Manchmal sterben Menschen, und niemand merkt es. Was dann noch übrig bleibt, ist nichts für zarte Gemüter und stinkt zum Himmel. Dennoch müssen die sterblichen Überreste bestattet, die Räumlichkeiten gereinigt werden.

Das Säubern solcher Wohnungen und Häuser übernehmen nebst Reinigungsinstituten häufig Schädlingsbekämpfungsfirmen – schliesslich stellen sich in warmen Wohnungen und in den wärmeren Jahreszeiten bereits nach zwei, drei Tagen Fliegen und ihre Brut ein. Der Gestank durchdringt die dünnen Einweg-Schutzanzüge, setzt sich in den Haaren, auf der Haut und in der Nase fest. «Man kann die Leute nach getaner Arbeit wirklich nicht guten Gewissens in die nächste Bäckerei schicken», sagt Marcel Hertig, Serviceleiter beim Schädlingsbekämpfer Rentokil. «Sie riechen zu stark.»

Hertig arbeitet seit sechs Jahren in der Schädlingsbekämpfungsbranche und hat schon etliche solcher Räumungen mitgemacht. «Mein Bekanntenkreis hat keine Probleme mit meinem Beruf. Allerdings würden die allerwenigsten diesen Job selber machen», erzählt der 27-Jährige. Obwohl diese Arbeit kaum einer verrichten will, wird sie keineswegs fürstlich entlöhnt: «Ein Servicetechniker verdient bei uns zwischen 4000 und 5000 Franken brutto», sagt Hertig. Für Einsätze in Leichenwohnungen erhalten die Mitarbeiter einen Bonus von rund 100 Franken – wenig Lohn für physisch wie psychisch harte Arbeit und null Sozialprestige.

Doch für die Verfechter der freien Marktwirtschaft gibt es daran wenig auszusetzen. So führt Peter Hasler, Direktor des Schweizerischen Arbeitgeberverbands, die schlechte Bezahlung so genannter Knochenjobs auf die Wechselwirkung von Angebot und Nachfrage zurück (siehe Artikel zum Thema «Peter Hasler: Es gibt keinen gerechten Lohn»).

300'000 Franken für fünf Tage Arbeit

«Das Modell von Angebot und Nachfrage, dass also die Nachfrage den Preis bestimmt, bestätigt sich in der Arbeitswelt nicht in jeder Hinsicht», widerspricht der Basler Arbeitssoziologe Peter Streckeisen vom Soziologischen Institut der Uni Basel. «Es gibt viele Leute, die Manager sein wollen, dennoch verdienen die Firmenchefs sehr viel. Kaum jemand reisst sich aber darum, Kanalisationsarbeiter zu werden, und trotzdem werden dort keine astronomischen Löhne bezahlt.»

Vergütungssysteme sind generell, so Mario von Cranach, Präsident des Netzwerks für sozial verantwortliche Wirtschaft, nur teilweise «gerecht», vor allem auch hinsichtlich der Lohnspanne. «Und auch die Nützlichkeit für die Gesellschaft schlägt sich nur bedingt im Lohn nieder. Sonst würde ein Müllmann ja mehr verdienen als etwa ein Spekulant. Dem ist aber leider nicht so.»

Tatsächlich scheint eine Tätigkeit umso mehr abzuwerfen, je weiter sie von den Grundbedürfnissen entfernt und je unklarer ihr Nutzen für die Gesellschaft ist. Etwa im Fall von Andres Leuenberger. Der Expräsident der früheren Rentenanstalt liess sich sein Verwaltungsratsmandat beim Basler Pharmakonzern Roche im vergangenen Jahr mit über 300'000 Franken vergüten. Eine Summe, für die Kammerjäger Marcel Hertig rund fünf Jahre arbeiten muss. Leuenberger hingegen schaffte es in ungleich kürzerer Zeit – der Verwaltungsrat des Pharmamultis tagte 2003 lediglich fünf Mal.

Von einem solchen Verhältnis zwischen Arbeitsaufwand und Ertrag brauchen die meisten Arbeitnehmenden nicht einmal zu träumen. Über ein Viertel der Vollzeitbeschäftigten in der Schweiz verdiente im Jahr 2002 – das sind die jüngsten Zahlen des Bundesamts für Statistik – zwischen 4000 und 5000 Franken. Knapp ein Fünftel musste sich am Monatsende mit lediglich 3000 bis 4000 Franken bescheiden. Brutto, versteht sich.

Nicht selten unter dem Minimallohn

Mit am untersten Ende der Lohnskala befinden sich die über 200'000 Angestellten der Gastronomie. In dieser Branche liegt das Lohnmittel ohnehin ein Drittel unter dem gesamtschweizerischen Niveau. Der durch den Landes-Gesamtarbeitsvertrag (L-GAV) geregelte Bruttomindestlohn beträgt gerade mal 3120 Franken. Doch weder Bruttolöhne noch Arbeitszeitbeschränkungen werden immer eingehalten: Laut Mauro Moretto, Zentralsekretär der Gewerkschaft Unia, ergaben Stichprobenkontrollen im Jahr 2002, dass ein Drittel der Betriebe im jeweils kontrollierten Punkt den L-GAV nicht erfüllten.

