Nicht alle leiden unter der Krise: Die Allianz Suisse konnte in den ersten neun Monaten des Krisenjahrs 2009 «stabile operative Ergebnisse» vermelden. Dennoch schloss der Versicherer 26 von 66 Generalagenturen. Eine Reihe der betroffenen Generalagenten will nun gegen den Konzern klagen, da sie sich geprellt fühlen.

Dabei hatte Allianz-Distributionsleiter Roland Rykart sich selber öffentlich für sein verständnisvolles Vorgehen bei diesem Abbau gelobt. «Ich habe persönlich mit jedem der 66 Generalagenten ein Gespräch geführt», betonte er in der Fachzeitschrift «Schweizer Versicherung». «Praktisch allen bisherigen Generalagenten konnten wir ein Angebot unterbreiten.»

Weniger freundlich hat Roland Ueltschi die Unterredung in Erinnerung, der bei dieser Gelegenheit als Leiter der Generalagentur Zürich-West abgesetzt wurde. «Das Gespräch dauerte gerade mal eine Viertelstunde», sagt er. «Rykart teilte mir mit, dass meine Generalagentur bestehen bleibe, aber künftig von jemand anderem geleitet werde.» Ein berufliches Angebot könne er Ueltschi nicht unterbreiten, habe Rykart dann noch gesagt.

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Die Leistung von Generalagent Ueltschi dürfte kaum der Grund für die abrupte Absetzung gewesen sein: In den vier Jahren seiner Tätigkeit für die Allianz gehörte Zürich-West zweimal zu den besten zehn Generalagenturen. Der Konzern belohnte Ueltschi sogar mit einer Ferienreise nach Athen. Aber: Ueltschi sagte auch klipp und klar, wo er Verbesserungsbedarf sah. «Theoretisch ist sachliche Kritik erwünscht, tatsächlich sind aber nur Jasager gefragt», so seine ernüchterte Bilanz.

Agenten haften mit privatem Vermögen

Die Generalagenten arbeiten auf eigene Rechnung. Die Allianz schreibt vor, dass sie rechtlich Einzelunternehmer sein müssen. Das bedeutet: Sie haften mit ihrem privaten Vermögen. Ein wichtiger Punkt für Ueltschi. Denn er hatte 2006 Hunderttausende von Franken in neue Büroräume für seine Generalagentur investiert, die damals über 30 Mitarbeiter zählte. «Als die Allianz mir nur drei Jahre später die Generalagentur wegnahm, wollte sie mich mit einer völlig ungenügenden Summe abspeisen.» Offen sind auch weitere Posten, etwa die sogenannte Kundschaftsentschädigung, eine Abgeltung dafür, dass sich die Zahl der Klienten erhöht hat. Ueltschi: «Bis jetzt habe ich keinen einzigen Franken erhalten.»

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Ähnliches haben auch andere abgesetzte Generalagenten erlebt, die aufgrund ihrer beruflichen Lage anonym bleiben müssen: Sie sprechen ebenfalls von «ausstehenden Entschädigungen», «ungedeckten Kosten» und «lächerlichen Angeboten» des Versicherungskonzerns. Einer bezeichnet die Vorgehensweise der Allianz Suisse als «abwertend und zum Teil arrogant». Ein weiterer sagt: «In menschlicher Hinsicht war das Vorgehen unter jedem Hund.»

Allianz Suisse stellt die Sache anders dar. «Ausser in zwei Fällen wurde jedem Generalagenten ein aus unserer Sicht valables berufliches Angebot unterbreitet», meint Sprecher Hansjörg Leibundgut. Die «grosse Mehrheit» habe die Angebote akzeptiert. «In den allermeisten Fällen» habe man sich auch bezüglich der Kosten geeinigt. Leibundgut bestätigt jedoch, dass «in einigen wenigen Fällen» die Frage der Kundschaftsentschädigung offenblieb – und deswegen Gerichtsverfahren anstehen: «Hier muss auf dem Rechtsweg eine Lösung gefunden werden.»

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Prozesslust könnte teure Folgen haben

Es bleibt nur der Weg über das Gericht, weil die Allianz zumindest im Fall von Ueltschi das Angebot ausgeschlagen hat, eine gütliche Einigung zu suchen. Sein Anwalt Philipp Juchli blickt einem Gerichtsverfahren zuversichtlich entgegen. Seine Kanzlei hat kürzlich in einem ähnlichen Fall erreicht, dass die Allianz kurz vor dem Prozess doch noch klein beigab.

Die Ironie der Geschichte: Falls die Allianz auf der harten Tour beharren sollte, könnte ihre Prozesslust sie teuer zu stehen kommen. Schon jetzt steht fest, dass sie auch die Anwaltskosten der Gegenpartei berappen muss. Denn als ehemaliger Generalagent besitzt Ueltschi eine Rechtsschutzversicherung – bei der Allianz-Tochtergesellschaft CAP.