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GleichstellungsgesetzWas die Lohnanalyse bringen wird

Noch immer verdienen Frauen weniger als Männer. Ein neues Gesetz soll Abhilfe schaffen. Kritiker zweifeln.

7,7 Prozent Lohnunterschied zwischen Mann und Frau sind nicht anders als mit dem Geschlecht zu erklären.
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aktualisiert am 25. April 2019

Mann und Frau haben Anspruch auf gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit. So steht es in der Bundesverfassung – seit mittlerweile 38 Jahren. Doch die Realität sieht anders aus. Immer noch gibt es einen Lohnunterschied von 7,7 Prozent, der nicht anders als mit dem Geschlecht zu erklären ist.

Im Jahr 2014 nahm der Bundesrat deshalb die Revision des Gleichstellungsgesetzes an die Hand. Das neue Gesetz liegt jetzt vor. Die Referendumsfrist ist am 8. April 2019 ungenutzt verstrichen. Der Bundesrat muss nun entscheiden, wann die neuen Regelungen in Kraft treten.

Keine Lohnanalyse, keine Sanktionen

Arbeitgeber mit über 100 Beschäftigten müssen neu die Löhne innerhalb ihrer Firma wissenschaftlich analysieren und das Ergebnis von einer Revisionsgesellschaft oder einer Arbeitnehmervertretung überprüfen lassen. Die Idee: Wenn Firmen Lohnungleichheiten zwischen den Geschlechtern Lohnungleichheit «Ich verdiene mehr als du!» feststellen, werden sie sie freiwillig und von sich aus beseitigen.

Sanktionen sieht das neue Gleichstellungsgesetz aber keine vor. Nicht einmal für Unternehmen, die widerrechtlich gar keine Lohngleichheitsanalyse durchführen. Und auch nicht, wenn Firmen nach einer festgestellten Lohnungleichheit untätig bleiben. Dann sind sie einzig verpflichtet, ihre Lohnstruktur alle vier Jahre zu überprüfen – so lange, bis keine Ungleichheiten mehr festgestellt werden können. Wenn die Revisionsgesellschaft oder die Arbeitnehmervertretung einer Firma eine reine Weste attestiert, muss die überhaupt nichts mehr unternehmen.

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Bessere Chancen für Klagen

Einen Vorteil bringt das Gesetz für Angestellte, die wegen Lohndiskriminierung klagen wollen. Die Firma muss die Belegschaft schriftlich über das Ergebnis der Lohnanalyse informieren. Das kann Angestellten wichtige Beweismittel liefern, um Diskriminierungen vor Gericht glaubhaft zu machen.

Interessenverbände und Fachleute sind sich allerdings nicht einig, ob die neue Regelung gegen die Lohndiskriminierung hilft.

Der Arbeitgeberverband zweifelt schon mal grundsätzlich an der Lohndiskriminierung. «Die noch bestehenden Lohnunterschiede zwischen Frauen und Männern haben ihre Ursache nicht in systematischen Diskriminierungspraktiken der Firmen, sondern vielmehr in der noch mangelhaften Vereinbarkeit von Berufs- und Familienleben Mutterschaft Ihre Rechte beim Wiedereinstieg in den Beruf », meint Daniella Lützelschwab, Mitglied der Geschäftsleitung.

Von der Politik fordert der Arbeitgeberverband daher nicht einen Eingriff in die Lohnpolitik der Firmen, sondern bessere Rahmenbedingungen für die Chancengleichheit von Müttern und Vätern – etwa ein attraktives Angebot externer Kinderbetreuung. Auch der Schweizerische Gewerbeverband SGV ist dagegen. Er sieht nur zusätzlichen administrativen Aufwand und höhere Kosten für die Unternehmen.

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Lohntransparenz könnte helfen

Anders sehen das die Befürworter. Für sie ist die Revision ein Schritt in die richtige Richtung. Zwar sei man enttäuscht, dass die Vorlage im Gesetzgebungsverfahren abgeschwächt worden sei. Ursprünglich sollten nämlich bereits Firmen mit mehr als 50 Beschäftigten in die Pflicht genommen werden. Durch den nun geltenden, doppelt so hohen Schwellenwert sind gerade mal 0,9 Prozent der Unternehmen in der Schweiz betroffen.

Bei Alliance F, dem Bund Schweizerischer Frauenorganisationen, ist man dennoch zuversichtlich. Profitieren von der Regelung können nämlich immerhin rund 45 Prozent der Arbeitnehmenden. «Der Druck auf alle anderen Firmen im privaten und öffentlich-rechtlichen Sektor, ihre Lohnsysteme ebenfalls auf Unrechtmässigkeiten zu überprüfen, wird nun steigen», sagt Geschäftsführerin Sophie Achermann.

«In erster Linie wird man mit dem revidierten Gleichstellungsgesetz für die Thematik Lohnungleichheit sensibilisiert.»

