Jahrzehntelang verdrängte die 82-jährige Klara Zelg*, was sie in ihrer Kindheit im Kinderheim Paradies der Heilsarmee in Mettmenstetten ZH durchgemacht hatte. Als der Beobachter diesen Frühling über Gewalt, Demütigungen und Missbrauch in Kinderheimen berichtete, holte die Vergangenheit sie ein.

«Die Heilsarmee ist bereit, sich bei betroffenen Personen zu entschuldigen», kündigte Sprecher Martin Künzi damals an. In der Folge schrieb die Frau der Heilsarmee in einem Brief, wie sie als Kind im «Paradies» geschlagen wurde, wie ihr der Haferbrei auf brutale Art als Erbrochenes in den Mund gestopft wurde, wie sie Abend für Abend Knabensocken flicken musste, bis die Finger bluteten. Oder wie Bettnässer leiden mussten und die Heimleiterin ihr eintrichterte: «Wenn du in der Schule etwas über das ‹Paradies› erzählst, dann wirst du von deinen Geschwistern getrennt und kommst in eine Erziehungsanstalt.»

Klara Zelg erhoffte sich, dass sich die Heilsarmee bei ihr entschuldigen würde. Doch die Frie­denstruppe Gottes liess die 82-Jährige warten. Die betagte Frau schrieb ein zweites Mal, wieder keine Antwort. Auch nach drei Monaten herrschte Funkstille.

«Gewisse Pendenzen»

Erst als sich der Beobachter einschaltete, fand Heilsarmee-Sprecher Künzi Zeit, sich um den Fall zu kümmern. Jahresabschluss, Ferienabwesenhei­ten und die Flutkatastrophe von Pakistan hätten dazu geführt, «gewisse Pendenzen etwas hinauszuschieben».

Gegenüber dem Beobachter hält die Heilsarmee nun fest, man sehe keinen Grund, die eigene Geschichte aufzuarbeiten. Denn es habe auch eine «sehr positive» Rückmeldung über das «Paradies» gegeben. Zum Fall der 82-jährigen Frau sagt Künzi lediglich: «Die Heils­armee bedauert das Unrecht sehr, das sie in ihrer Kindheit erlitten hat.»

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Nachtrag: Aufarbeitung und Entschuldigung

Doch die Geschichte wurde aufbereitet: Ein interner Bericht stellte fest, es habe von 1960 bis 1980 nur drei Fälle gegeben, die auf «nicht korrektes Verhalten» hinweisen würden. Dem Beobachter aber sind über ein Dutzend Personen bekannt, die über Missstände im «Paradies» klagen.

Klara Zelg, die jahrzehntelang nicht über ihre Erlebnisse gesprochen hatte, liess nicht locker, schrieb der Heilsarmee Brief um Brief. Zuletzt mit der Forderung, man möge ihr wenigstens den nie ausgezahlten Lohn überweisen. «Es geht mir um die Würde der Kinder, die im ‹Paradies› geschlagen, im Keller eingesperrt wurden oder aufs Essen verzichten mussten», sagt Zelg. «Und um die Glaubwürdigkeit der Betroffenen. Denn ihre Aussagen werden bis heute angezweifelt.»

Bei der Heilsarmee ging nun plötzlich alles ganz schnell. Die Angelegenheit wurde diesen Sommer zur Chefsache erklärt, eine externe Anlaufstelle wurde eingerichtet und die Forderung der betagten Frau umgehend erfüllt. Ihren Lohn will Klara Zelg einer Kapelle in Gondo VS spenden.

Februar 2014: Heimkind erhält 5000 Franken

Die Heilsarmee entschädigt ein ehemaliges Heimkind mit 5000 Franken und entschuldigt sich für das «zugefügte Unrecht in einer Institution der Heilsarmee». Die heute 70-Jährige kam 1948 mit vier Jahren ins Kinderheim Paradies in Mettmenstetten ZH, wo sie jahrelang geschlagen und systematisch gedemütigt wurde.

Auch Bundesbern bewegt sich. Der runde Tisch für die zahlreichen Opfer fürsorgerischer Zwangs­massnahmen hat beschlossen, ab Sommer sieben bis acht Millionen Franken an Betroffene in finanzieller Not auszahlen zu lassen. Die Guido-Fluri-Stiftung, die sich für Wiedergutmachungen starkmacht, begrüsst den Schritt. Er sei aber nur eine Über­brückungslösung – darum arbeite sie weiter an einer Volksinitiative, die eine Entschädigung aller Opfer fordert.

Markus Föhn, 17. Februar 2014

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Externe Anlaufstelle für Betroffene in Einrichtungen der Heilsarmee: c/o Nico Vital, Seestrasse 31, 2572 Mörigen, Telefon 079 543 28 69; E-Mail: anlaufstelle@gmx.ch

* Name geändert