strohballenhaus. Die Wände wurden nicht aus Mauerwerk erstellt, sondern aus stark gepressten Strohballen. Auch beim Isoliermaterial ging Kunz neue Wege. Er verwendete unbehandelte Dinkelspreu. Was die Auftraggeber nicht wussten: Die Methode widerspricht sämtlichen Regeln der Baukunst, denn unbehandelte Dämmstoffe ziehen Schädlinge geradezu an. Bauexperten kamen zum Schluss, dass das unbehandelte Isoliermaterial an der Käferinvasion schuld sei.

Doch auch in anderen Belangen baute der Architekt Mist: Er sah ein Tonnendach vor, das laut Auflage der Gemeindebehörde begrünt werden muss. Ruedi Kunz legte das Dach aber derart steil an, dass eine Bepflanzung unmöglich ist. Dafür kams zu teuren Nachbesserungen, weil das Regenwasser unkontrolliert vom Vordach floss. «Der Verputz hat stark gelitten», sagt Lukas Lang. Spezialisten befürchten sogar, dass die Strohballen durch die Feuchtigkeit längerfristig Schaden nehmen.

Scherereien auch mit den Fenstern, weil dauernd Regenwasser eindringt. Selbst der vom Architekten im Erdgeschoss eingebaute Boden aus verleimten Kirschsteinen erweist sich als unbrauchbar, denn die Unterlage bröselt auseinander. Zudem bilden sich scharfkantige Bruchstellen – eine Gefahr für die spielenden Kinder. Nicht einmal die Heizung funktioniert richtig – die Heizleistung des Holzofens reicht nicht aus, um sämtliche Wohnräume zu beheizen. «Wenn draussen die Temperatur unter null Grad sinkt, erreichen wir in einigen Zimmern gerade einmal vierzehn Grad», ärgert sich Lukas Lang.

Inzwischen steht der Familie das Wasser bis zum Hals: Rund 750'000 Franken hätte das Eigenheim samt Landkauf kosten sollen. Beunruhigt von den ersten Kostenüberschreitungen, gab das Ehepaar später eine Million als absolute Obergrenze an. «Total sind jetzt aber Kosten von etwa 1,3 Millionen Franken aufgelaufen», schimpft Lukas Lang. Er habe sich niemals vorstellen können, dass man derart übers Ohr gehauen werden könne.

Besonders verbittert sind die Bauherren, dass es Kunz gar nicht darum gegangen sei, das Haus nach ihren Wünschen zu konzipieren. Lang: «Er wollte nur sich selbst verwirklichen und der Erste sein, der in der Schweiz ein Strohballenhaus baut.» Baubiologe Kunz veranstaltete denn auch zahllose Führungen. Hunderte von Neugierigen pilgerten zum Strohballenhaus. Und auch die Presse machte begeistert mit: In überschwänglichen Artikeln feierte sie das gesunde Wohnen im Strohballenhaus als «Europapremiere».

Nachdem sich Kunz im Licht der Publizität gesonnt hatte, wurde es plötzlich ruhig um ihn. Er organisierte zwar noch einen Ersatz für den verpfuschten Kirschsteinboden – lose verlegte Tonplatten. Als die Auftraggeber auch mit dieser Arbeit nicht einverstanden waren, wollte er von seinem Bioprojekt nichts mehr wissen.

«Es war ja nur ein Experiment»
Obwohl die Familie nach so viel Pfusch Rechtsanwälte einschaltete, konnte sie keine Schadenersatzforderungen durchsetzen. Inzwischen hat Ruedi Kunz Konkurs angemeldet – was es doppelt so schwierig macht, ihn zur Rechenschaft zu ziehen. Er rechtfertigt sich heute mit dem Argument, dass die Bauherrschaft gewusst habe, dass es sich um ein «Experiment» handle: «Ich bin kein Architekt, der normale Häuser baut. Ich bewege mich im experimentellen Bauen, und das war allen klar.»

Für die Käferplage hat der gescheiterte Architekt seine eigene Erklärung auf Lager: «Die Schädlinge kommen mit grosser Wahrscheinlichkeit aus der Mühle, mit der die Familie in der Küche das Korn mahlt.» Auch für die Kostenüberschreitungen seien die Bauherren verantwortlich, weil sie nicht genügend Eigenleistungen erbracht hätten. Kunz geht noch weiter: Das Haus habe ihn ruiniert. Die Familie Lang sei mitverantwortlich. Er wünsche sich nur eins: dass sein Alptraum endlich vorbei sei. Das hofft auch Anina Lang, doch sie befürchtet das Schlimmste: «Das Haus wird uns keine Ruhe mehr lassen.»

Veröffentlicht am 2001 M11 05