Kurt Pärli, Professor für Soziales Privatrecht, Universität Basel


Für Alliance F gäbe es aber ein weitaus effektiveres Mittel gegen Lohndiskriminierung: Lohntransparenz. Etwa indem Angestellte die Löhne von mehreren ähnlich qualifizierten Personen in gleicher Funktion erfragen könnten Über den Lohn reden Darf der Arbeitgeber das verbieten? – ein Modell, das in Deutschland praktiziert wird. Oder indem Löhne firmenintern transparent sind und auch bereits in den Stelleninseraten genannt werden. Der Kaufmännische Verband Schweiz unterstützt die Pflicht zur Lohnanalyse. Es brauche aber zusätzliche Regeln, damit die Lohnungleichheit nicht im Nachhinein bekämpft werden müsse, sondern gar nicht erst auftrete. So entstehe ein unerklärbarer Lohnunterschied bereits beim Berufseinstieg Vorstellungsgespräch So punkten Sie beim ersten Eindruck , obwohl die gleiche Tätigkeit bei gleicher Ausbildung gewählt werde. «Typische Frauenberufe» werden dabei noch zusätzlich benachteiligt.

Der Kaufmännische Verband macht sich deshalb für ein geschlechterneutrales Lohnsystem stark – von der Bewertung des Arbeitsplatzes über die gesamte berufliche Laufbahn hinweg. Per Selbstdeklaration sollten sich Arbeitgeber zu einem diskriminierungsfreien Lohnsystem bekennen, und eine Revisionsstelle solle das regelmässig prüfen.

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«Das Gleichstellungsgesetz müsste noch verbessert werden»

Die Revision des Gleichstellungsgesetzes werde in erster Linie eine Sensibilisierung für die Thematik bringen, sagt Kurt Pärli, Professor für Soziales Privatrecht an der Universität Basel. «Zumindest kurzfristig wird sich aber nichts ändern.» Für sich allein bringe das neue Gesetz relativ viel Aufwand für relativ wenig Ertrag.

Er findet, das Gleichstellungsgesetz müsse an anderer Stelle verbessert werden, etwa mit verhältnismässigen und abschreckenden Sanktionen, die über eine Lohnnachzahlung hinausgehen. Wer im Bewerbungsprozess wegen des Geschlechts diskriminiert Diskriminierendes Stelleninserat «Mütter unerwünscht» werde, solle künftig weniger starke Beweise erbringen müssen. Und Gleichstellungsbüros müssten mehr Kompetenzen erhalten, um Ungerechtigkeiten untersuchen zu können.

Ein zentrales Problem sieht Pärli beim strukturellen, geschlechtsspezifischen Lohngefälle. «Darum sollte man vor allem auch die Nachteile von Mutterschaft und Teilzeitarbeit hinsichtlich Lohnentwicklung untersuchen.»

Ob das neue Gesetz etwas taugt, wird sich spätestens neun Jahre nach Inkrafttreten zeigen. Dann muss der Bundesrat dem Parlament Bericht erstatten über die Wirksamkeit und allfällige weitere Massnahmen.

Beim Lohn diskriminiert: Was tun?

Wer vermutet, dass er oder sie beim Lohn diskriminiert wird, sollte versuchen, sich mit dem Arbeitgeber zu einigen. Wenn das nichts bringt, kann man sich an die kantonale Schlichtungsstelle für Diskriminierung im Erwerbsleben wenden oder ans zuständige Gericht (siehe unter «Lohngleichheit» unten bei Guider).

Mit einer Klage kann man den gleichen Lohn für die Zukunft fordern, aber auch eine Nachzahlung der Lohndifferenz für die letzten fünf Jahre. Angestellte müssen dabei glaubhaft machen, dass sie ungerecht entlöhnt werden. Wenn sich das Verfahren auf eine grössere Zahl von Arbeitsverhältnissen auswirkt, kann auch ein Berufsverband oder eine Gleichstellungsorganisation klagen.

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2 Kommentare

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Yvonne51

Sehr bedenklich, wenn nun auch noch der Beobachter diesen Mythos aufrecht erhält, dass Frauen weniger verdienen. Alle Lohnstudien beweisen nur, dass Teilzeitarbeit proportional im Durchschnitt nicht gleich gut bezahlt wird wie Vollzeitarbeit. Daraus zu schliessen, dass Frauen (sie arbeiten viel öfters Teilzeit als Männer) deshalb diskriminiert werden, ist mehr als tendenziös, denn öfters trifft sogar das Gegenteil zu, dass nämlich Vollzeitangestellte (vor allem bei hochqualifizierten Berufen) gegenüber 40% Angestellten nur das 2.5-fache verdienen. Selbst wenn beide pro Stunde gleich viel leisten, haben eben fünf 40%er 2.5 x mehr unproduktive Zeit (Admin., Meetings, Weiterbildung, Übergaben, etc.) als zwei 100%er. Kommt hinzu, dass Führung und Koordination von z.B. zehn 40%er viel aufwändiger ist als von vier 100%er und oft Führungsaufgaben nicht auf beliebig viele Leute aufgeteilt werden können. Es ist nun einmal fair und vernünftig, wenn sich der Lohn an der tatsächlich geleisteten Arbeit und nicht an der Anzahl abgesessener Stunden orientiert

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fabienne25

Was für eine politische Bieridee ist das denn? Ein Gesetz, das zum Inhalt hat, dass ein anderes Gesetz eingehalten wird? Das zeigt, wie wichtig es den Politikern ist. Ich fasse es nicht. Was für Superhirne sind da am Ruder?

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