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Duzen in Firmen«Du, Chef»

In immer mehr Firmen sagen die Angestellten zum Chef Du. Gut für alle oder nur für ihn? Arbeitspsychologen streiten sich.

Das Du kann Distanz abbauen. Doch Distanz bedeutet für den Untergebenen auch Schutz.
von aktualisiert am 01. März 2019

Über eine halbe Million Franken verdient Postauto-Chef Christian Plüss im Jahr, Postautochauffeur Mario Guidi* gut 70'000 Franken. Guidi ist Herr über sein Postauto, Plüss über einen Konzern mit 4000 Mitarbeitern. Sollte Plüss aber jemals auf Guidi treffen, darf dieser ihn mit «Hoi Christian» ansprechen – als wären sie Kollegen.

Das Du für alle war eine der ersten Neuerungen, die der neue Postautochef bei seinem Antritt im November eingeführt hat. Er folgt damit einem Trend. Längst pflegen nicht mehr nur amerikanisch geprägte Firmen Knigge Andere Länder, andere Sitten wie PricewaterhouseCoopers eine Duzis-Kultur, sondern auch immer mehr traditionelle Schweizer Unternehmen. Plüss will «Distanz zum Management abbauen und signalisieren, dass wir ein Team sind», sagte er dem «Tages-Anzeiger».

Der Chef bestimmt, ob geduzt wird

Von vielen Fachleuten gabs dafür Beifall: «Das Du ist ein Angebot von Nähe. Es schafft Zusammengehörigkeit, baut Distanzen, Formalitäten und Hemmschwellen ab, man kommuniziert auf Augenhöhe», sagte Stefan Heer in einem Interview mit der Zeitschrift «Bilanz». Durch die kollegiale Anrede entstehe ein partnerschaftliches Klima, ein besseres Gemeinschaftsgefühl, das die Teamarbeit stärkt. Heers Fazit ist deshalb: «Will man effizient arbeiten, sollte man duzen».
 

«Die Du-Form kann einen in emotionale Geiselhaft nehmen.»

Martin Wehrle, Karrierecoach
 

Nicht alle seine Kollegen aber sind dieser Meinung: «An Hierarchien und Distanzen zwischen Chef und Angestellten ändert das Du gar nichts», sagt Felix Frei, Arbeitspsychologe und Unternehmensberater. Das zeige bereits die Tatsache, dass nur der Vorgesetzte vorschlagen kann, dass man sich duzt. «Wenn eine Firma das Du auf allen Stufen einführt, ist das eine Direktive von oben herab.» Bei Postauto allerdings betonte Chef Plüss, dass jeder, der will, auch beim Sie bleiben kann.

Distanz bedeutet auch Schutz

Für den bekannten deutschen Karrierecoach Martin Wehrle nützt das Du vor allem den Chefs Schwierige Chefs So bekommen Sie Ihren Boss in den Griff . Ja, Distanzen würden verkürzt – aber zum Nachteil der Untergebenen. Denn Distanz bedeute auch Schutz. Zum Beispiel wenn der Chef Überstunden anregt: «Kannst du heute bitte einspringen?», «Mario, ich habe fest mit dir gerechnet» – solche Sätze in der Du-Form erzeugen eine emotionale Geiselhaft, schreibt er in einer Kolumne.

Was in der Sie-Form eine Zumutung Job und Privates trennen Wenn die Arbeit zu Hause weitergeht gewesen wäre, erscheint mit einem Du als Freundschaftsdienst. «Herrn Plüss», den Chef, würde man vielleicht auf die eigenen Rechte hinweisen; «Christian», den Menschen, kann man hingegen schlecht hängen lassen.

«Herr Bundespräsident» in der Sitzung, «Ueli» beim Kaffee

Dass die Anrede das Rollenverständnis verändern kann, sieht auch Arbeitspsychologe Frei. Der Bundesrat zum Beispiel sei sich dessen bewusst: In den Sitzungen sprechen sich die Magistraten mit «Frau Bundesrat» und «Herr Bundespräsident» an, in der Kaffeepause aber werden sie zu «Simonetta» und «Ueli». «Sie machen damit deutlich, dass bei den Geschäften der Mensch hinter das Amt respektive die Rolle zurücktritt.»
 

«Das Du mit dem Chef wird als Teil einer modernen Arbeitswelt verkauft, als Wohlfühl-Goodie wie der Pingpongtisch im Büro und der Yogakurs über Mittag.»

