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IVInvalide im Niemandsland

Zu krank zum Arbeiten – zu gesund für eine IV-Rente: Gabriele Eisenegger Bild: Martin Guggisberg

Die IV drängt Kranke zurück in die Arbeitswelt. Doch immer weniger Firmen wollen eingeschränkt leistungsfähige Mitarbeiter. Erst recht nicht in Krisenzeiten.

von Markus Föhn

Das Sozialnetz, heisst es, sei so eng geknüpft, dass niemand hindurchfallen könne. Gabriele Eisenegger ist trotzdem durchgefallen. Und zwischen Stuhl und Bank gelandet: Die bald 50-Jährige ist zu gesund für eine IV-Rente – und zu wenig qualifiziert für einen neuen Job.

Gabriele Eisenegger ist 14 Jahre alt, als bei ihr eine schwere Skoliose festgestellt wird, eine S-förmige Verbiegung der Wirbelsäule. Man zwängt sie zur Therapie in ein Gipskorsett, immer wieder, monatelang. Dann führt sie wieder ein normales Leben, spielt Volleyball, Fussball, der Rücken schmerzt nur gelegentlich. 1975 beginnt sie eine Lehre als Spielwarenverkäuferin, wechselt dann in den kaufmännischen Bereich.

Antrag auf Umschulung abgelehnt

In den achtziger Jahren ist sie in mehreren Büros tätig und häufig mit der Buchhaltung betraut, auch wenn sie dazu nie eine spezifische Ausbildung absolviert. 2004 macht sich schliesslich ihre Skoliose wieder bemerkbar: Eisenegger, die beruflich umgesattelt hat und zu 50 Prozent als Hauspflegerin für die Spitex tätig ist, quälen starke Schmerzen. Sie leidet unter Lähmungserscheinungen in der linken Hüfte, kann kaum noch gehen. Im Herbst 2005 folgt die Kündigung: Gabriele Eisenegger ist zu 100 Prozent berufsinvalid, sie kann ihren Job nicht mehr ausüben.

Ein Fall für eine Invalidenrente? Nicht, wenn es nach der IV geht. Die nämlich stützt sich auf ein ärztliches Zeugnis, das Eisenegger 100-prozentige Arbeitsfähigkeit bei «leichten Tätigkeiten» bescheinigt, solange sie Pausen frei einlegen könne. Und beschliesst: «Gemäss medizinischerBeurteilung ist es Ihnen gesundheitlich möglich, eine behinderungsangepasste Tätigkeit auszuführen. Die Tätigkeit sollte leicht, wechselbelastend und vorwiegend sitzend ausgeführt werden (z. B. Bürotätigkeit).»

Eisenegger sucht also einen Bürojob. Bewirbt sich dutzendfach – und erhält nur Absagen. «Ist ja nicht weiter verwunderlich, dass mich niemand will», sagt sie. «Ohne kaufmännische Ausbildung bin ich gar nicht qualifiziert für eine Bürotätigkeit.»

Eisenegger beantragt eine Umschulung, um fit zu werden für einen Bürojob. Die IV schmettert den Antrag ab. Begründung: Eisenegger habe «viele Jahre lang als kaufmännische Angestellte gearbeitet», damit sei sie «sowohl angestammt wie angepasst voll arbeitsfähig». Gabriele Eisenegger ist aber vor allem eins: verzweifelt. «Ich habe keine Ahnung, was ich nun tun soll.»

Gegenwärtig ist beim Sozialversicherungsgericht noch eine Beschwerde gegen den abschlägigen Rentenentscheid hängig; Eiseneggers Anwalt Kaspar Gehring, ein Spezialist auf dem Gebiet der Invalidenversicherung, kennt solche Fälle zur Genüge. «Gabriele Eisenegger ist kein Einzelfall», sagt er. «Es kommt oft vor, dass die IV erkrankte Arbeitnehmer in den Arbeitsmarkt zurückschickt – mit dem Argument, sie könnten ja ‹leichte Tätigkeiten› ausführen. Ohne sich darum zu scheren, ob es diese leichten Tätigkeiten überhaupt gibt.» Nach aktueller Gesetzeslage und Rechtsprechung dürfe die IV dies zwar. «Störend ist aber, dass die IV meist zu wenig tut, um Versicherte wieder in den Arbeitsmarkt einzugliedern.»

In der Privatwirtschaft gibt es immer weniger Jobs für wenig Qualifizierte – dort ortet Anwalt Gehring das Problem: «Die Wirtschaft übernimmt da ihre soziale Verantwortung nicht. Man müsste die Firmen gesetzlich verpflichten, niederschwellige Jobs für Arbeitnehmer anzubieten, die leistungsmässig eingeschränkt sind.» Alle Bemühungen, die in diese Richtung abzielten, scheiterten aber bislang. «Wirtschaftsvertreter versicherten stets, das werde auf freiwilliger Basis geschehen. Wie wir heute sehen, waren das leere Versprechungen.»

«Die Chancen sinken»

Zusätzlich erschwert wird die Lage für Menschen wie Gabriele Eisenegger durch die Wirtschaftskrise. «Auch gut qualifizierte Arbeitnehmer verlieren heute ihre Stelle», sagt Irene Tschopp, Sprecherin des Amts für Wirtschaft und Arbeit des Kantons Zürich. «Damit haben die Firmen, die eine Stelle zu besetzen haben, grössere Auswahl – und die Chancen für Stellensuchende mit weniger guten Qualifikationen oder Gesundheitsschäden sinken.»

Gabriele Eisenegger hofft weiter auf ein Einlenken der IV. «Ich bin berufsinvalid, also will ich zur Entschädigung eine Rente oder eine Umschulung, damit ich die Chance habe, wieder eine Arbeit zu finden», sagt sie. «Mir keins von beidem zu geben – das geht doch nicht.»

Veröffentlicht am 2009 M06 08