1. Home
  2. Administrativ Versorgte
  3. Privater ermöglicht Heim-Aufarbeitung

KinderheimePrivater ermöglicht Heim-Aufarbeitung

Er wird die Gewalt in Schweizer Kinderheimen unter die Lupe nehmen: Thomas Huonker Bild: Stephan Rappo

Die düstere Geschichte der Schweizer Kinderheime dokumentieren: Weil die offizielle Schweiz noch immer davor zurückschreckt, macht sich jetzt die private Stiftung von Guido Fluri daran.

von Otto Hostettler

Viele von ihnen sind über 50, einige weit über 80. Doch damals, da waren sie Kinder. Etwa Karin Bürgisser: Anfang der siebziger Jahre war sie im Töchterinstitut auf der Steig in Schaffhausen von einer jähzornigen Erzieherin fast ertränkt worden. Oder Eveline Kuster*, die in den sechziger Jahren im Waisenhaus Winterthur tagsüber vom Waisenvater windelweich geprügelt und nachts während Jahren sexuell missbraucht wurde – das erste Mal im Alter von neun Jahren.

Wie Tausende andere Kinder kamen sie ins Heim, weil sie entweder unehelich zur Welt gekommen waren oder das Leben ihrer Eltern nicht der damaligen Norm entsprach. Manchmal reichte es, wenn eine Vormundschaftsbehörde befand, ein Kind sei «schwer erziehbar».

Bis heute hat die offizielle Schweiz wenig getan, um die unrühmliche Geschichte der Kinderheime aufzuarbeiten (siehe unten). Aktiv wird jetzt ein Privater. Der 44-jährige Guido Fluri, der sich mit seiner nach ihm benannten Stiftung unter anderem gegen Gewalt an Kindern engagiert, startet ein umfangreiches Projekt zur Aufarbeitung der Geschichte sämtlicher Kinderheime der Schweiz.

«Beitrag zur Bekämpfung solcher Gewalt»

Während der nächsten drei Jahre wird der Zürcher Historiker Thomas Huonker diese Geschichte systematisch durchforsten und Fälle von Gewalt und Missbrauch dokumentieren. Huonker ist ein Spezialist. Er publizierte in den vergangenen Jahren verschiedentlich über die Problematik der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen wie Kindswegnahmen und Anstaltseinweisungen. «Dass das geschehene Unrecht dokumentiert und öffentlich wahrgenommen wird, ist ein wichtiger Beitrag zur Bekämpfung solcher Gewalt gegen Kinder in der Zukunft», sagt Huonker. Das Projekt will Betroffenen auch die Möglichkeit geben, von ihren Erfahrungen zu berichten und sich mit anderen Betroffenen auszutauschen.

Fluri war als Kind selbst ein Opfer

Die Aufarbeitung mit einem Budget von 300'000 Franken werde ausschliesslich durch seine Stiftung finanziert, sagt Guido Fluri. Er will zum Thema Gewalt gegen Kinder längerfristig weitere Projekte finanzieren und dafür einen Teil seines privaten Vermögens einsetzen. Die Guido-Fluri-Stiftung sowie Fluris Immobilien- und Beteiligungsgesellschaften verfügen über stille Reserven in dreistelliger Millionenhöhe.

«Das unbeschreibliche Leid all dieser Kinder, die während Jahren in Heimen Demütigungen, Gewalt und Missbrauch erleben mussten, hat mich zur Lancierung dieses Projekts bewogen», sagt Fluri. Er ist überzeugt: «Um sich der Problematik von Gewalt an Kindern bewusst zu werden, müssen wir die Geschichte der Kinderheime in der Schweiz unbedingt aufarbeiten.»

Fluris Engagement kommt nicht von ungefähr: Er wurde als uneheliches Kind geboren, seinen Vater kennt er bis heute nicht. Als Kleinkind wurde er von einem Ort zum anderen geschoben und lebte auch kurz im Kinderheim Mümliswil SO. «In dieser Zeit machte ich teils schreckliche Erfahrungen. Ich hatte Panikattacken, die im Lauf des Lebens immer stärker wurden.» Erst 30 Jahre später sei es ihm möglich gewesen, im Rahmen einer langwierigen Therapie darüber zu sprechen.

Kehrtwende der Heilsarmee

Die Heilsarmee will alte Vorfälle in ­ihrem Kinderheim Paradies in Mettmenstetten ZH nun doch «von unabhängiger Stelle» aufarbeiten lassen, erklärt Direk­tionsmitglied Martin Künzi. Zu ­Beginn hatte das die Heilsarmee noch abgelehnt. Sie foutierte sich während Monaten um die 82-jährige Klara Zelg*, die dem Hilfswerk von schrecklichen Er­leb­nis­sen in den Vierzigern berichtete.

Unklar ist weiterhin, inwiefern sich die Ingenbohler Schwestern ihrer Geschich­te stellen. Sie führten unter anderem die berüchtigte Anstalt Rathausen oder das Kinderheim Mariahilf in Laufen ­(da­mals BE). Im Mai wurde eine Arbeits­gruppe ­angekündigt; bis heute ist noch nicht mal klar, wer diese leiten soll.

Einzig der Kanton Luzern ist derzeit daran, frü­here Übergriffe in Heimen systematisch zu dokumentieren. Der Kanton Bern wollte zwar die Geschichte der Heim- und Verdingkinder auf­arbeiten, entstanden ist nun aber ein Bericht über die Praxis der Fremdplatzierung in Lützelflüh und Sumiswald.

Anlaufstelle

Anlaufstelle für Betroffene, die zum Projekt «Historische Aufarbeitung Kinderheime der Schweiz» bei­tragen können: www.kinderheime-schweiz.ch; E-Mail: info@kinderheime-schweiz.ch; Telefon 078 658 04 31

*Namen geändert

Veröffentlicht am 2010 M11 23