Felix Frei, Arbeitspsychologe und Unternehmensberater


Als Gefahr für Untergebene sieht Frei die neue Duz-Kultur aber nicht. Das Du könne durchaus zu einer entspannteren Atmosphäre beitragen im Umgang zwischen Chef und Angestellten. «Es entspricht dem Zeitgeist, heute wird man ja auch im Laden oft geduzt.» Wichtig sei, dass das Du für alle gelte und von Anfang an. «Dann finde ich es besser als die früher häufige Praxis, dieses Privileg nur gewissen Mitarbeitern zu gestatten.»

Kumpelhaftigkeit als Ersatz für Inhalt

Was Frei ärgert, ist die Art und Weise, wie viele Firmen das kollegiale Duzen zelebrieren. Das Du mit dem Chef werde als Teil einer modernen Arbeitswelt verkauft, als Wohlfühl-Goodie Betriebsfeier Muss ich wirklich zum Saufgelage? wie der Pingpongtisch im Büro und der Yogakurs über Mittag. All das ändere nichts daran, ob eine Arbeitsstelle gut sei, anregend, sozial zufriedenstellend und sinnstiftend.

Ebensowenig könne das Du mit dem Chef herbeiführen, das man respektvoll miteinander umgeht und auf Augenhöhe kommuniziert. «Wenn der Chef von Postauto seinen Mitarbeitern das Du anbietet, ist das nicht schlecht. Die Probleme, die es in dieser Firma anscheinend gibt Kommentar zum Postauto-Skandal Mit Gewinn in den Abgrund , werden damit aber in keiner Weise behoben.»

 

* fiktive Person als Beispiel für einen Postautochauffeur mit Durchschnittslohn

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Duzen und Siezen – das sind die Regeln

Der «Schweizer Business Knigge» empfiehlt folgendes Verhalten am Arbeitsplatz:
 

  • Der Chef bietet das Du an

Grundsätzlich gilt im Berufsleben, dass der Ranghöhere dem Rangniedrigeren das Du anbietet – sprich der Vorgesetzte seinem Mitarbeiter. Dies gilt auch, wenn der Mitarbeiter älter ist. Auf gleicher Hierarchiestufe sind die Dienstjahre im Unternehmen entscheidend. Das Geschlecht spielt dabei keine Rolle. In der Praxis ist es vielerorts so, dass es firmenintern einheitlich geregelt ist. Am ersten Arbeitstag also: Ohren offen halten oder sich erkundigen, wie die Ansprache geregelt ist.
 

  • Ein Du darf auch abgelehnt werden

Jedem steht es frei, ein Du abzulehnen, wenn er sich damit nicht wohl fühlt. Entscheidend ist, wie man es ablehnt. Bei einer Absage ist darauf zu achten, dass man den Anbietenden nicht irritiert. Stattdessen sollte man höflich und freundlich vorgehen, zunächst seine Freude darüber ausdrücken und zeigen, dass die Ablehnung nicht persönlich gemeint ist. Eine Begründung ist dabei zwar nicht nötig, kann aber helfen – eventuell mit dem Hinweis beispielsweise, dass man mit dem Sie so gute Erfahrungen gemacht habe und bei dieser Form bleiben möchte.
 

  • Wer einmal beim Du ist, der bleibt beim Du

Grundsätzlich ist das so. Manchmal gibt es jedoch ein Duz-Verhältnis für eine bestimmte Zeit, etwa unter Seminarteilnehmern oder beim Betriebssport. Wichtig dabei ist, dass von Beginn an deutlich wird, dass es sich nur um ein temporäres Du handelt, das das Siezen im Berufsalltag nicht ausser Kraft setzt. Mittlerweile wird das aber eher selten so gehandhabt und ist auch etwas befremdlich.

 

  • Wie verhalte ich mich als neues Team-Mitglied in einem Unternehmen, in dem sich alle duzen?

Man wird auf diesen Umstand hoffentlich sehr schnell hingewiesen und dann spricht man die Personen auch entsprechend an.
 

  • Wie schreibe ich einen Vorgesetzten per Email an, wenn sich im Unternehmen eigentlich alle duzen, ich ihn aber noch nie getroffen habe?

Wenn im Unternehmen die Du-Regel praktiziert wird, dann wird man auch diese Person mit Vornamen ansprechen. Etwas eigentümlich wird das einem nur persönlich vorkommen, die anderen haben sich längst daran gewöhnt.
 

  • Einladung zum Meeting per E-Mail, ich duze aber nicht alle Eingeladenen – was tun?

Dann sind die Personen mit Du beziehungsweise mit Sie anzusprechen. Es tönte etwas kompliziert, aber das kann durch eine geschickte Formulierung einigermassen elegant gelöst werden.

«Jede Woche das Beste vom Beobachter»

Raphael Brunner, Online-Redaktor

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