Die meisten Verstösse betreffen die Lohnzahlungen. Obwohl die Angestellten oft zehn Stunden am Tag arbeiten, häufig sogar sechs Tage die Woche, erhalten sie nicht selten weniger als den Minimallohn, werden um Schichtzulagen und Überstundenauszahlungen betrogen.

«Im Prinzip geht es um die faire Verteilung des gemeinsam Erwirtschafteten», sagt Ulrich Thielemann, Wirtschaftsethiker an der Universität St. Gallen. «Tatsächlich werden die unangenehmen Jobs selbst in der Schweiz, die wohl eines der höchsten Lohnniveaus der Welt hat, tendenziell eher zu schlecht bezahlt. Dem gilt es entgegenzuwirken.»

«Eine unausgewogene Lohnverteilung hängt vor allem damit zusammen, dass nicht alle Menschen dieselbe Fülle an Alternativen oder überhaupt das Wissen um Alternativen haben», erklärt Sabina Renate Littmann-Wernli vom Institut für Wirtschaftsforschung der ETH Zürich. Abhelfen könne man diesem Missstand ihrer Ansicht nach vor allem mit besserer Bildung. Die dafür notwendigen Investitionen kommen schliesslich allen zugute. Denn, so die Ökonomin: «Bildung ist die grösste Chance für eine Gesellschaft, langfristig zu überleben.»

Nicht nur die finanzielle Entschädigung lässt bei vielen Knochenjobs zu wünschen übrig, auch mit dem Ansehen in der Gesellschaft hapert es. Statt Dankbarkeit ernten Müllmänner und Konsorten in so genannt niederen Jobs nicht selten Verachtung – trotz der Tatsache, dass wir ohne ihre Arbeit im Unrat ersticken müssten, auf löchrigen Strassen fahren würden, ja nicht einmal einen Einkaufswagen zur Hand hätten. «Recht häufig werden wir angeschnauzt und kriegen Schimpfwörter zu hören», sagt Salvador Soares, der in einem Einkaufszentrum elf Stunden am Tag Einkaufswagen zusammensucht (siehe Artikel zum Thema «Knochenjobs: Vier Portraits»).

Wer einen Job am unteren Ende der sozialen Leiter verrichtet, wird unter Umständen sogar privat mit Nichtachtung gestraft. «Eine Arbeitskollegin von mir wurde in den Ferien mal gefragt, was sie denn arbeite. Als sie sagte, sie sei Klofrau, mochte niemand aus der Gruppe mehr mit ihr reden», erzählt Michèle Maret, die selber seit 32 Jahren bei Züri-WC arbeitet.

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Frauen und Ausländer stark betroffen

«Das Sozialprestige einer Tätigkeit, also deren gesellschaftliche Wertschätzung, ist gemessen am Inhalt der Arbeit völlig willkürlich», sagt der Arbeitssoziologe Peter Streckeisen. «Bekannt ist allerdings der deutliche Zusammenhang zwischen tiefem Sozialprestige und niedrigem Lohn sowie Geschlecht und Nationalität. Tiefe Löhne werden vor allem dort bezahlt, wo viele Frauen und ausländische Arbeitskräfte beschäftigt sind.»

Dass mit geringeren Chancen auf dem Arbeitsmarkt grössere Gesundheitsrisiken und eine tiefere Lebenserwartung einhergehen, belegt auch eine neue Studie von Caritas Schweiz. Tatsächlich sind viele der schlecht bezahlten Arbeiten nicht nur unappetitlich, sondern auch ungesund und gefährlich.

Beispielsweise die Wartung der Kanalisation. «Die Zustände in den Kanälen sind katastrophal. Überall hat es Ratten, Blut, Monatsbinden, Maden, Kot», erzählt Ferenc David, ein ehemaliger Kanalarbeiter. «Zudem entwickeln sich dort unten häufig giftige und explosive Gase.» David, der diese Arbeit 15 Jahre lang im Auftrag unterschiedlicher Firmen verrichtet hat, verdiente am Anfang 2800 Franken. Sein Höchstlohn betrug 5200 Franken.

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Schuften unter grösster Lebensgefahr

Unter besonders grosser Gefahr für Leib und Leben arbeiten Autobahnbauarbeiter – obwohl die zuständigen Baudirektionen allerhand unternehmen, um das Unfallrisiko zu reduzieren. «Die Gefahr, angefahren zu werden, ist gross. Es gab schon Mitarbeiter, die sich aus Angst geweigert haben, weiterhin auf der Autobahn zu arbeiten», sagt Urs Egger, Chef Autobahnunterhalt im Kanton Zürich. «Es ist schon deprimierend. Die Arbeiter gehen für 5000 bis 6000 Franken Lohn im Monat Tag für Tag ein grosses Risiko ein, ernten dafür aber oftmals Beleidigungen und werden sogar mit Sachen beworfen.»